APRIL
2005

 
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viventura-Reisen

Krieg der Ampelmännchen: Der späte Sieg des Ostens

 

Es fing ganz harmlos an. Dort, wo die Westberlinerin wohnt, standen auf einmal Verkehrspolizisten auf der Kreuzung. Offensichtlich wurde an der Ampel herumgewerkelt. Als die Westberlinerin das nächste Mal zu der Kreuzung kam, sah sie erst mal gar nichts. Die Kreuzung hatte eine neue Ampel bekommen, die so hell schien, dass es zur Beleuchtung des Berliner Olympiastadions ausgereicht hätte. Aber noch etwas war geschehen: Das gewohnte West-Ampelmännchen war durch ein Ost-Männchen ersetzt worden, so eins, wie es auf T-Shirts, Tassen und Radiergummis prangt, die man in jedem Berlin-Souvenirladen kaufen kann.

Zuerst glaubte die Westberlinerin noch an einen Zufall - vielleicht hatten sie gerade eine Ost-Ampel übrig gehabt. Aber es wurde immer unheimlicher. Die strahlend hellen Ost-Ampelmännchen häuften sich und eroberten sogar das tief westberlinerische Zehlendorf. Die verwirrte Westberlinerin durchforstete vergebens die Tageszeitung auf der Suche nach einer Erklärung. Sie erinnerte sich noch an die Welle des Protestes damals nach der Wende, als es darum ging, die Ost-Ampeln den alten Bundesländern anzupassen. 1996 wurde in Berlin sogar ein 40-köpfiges Komitee zur "Rettung des Ost-Ampelmännchens" gegründet. Es gelang, den sympathischen Hutträger vor den "West-Kolonisatoren" zu retten, und die Westberlinerin war froh darüber. Seitdem hatte sich das Ost-Männchen zu einer Ikone ostalgischer Identitätsbekundungen aufgeschwungen, es war ein Kultobjekt, ein Popstar.

Und nun - das Ende des Ampelmännchens (West)? Aber warum?

Einige Zeit später erfuhr die Westberlinerin endlich, was es mit den neuen Ampeln auf sich hatte. Sie funktionieren nicht mehr mit herkömmlichen Glühbirnen, sondern mit Leuchtdioden, auch LEDs genannt, für "Light Emitting Diode". Das hellere LED-Licht ist auch im Sonnenlicht einwandfrei zu erkennen, ohne dass gefährliche Phantombilder entstehen können (dass es einen allerdings auch ziemlich blenden kann, wird weniger bedacht). Darüber hinaus verbrauchen die Dioden deutlich weniger Energie und sind praktisch wartungsfrei. Einen Grund, warum nur Ost-Ampelmännchen in den Genuss der neuen LED-Technik kommen, lieferte man der Westberlinerin nicht; sie kann sich aber vorstellen, dass es an den Speckröllchen des Ost-Männchens liegt: Es ist nicht so mager wie sein Westkollege und bietet daher eine größere Lichtfläche. Die moderne Technik verhilft ihm zu einem späten Sieg über seinen Rivalen, wer hätte das gedacht.

Trotz aller vernünftigen Argumente kommt die Westberlinerin jedoch nicht umhin, einen leichten Trennungsschmerz zu verspüren. Es hatte immer etwas Beruhigendes, anhand der Fußgängerampeln gleich zu wissen, in welchem Teil der Stadt man sich aufhielt. Die Westberlinerin sagt das ohne Spaltungsgedanken, es gehörte für sie einfach zum Stadtbild, zum Lokalkolorit. Zum ersten Mal erlebt sie am eigenen Leib, was ihre Mitbürger aus dem östlichen Teil der Stadt schon so oft mitmachen mussten: den Verlust des Gewohnten. Die Form eines Ampelmännchens ist, rational gesehen, völlig unerheblich, und doch birgt sie ein unbestreitbares emotionales Potential. Plötzlich kann die Westberlinerin etwas mehr Verständnis aufbringen für die inflationären Ostalgie-Shows, die sie im Fernsehen immer genervt hatten.

In zehn bis zwölf Jahren soll die Umrüstung der Verkehrsampeln in Berlin abgeschlossen sein. Und danach? Wird es dann in den Berliner Souvenirläden T-Shirts, Tassen und Radiergummis mit dem West-Ampelmännchen zu kaufen geben?

Bleibt zu hoffen, dass sie trotzdem ausbleibt - die große Westalgie-Welle.

aw

Nachtrag: Inzwischen schmückt sich im Westen der Stadt eine vereinzelte Ampelkreuzung mit einem West-LED-Männchen. Was mag der Grund sein? Die Lücke im System? Ein Versehen? Oder die Revolution von unten? Eine Verschwörung gegen die Verschwörung? Das Ganze ist wohl Teil einer größeren Logik, die wir Sterblichen mit unserer beschränkten Auffassungsgabe im Moment noch nicht durchschauen. Bei sachdienlichen Hinweisen wenden Sie sich bitte an die Redaktion (redaktion@ceryx.de) oder an das Gästebuch.