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2008

 
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HEIMWEH
Die Schweizer Krankheit

Nachdem Ceryx vor Kurzem der Hysterie auf den Zahn gefühlt hat, geht es diesmal um eine weitere seltsame Krankheit: das Heimweh. Diagnostiziert wurde sie erstmals im 17. Jahrhundert, als Schweizer Söldner beim Klang des „Kuhreihens“ massenhaft an Heimweh erkrankten und desertierten.


Der sogenannte Kuhreihen ist ein Hirtenlied, mit dem in den Schweizer Alpen die Kühe zum Melken angelockt wurden. Der Effekt auf die im Ausland verpflichteten Schweizer Söldner war so stark, dass es in manchen Ländern bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus bei harter Strafe verboten war, den Kuhreihen zu spielen oder zu singen. Der Elsässer Mediziner Johannes Hofer war der Erste, der 1688 in seiner Basler Dissertation De Nostalgia vulgo Heimwehe das Problem des Heimwehs erkannte und es zum Status einer Krankheit erhob, die fortan auch „Schweizerkrankheit“ genannt wurde. Symptome waren Entkräftung und Fieber bis hin zum Tod; eine Heilung konnte nur in der Heimreise bestehen.

Dass sich die Schweizer überhaupt so fern von ihrer Heimat befanden, lag an dem regen Handel mit schweizerischen Söldnern, die seit dem 13. Jahrhundert gegen „Provision“ an den König von Frankreich und andere Länder verkauft wurden. Dieser als Reislauf bezeichnete Menschenhandel bildete für die Kantone eine wichtige Einnahmequelle. Die Schweizer waren also stärker und früher als andere Völker ihrer Heimat entrissen.

Dennoch dauerte es bis ins 17. Jahrhundert, bis man auf die gesundheitlichen Konsequenzen des Reislaufs aufmerksam wurde. In seinem Aufsatz zur Schweizerkrankheit vertritt Udo Leuschner die These, dass dazu zunächst ein Wertewandel nötig war, der eng mit der Reformation zusammenhing: „In reformierten Kantonen wie Zürich waren Gewerbe und Handel weiter fortgeschritten als in den katholischen Kantonen. Es machte hier wirtschaftlich wenig Sinn, kräftige junge Männer gegen Pensionen ins Ausland zu schicken, um sie als Söldner für auswärtige Mächte töten oder verkrüppeln zu lassen.“ Der Zürcher Reformator Zwingli konnte daher 1519 die Abschaffung des Reislaufs in Zürich erreichen. Weitere Kantone folgten, bis 1859 schließlich ein Bundesratsbeschluss den Reislauf in der gesamten Schweiz verbot.

Die Reformation führte also dazu, dass der Söldnerhandel zunehmend in Frage gestellt wurde. Man begann, sich für die Situation der Soldaten zu interessieren. Nachdem Hofer die Heimwehkrankheit erstmals beschrieben hatte, wurde sie durch den Zürcher Arzt Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) weiter verbreitet. Während Hofer den Sitz der Krankheit im Gehirn verortete und sie als Folge des Verlusts des gewohnten Umfelds ansah, machte Scheuchzer den Luftdruck verantwortlich, der im Flachland höher sei als in den Alpen und deshalb den Blutkreislauf der Schweizer beeinträchtige. 1798 versicherte der Arzt Johann Gottfried Ebel, selbst Schweizer Kühe würden rasend vor Heimweh, würde ihnen in der Fremde der Kuhreihen vorgetragen.

Die Geschichte vom heimwehverursachenden Kuhreihen wurde unter anderem von Jean-Jacques Rousseau, Achim von Arnim und Clemens Brentano sowie in mehreren Opern aufgegriffen (vgl. dazu den Lexikon-Eintrag „Heimat“ von Christian Schmidt). Nicht zuletzt war sie Mitgrund für die Entstehung des Mythos um den heimatverbunden Schweizer, wie er sich auch in den „Heidi“-Geschichten findet. Die Schweiz wurde im 18. und 19. Jahrhundert als eine Art alpenländisches Arkadien betrachtet, in dem die Menschen noch im Einklang mit sich und der Natur lebten. Ihre Bewohner, so der Glaube, ertrugen die Trennung von der Heimat daher besonders schwer. Für ähnlich heimwehanfällig hielt man denn auch andere Naturvölker wie die Schotten, Lappländer, Eskimos oder Sibirier, doch der Schweizer war in dieser Hinsicht ungeschlagen (vgl. Leuschner).

So verkraftet auch Heidi die Entfremdung von ihrer alpenländischen Heimat schlecht, als sie ins ferne Frankfurt geschickt wird. Der hinzugerufene Arzt erkennt das Problem sofort:

„Sesemann, dein kleiner Schützling ist erstens mondsüchtig (...). Zweitens wird das Kind vom Heimweh verzehrt, so dass es schon jetzt fast zum Geripplein abgemagert ist und es noch völlig werden würde; also schnelle Hilfe! Für das erste Übel und die in hohem Grade stattfindende Nervenaufregung gibt es nur ein Heilmittel, nämlich, dass du sofort das Kind in die heimatliche Bergluft zurückversetzest; für das zweite gibt's ebenfalls nur eine Medizin, nämlich ganz dieselbe. Demnach reist das Kind morgen ab, das ist mein Rezept.“ (Johanna Spyri, Heidis Lehr- und Wanderjahre, Projekt Gutenberg-DE)

aw

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