JANUAR
2008

 
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DIE HYSTERIE
Die schillernde Krankheit

"Du bist ja hysterisch", sagen wir zu jemanden, der sich unkontrolliert verhält. Wenn wir damit auch keine ernstzunehmende Erkrankung mehr bezeichnen wollen, so kommt unsere Diagnose doch nicht von ungefähr: Keine Krankheit ist so unergründlich, so schillernd und so instrumentalisierbar wie die Hysterie.


Die Hysterie ist eine Krankheit, die ein so vielfältiges Set an Symptomen zeigt – von Krämpfen über Lähmungszuständen bis hin zu Sinnes- und Bewusstseinsstörungen –, dass man nicht von einem klar umrissenen Krankheitsbild sprechen kann. Beschwerden können an sämtlichen Körperteilen aufttreten, was sie so schwer lokalisierbar macht. Nichtsdestotrotz – oder vielmehr gerade deshalb – haben sich die Mediziner immer wieder an ihre Ergründung gemacht und sind dabei im Laufe der Jahrhunderte zu ganz unterschiedlichen Schlüssen gekommen, die zu den
absurdesten und die bahnbrechendsten Theorien der Medizingeschichte gehören.

Die Hysterie ist eine der ältesten beschriebenen Krankheiten überhaupt. Die Bezeichnung kommt von dem griechischen Wort hystera für "Gebärmutter" (vgl. das verwandte "Uterus"). Tatsächlich wurde die Hysterie in den antiken Darstellungen von Hippokrates und Platon als Krankheit der Gebärmutter begriffen. Nach der antiken Vorstellung war die Frau "feuchter" als der Mann. Um diesen Feuchtigkeitshaushalt aufrechtzuerhalten, war der Geschlechtsverkehr – sprich, die Versorgung mit Sperma – von entscheidender Bedeutung. Blieb dieser aus, konnte es dazu kommen, dass die Gebärmutter im Körper auf der Suche nach Feuchtigkeit "umherwanderte" und sich am Gehirn "festbiss", wo sie die typischen hysterischen Verhaltensweisen auslöste. Diese absonderlich anmutende Diagnose hatte ihren Ursprung wohl in einem der Symptome der Hysterie: Die Patientin hat das Gefühl, eine Art Kugel löse sich von der Region der Eierstöcke aus und wandere den Hals hinauf, wo sie zu Erstickungsgefühlen führt. Eine Heilung der Hysterie konnte in der besseren "Bewässerung" der Gebärmutter bestehen, wozu die Heirat und insbesondere die Mutterschaft geeignet schienen. Von Anfang an handelte es sich also um eine Krankheit mit physischer Ursache und psychischen Auswirkungen, deren Therapierung eine soziale Bedeutung zukam: die Einbindung der Frau in das patriarchalische System der Ehe.

Im Mittelalter galt die Hysterie als Zeichen der Besessenheit durch den Teufel. Im 18. und 19. Jahrhundert besann man sich auf die antike Diagnose zurück und deutete sie als gynäkologische Erkrankung der Gebärmutter, die sogar durch einen operativen Eingriff behandelt  wurde. Auch wenn man nicht mehr glaubte, die Gebärmutter könne im Körper umherwandern, so setzte man die Hysterie doch in Verbindung mit Sexualität. Sie trat nach damaligen Glauben meist mit der einsetzenden Pubertät und den damit verbundenen Veränderungen der Geschlechtsorgane auf; Schwangerschaft konnte sie beenden, ungezügeltes sexuelles Verhalten sie hervorrufen oder verstärken. Je nach Betrachtungsweise konnte letzteres auch ein Symptom der Krankheit sein statt ihre Ursache. Neben der Vererbung machte man jedoch auch erstmals psychische Faktoren wie Temperament und Charakter sowie soziale Faktoren wie Erziehung, Lebenswandel und soziale Stellung für die Erkrankung verantwortlich.

Mit dem Fortschritt der positivistischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert wurde die Hysterie zunehmend zu einer neurologischen Erkrankung umgedeutet. Ursache war demnach nicht eine Erkrankung der Gebärmutter, sondern eine Affektion des Nervensystems. Diese These wurde insbesondere von dem französischen Neurologen Jean-Martin Charcot (1825-1893) vertreten. Anhand von Fallbeispielen konnte er erstmals beweisen, dass auch Männer von der Hysterie betroffen sein konnten. In seinen Untersuchungen in der Nervenheilanstalt La Salpêtrière bei Paris machte er fünf Stadien des hysterischen Anfalls fest: 1. die eleptische Phase, 2. die Phase der Grimassen und Verrenkungen, etwa der typische "Kreisbogen" (nur Kopf und Füße berühren den Untergrund), 3. die Phase der leidenschaftlichen Haltungen (siehe die oben abgebildete Originalfotografie), 4. die Phase des Deliriums mit oder ohne Halluzinationen. Nach Charcots Tod offenbarten seine Schüler jedoch, dass die starken Symptome oftmals ein Resultat der Autosuggestion oder der Suggestion durch den Arzt gewesen waren: Charcot hatte sich seine Hysterikerinnen erst erschaffen.

Seitdem wurde die Hysterie vielfach als eingebildete Krankheit begriffen, von der Ärzte wie Patienten profitieren konnten. Den Ärzten erwies sie sich als dankbarer Gegenstand, den sie nach ihrem Gefallen formen konnten auch im Hinblick auf ihre Karriere. Den Patientinnen wiederum ermöglichte sie die Flucht vor seelischen Problemen, die oftmals im Zusammenhang mit ihrer aufoktroyierten Rolle als Ehefrau und Mutter standen. Gleichzeitig gerieten sie damit jedoch in eine starke Abhängigkeit zu ihrem Arzt, tauschten also das eine Gefängnis gegen ein neues ein. Auch die Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse mag eine mögliche Motivation gewesen sein: Wer Aufmerksamkeit wollte, konnte sie durch die Pathologisierung und Behandlung hysterischer Verhaltensweisen gewinnen.

Diese Entwicklung machte die Hysterie mehr zu einem psychischen Phänomen, während körperliche Ursachen in den Hintergrund traten. Trotz allem war die Hysterie bei Charcot und seinen Anhängern jedoch immer noch eine somatische Krankheit. Seelische Symptome hatten eine körperliche Ursache. Dies wurde von Sigmund Freud radikal umgekehrt: In seinen Studien über Hysterie, die er 1895 zusammen mit Josef Breuer herausgab, erkannte er die psychische Grundlage der hysterischen Beschwerden. Seine These war, dass die Hysterie die Folge eines sexuellen Traumas in der Kindheit ist, das ins Unterbewusstsein verdrängt wird und sich aufgrund der fehlenden Bewältigung durch körperliche Symptome Luft macht. Da demnach bei der Hysterie psychisches Leiden in körperliches konvertiert, führte Freud den Begriff der Konversionsneurose ein. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts avancierte Freuds Lehrmeinung zur gängigen Hysterie-Definition: Hysterie wurde als spezifische Psychoneurose verstanden, die auf einem ungelösten ödipalen Konflikt basiert.

Bald kamen jedoch Zweifel an dieser Definition auf. Auch ohne sexuelle Konflikte kam es zu hysterischen Symptomen; umgekehrt hatten nicht alle sexuellen Konflikte eine hysterische Erkrankung zur Folge. Der Begriff wurde daraufhin aufgeweicht; man sprach von "hysteroiden" Patienten, atypischen Hysterien, Psychosen mit hysterischen Zügen etc. In den 60er und 70er Jahren wurde schließlich die Forderung laut, auf den Begriff ganz zu verzichten, zumal der aufgeklärte, säkularisierte Westeuropäer zunehmend hysterieunfähig zu werden schien. Versuche, den Begriff zu retten, bestanden in einer Neukonzeptualisierung hin zur Definition der Hysterie als universeller Modus der Konfliktverarbeitung.

Dennoch gilt der Begriff der Hysterie allein schon aufgrund seiner diskriminierenden Etymologie heute als veraltet und wurde im ICD-10 durch die Bezeichnungen "dissoziative Störung" und "histrionische Persönlichkeitsstörung" ersetzt. Umgangssprachlich wird der Begriff allerdings weiter verwendet: Wenn wir jemanden als hysterisch bezeichnen, so werfen wir ihm damit sein theatralisches Verhalten vor, aus dem oft ein gesteigertes Geltungsbedürfnis spricht. In diesem Sinn wird Hysterie also nicht mehr als pathologische Erkrankung, sondern als Persönlichkeitsmerkmal verstanden.

Die Krankheit der Hysterie hat also im Lauf der Geschichte einen beispiellosen Wandel der Symptome, Diagnosen und Heilmethoden durchgemacht. Wie ein Chamäleon passt sie sich dem Stil, den Ausdrucksmodi und den Inhalten der verschiedenen Kulturen und Epochen an. Sie ist eine Krankheit ohne Krankheit, und gerade das macht sie so unausrottbar. Wer weiß, ob sie in zwanzig Jahren nicht eine Wiedergeburt erlebt und dann vielleicht für etwas ganz anderes gebraucht wird – ihre Faszination wird die Hysterie wohl nie ganz verlieren.

aw

Abbildung: Bourneville / Régnard, Iconographie iconographique de la Salpêtrière, Bd. II, Paris 1878.

© ceryx.de
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