APRIL
2002

 
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Das Oderbruch: Seine Geschichte bis zur Trockenlegung

 

Teil I

 

 

 

"Naturdenkmal Torulmen" vor dem Eingang eines mittlerweile völlig verfallenen Hauses vom Ende des 18. Jahrhunderts.

Nachdem das Oderbruch beim großen Hochwasser im Sommer 1997 wochenlang in den Medien war, liegt es längst wieder in dem für Brandenburg üblichen Dornröschenschlaf. Nur vereinzelt wird noch in den Lokalblättchen berichtet, wenn mit den aus Bundesmitteln zur Verfügung gestellten Ausgleichszahlungen für die Folgeschäden die an den Straßen stehenden Obstbäume gefällt werden. So sollen an dieser Stelle in den folgenden Ceryx-Ausgaben einige Beiträge über das Oderbruch folgen, über das es in touristischen Werbebroschüren recht vollmundig - wenn auch nicht ganz unzutreffend - heißt: „Hier geht in Deutschland die Sonne auf“.

Der etwa 70 bis 80 Kilometer breite Streifen zwischen Berlin und der Oder kann mit Fug und Recht zu den abwechslungsreichsten Landschaften der Mark Brandenburg gerechnet werden. Hier hatte sich die Natur offenbar nicht entscheiden können zwischen märkischer Streusandbüchse, Seenplatte, Mittelgebirge oder Flußniederung. Inmitten ausgedehnter Kiefernwälder die Kette wunderschöner Seen, abgelöst von Höhenzügen voller dichtem Mischwald und mit tief eingekerbten kühlen Schluchten, und dann schließlich bis hin an den Horizont die fruchtbare Auenlandschaft des Bruches. Die landschaftliche Vielfalt ist das Ergebnis der letzten Eiszeit. Vor rund 20.000 Jahren waren hier von den Gletschern gewaltige Erd- und Gesteinsmassen bewegt worden, deren Ablagerungen das heutige Hügelland der Märkischen Schweiz formten. Beim Abtauen bildeten die Schmelzwasserströme die tiefen Schluchten und steilen Hänge. Das zurückbleibende Eis hinterließ die Seen und Sümpfe. Weit reichte die Ostsee zu dieser Zeit mit einer fast 100 Kilometer langen Bucht ins Landesinnere. Hier mündete die Oder. Im einstigen Mündungsdelta formte der Schwemmsand im Laufe der Jahrhunderte das von unzähligen Wasserläufen und Sümpfen durchzogene Bruchgebiet.

Das Oderbruch ist insgesamt 10 bis 18km breit, etwa 60km lang und zählte ursprünglich zu den für die Mark Brandenburg typischen Sumpflandschaften, wie beispielsweise das Rhinluch nordöstlich von Berlin oder der Spreewald. Dementsprechend waren die Verhältnisse so eigenartig, daß das Oderbruch hinsichtlich seiner Besiedelung als etwas Besonderes betrachtet werden muß.

Das ursprüngliche Bild hat mit dem heutigen Zustand nach der Entwässerung und Urbarmachung kaum etwas gemeinsam. Das weite Niederungsbecken südlich der Neuenhagener Landzunge zerfiel siedlungsgeographisch in zwei Teil; das wasserreichere mittlere Bruch und das etwas höher gelegene obere Bruch. Die Niederung war von unzähligen Wasseradern durchzogen; teils waren sie schmaler und tiefer, teils flach und seenartig erweitert. Bei jedem größeren Hochwasser, also mindestens einmal im Jahr, wurde sie weit überflutet. Dann glichen sie einem einzigen See, aus denen einzelne Horste als flache Inseln hervorragten. Der Hauptstrom schlug damals andere Wege ein als heute, außerdem war er viel schwächer, da ihm durch die zahlreichen Nebenarme große Mengen Wasser entzogen wurden.

Um den Fischreichtum der weiten Niederungsflächen zu Nutzen, war es nötig, in der Sumpfwildnis an den höchstgelegenen Punkten Siedlungen zu errichten. Diese Talsandinseln waren gerade so groß, daß ein Dorf Platz auf ihnen fand. Ackerbau war hier nicht zu betreiben, die einzige Beschäftigung war der Fischfang. Von ihm lebten nicht nur die elf Dörfer inmitten der Niederung mit ehemals 197 Fischerfamilien, sondern auch eine Reihe von Ortschaften am Rande des Oderbruchs. Ihre Nationalität war ursprünglich slawisch.

Das obere Bruch war im Mittelalter bereits für Ackerbau und Viehzucht gewonnen, da es bis Kienitz deichbewehrt und damit vor kleineren Hochwassern einigermaßen geschützt war. Für die acht Dörfer des oberen Oderbruchs, darunter Genschmar, Golzow, Zechin und Tucheband, ist anzunehmen, daß sich hier das Wendentum besonders rein bis in späte Zeit erhalten hat, da sich langwährende slawische Agraverfassung nachweisen ließ. Der sehr fruchtbaren Boden brachte eine überdurchschnittliche Bevölkerungszahl mit sich. Durch die alljährlich wiederkehrenden Überschwemmungen wurden die feinsten Teilchen des mitgeführten Materials in Form von Schlick abgelagert. Diese fruchtbare Tonschicht ist im Oderbruch im allgemeinen einen halben Meter dick, teilweise aber auch bis zu zwei Meter. Der Boden unterscheidet sich von daher sehr vom restlichen Brandenburg. Er ist tiefbraun und im feuchten Zustand sehr haftend. Seine hohe Fruchtbarkeit konnte ehedem indessen nur auf überschwemmungsfreien Flächen genutzt werden.

Von 1747 bis 73 wurde der Lauf der Oder in ihr heutiges Bett verlegt und die Alte Oder buchstäblich stillgelegt. Durch Wasserregulierungen und Deichbauten (allerdings nur auf der heutigen deutschen Seite) wurde das ursprünglich unwegsame Gebiet urbar gemacht. Bereits von Friedrich Wilhelm I. als politisches Vermächtnis angeordnet, stimmte Friedrich der Große dem erst nach Vorlage exakter Pläne zu. Diese mußten erst von international anerkannten Persönlichkeiten, wie dem Schweizer Mathematikprofessor Leonhard Euler oder dem holländischen Wasserbauingenieur Simon Leonhard Haarlem begutachtet werden.


Der Hauptgraben bei Zechin

Die Straße von Baiersberg:
Zwei Spinnerhäuser, Ende 18. Jh.

Erst mit dieser Trockenlegung vor gut 250 Jahren wuchsen die bestehenden Dörfer an. Von den slawischen Dorfformen ist kaum noch etwas erkennbar. Deutlich ist aber, daß es dort ursprünglich keine eigenen Kirchen gab. Davon abgesehen, daß diese Dörfer sehr klein waren, entsprach es auch der slawischen Sitte, Kirchen analog zu den alten Kultheiligtümern an einem besonderen Ort zu errichten. Nur in Falkenhagen, dessen kraftvoller, großzügiger Felssteinbau einst als Bischofskirche des polnischen Bistums Lebus diente, sowie auf den Höhen westlich des Oderbruchs, die im Mittelalter durch den Templerorden mit deutscher Bevölkerung kolonisiert wurden, waren spätromanische Feldsteinkirchen entstanden.

Insgesamt wurden im 18. Jahrhundert 320 qkm Land kultiviert, 43 Dörfer neu gegründet und 1200 Familien angesiedelt. Die Siedler wurden von weit her angeworben. Die meisten kamen aus Böhmen, Österreich, der französischbesetzten Pfalz und aus dem kriegszerstörten Sachsen. Bei den ersten drei Gruppen handelte es sich um protestantische Glaubensflüchtlinge. Von daher erhielten diese Dörfer ihre Kirchen erst im Zusammenhang mit ihrem Anwachsen im 18. Jahrhundert.

Zu den neugegründeten Orten gehörten auch Baiersberg, Gerickensberg und Lehmannshöfel. Hierbei handelte es sich um Spinnerdörfer, die vom Staat als eine Art Heimarbeitersiedlungen angelegt wurden. Die zuvor unbrauchbare Buschfläche westlich von Friedrichsaue, der Hohe Busch, war inzwischen trockengelegt worden und eignete sich für die Anlage von überschau- und kontrollierbaren Siedlungen.

Topographisch handelt es sich um Straßendörfer. Beidseitig einer schnurgeraden Straße wurden Doppelhäuser mit kleinen Vorgärten errichtet. Die Parzellierung ist bis heute größtenteils unverändert. Vereinzelt stehen noch die originalen, ab 1789 errichteten Wohnstätten - wenn auch in einem schlechten baulichen Zustand. Sie entsprechen kaum den heutigen Vorstellungen. Neben einer Küche bestand die Wohnfläche aus einer etwa 16 qm großen, beheizbaren Stube, an die sich eine etwa 7 qm große Kammer anschloß. Insgesamt standen für eine durchschnittlich vierköpfige Familie rund 23 qm Wohn- und Arbeitsfläche zur Verfügung. Die Innenhöhe der Räume betrug etwa zwei Meter. Von der Rückseite zugängig war der im Hause angeordnete Stall von ca. 8 qm. Das Dach war nicht ausgebaut. Vom Erdgeschoß bestand kein Zugang zum Dachboden. Eine Unterkellerung fand nicht statt. Die Trennwand war so dünn, daß die Nachbarn alles mithören konnten. Selbst Friedrich der Große soll bei einer Besichtigung gesagt haben: „Da habe ich ja richtige Zankhäuser gebaut!“ In diesen Dörfern sollten sich die Arbeitskräfte selbst ernähren. Diese wurden zum einem für die Wollspinnerei für die Berliner Fabriken und zum anderen für die Landwirtschaft eingesetzt. Der Kostenaufwand für Trockenlegungen, Dorfgründungen und Ansiedlung der Spinnerfamilien betrug ca. 600.000 Taler. Vergleichsweise sei angeführt, daß der Siebenjährige Krieg 139 Millionen Taler verschlang.