MÄRZ
2002

 
Rubriken
 
Service
 
Kontakt
KUNST


arsmundi: Welt der Kunst

Francis Bacons fleischfressende Malerei
Francis Bacon
Dublin 1909 - Madrid 1992

siehe auch:
http://francis-bacon.cx

Drei Figuren in einem Triptychon. Drei Organismen vor einem blutroten Nicht-Raum, halb Mensch, halb Tier, halb gar nichts, mit langen Hälsen, mit Ohren und Mündern, aber ohne Gesicht, bereit zu schreien, zu beißen - brutales Leiden, schlimmer als jeder Alptraum. So wirkt eines der ersten Bilder des irisch-englischen Malers Francis Bacon: Drei Studien für Figuren am Fuße einer Kreuzigung aus dem Jahre 1944.

Neun Jahre später: Bacons schreiender Papst. Immer wieder malte er ihn, inspiriert von Velazquez‘ Porträt des Papstes Innocent X. Bacon schien Velazquez‘ Porträt dieses ruhigen, gesetzten Papstes das gewalttätigste Bild überhaupt. Er sah eine versteckte Gewalt im Gesichtsausdruck des Papstes, vor allem aber in den leuchtenden Farben seines Gewandes - rot und weiß. Bei Bacon darf der Papst seine Gewalt hinauslassen: Er darf schreien; er schreit, daß die Linien fliehen und die Farben zerlaufen. Doch es gibt kein Entkommen: Der Thron wird zum Käfig, so wie Bacons Gestalten meist ein feinliniger Quader umgibt.

Der Tod ist immer präsent - auch in Bacons persönlicher Geschichte. Das Werk Triptychon Mai-Juni 1973 zeigt den Selbstmord seines Liebhabers George Dyer. Dyer brachte sich 1971 im gemeinsamen Hotelzimmer um, als Bacon gerade die Eröffnung seiner großen Retrospektive im Pariser Grand Palais feierte - wo er als erster englischer Maler seit Turner ausstellte. Das Triptychon von 1973 ist von rechts nach links zu lesen: Dyer, der eine hohe Dosis Alkohol und Tabletten zu sich genommen hatte, übergibt sich über dem Waschbecken, durchquert den Raum und stirbt auf der Kloschüssel.

In Bacons Atelier türmten sich Fotografien, Skizzen, leere Farbtuben und alte Pinsel bis zur Decke. Nur so konnte er arbeiten. Er sammelte Bilder von Autounfällen, fasziniert von der Schönheit der blutbefleckten, auf dem Asphalt ausgestreckten Leichen. Er sammelte Fotos von massakrierten Elefanten und Bilder aus Schlachtereien, von aufgehängten Tierkadavern. Er sammelte pornographische Fotos und Röntgenbilder, die den Menschen auf sein Gerüst reduzieren und ihn in den seltsamsten Positionen zeigen. Er sammelte medizinische Dokumentationen über Mundkrankheiten, besessen von der leuchtenden Farbigkeit des Mundes (er wollte den Mund so malen können wie Monet einen Sonnenuntergang). All das findet sich in seinen Werken wieder.

Bacons Bilder sind unerträglich. Sie stoßen ab und faszinieren. Der Betrachter wird sich bewußt, daß das klaffende Fleisch auf der Leinwand das seine sein könnte. Bacons Gestalten sind mißgebildet, amputiert, neu zusammengesetzt - falsch zusammengesetzt. Der monochrome Hintergrund hebt ihre plastische Fleischlichkeit noch hervor. Die Portraits sehen aus, als sei das Innere des Gesichts nach außen gestülpt wie ein Handschuh. Sie sind verzerrt, das Auge versetzt, der Mund eine klaffende Wunde - und dennoch sind die Gesichter auf Bacons Bildern lebendig: Die Augen beweisen es.

Bacon porträtierte nur Freunde und sich selbst. Er mußte den Menschen kennen, den er darstellte. Um Distanz zu schaffen - denn jedes Porträt war ein Angriff auf die Persönlichkeit des Modells - arbeitete Bacon ausgehend von Fotografien. Ein nur schwer zu ertragendes Paradox ist dabei die Ähnlichkeit zwischen Gemälde und Modell, unleugbar trotz der Verstümmlungen: Auch das rohe Gesicht ist ein wahres Gesicht.

Bacons Bilder sollen nicht die Wirklichkeit repräsentieren, sondern sie kondensieren; sie sollen Empfindungen hervorrufen. Sie sollen abbilden, was dahinter liegt, hinter der Haut, hinter dem Schein. Der Mensch ist sterblich, ist nur ein Gerüst aus Knochen, Muskeln und Fleisch. Er ist ein tierischer Organismus, auch wenn er sich durch seinen Verstand abzuheben glaubt: „Wir sind geboren und wir werden sterben, es gibt nichts anderes.“

Dennoch hat Francis Bacon das Leben bejaht. Er starb mit 82 Jahren an einer Herzattacke.

aw