JANUAR 01
 
 
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KUNST

 

Amor als Sieger
Caravaggio, 1601/02
Hochformat
Öl auf Leinwand
Gemäldegalerie Berlin
156 x 113 cm

Selbstsicher grinst er mir entgegen, der “Amor als Sieger” mit den prächtigen grauen Flügeln. Sein Blick ist unverschämt, aber so charmant!

Die Pose ist ungewöhnlich, fast akrobatisch. Er stützt die Zehenspitzen des rechten Fußes auf den Boden und hat das linke Bein angewinkelt auf den hüfthohen Tisch gelegt. Der rechte Arm hält zwei Pfeile, der linke ist hinter den Körper gedreht. Den braunen Lockenkopf neigt Amor keck zur Seite. Ich staune, wie lebendig er ist, ein quirliger Hitzkopf. Die Schamlosigkeit, mit der er seine Nacktheit präsentiert, muß damals - Anfang des siebzehnten Jahrhunderts - für Empörung gesorgt haben. Das Licht bringt seinen Körper zum Strahlen, aber nicht weil er irgendwie übernatürlich wäre, sondern weil nackte Haut im Licht eben strahlt. Neben den dunklen Schatten wirkt das Licht umso wärmer und erhellt die Szene genug, um sogar Amors dreckige Fußnägel zu erkennen. Dreckige Fußnägel aber sind sehr irdisch.

Hinter Amor sieht man ein heilloses Durcheinander von Gegenständen, die sich wie hingeworfen auf Boden und Tisch türmen: Neben verschiedenen Musikinstrumenten, einem Winkelmesser, Stift und Buch erkennt man Krone und Zepter, Rüstung und Lorbeer. Einige der Gegenstände lassen sich als Attribute der “Artes liberale” deuten, der freien Künste, über die im Altertum und später im Humanismus ein freier Mann verfügen sollte: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astrologie.

Das Chaos zu Amors Füßen erinnert an ein Vanitas-Stilleben: Alles Irdische ist vergänglich und damit nichtig. Amor hat alles umgeworfen, Amor triumphiert: “Seht her, was nützt Euch Euer eitles Streben, wenn Euch die Liebe doch jederzeit dazwischenfunken kann?” Die Liebe siegt über das weltliche Dasein, siegt über Krieg, militärischen Ruhm, Wissenschaft und Kunst.

Natürlich fühlten sich einige Zeitgenossen von Caravaggios Darstellung beleidigt, die aus der mythologisch-entrückten Gestalt des Amor einen so unverschämten, selbstbewußten Knaben macht. Baglione hat Caravaggio das Gemälde “Der himmlische Amor besiegt den irdischen Amor” 1602/03 zur Antwort gegeben: Ein überirdisch strahlender Amor in feinster Rüstung ist kurz davor, einem schäbigen irdischen Menschenamor den Todesstoß zu versetzen.

Die beiden Gemälde hängen in unmittelbarer Nähe zueinander in der Gemäldegalerie Berlin. Wenn ich sie so sehe, kann ich mir ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen: Caravaggios Amor läßt sein himmlisches Alter ego auf dem Gemälde von nebenan blaß erscheinen.

Und ich ertappe mich dabei, wie ich leise zu ihm sage: “Du hast so recht.”

aw