FEBRUAR 01
 
 
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KUNST

 

Louise Dahl-Wolfe: Modefotografie in Alltagssituationen
Louise Dahl-Wolfe
Arbeiten für “Harper's Bazaar”
New York
1936-1958
 

Eine Frau in einem Hemdblusenkleid schreibt Postkarten. Um den Kopf hat sie ein elegantes Tuch geschlungen. - “Mary Sykes in Puerto Rico”. Eine Frau in einem plissierten Kleid sitzt in einem Ruderboot. - “Lisa in the Boat”. Eine Frau in Shorts und Sommermantel liegt auf einer Wiese und fotografiert ein nicht sichtbares Objekt. Ihr Fahrrad und ihren Strohhut hat sie achtlos neben sich geworfen. - “Liz Gibbons as Photographer”. Eine Frau in einem Overall stopft Socken. Ein kleiner, struppiger Hund sitzt neben ihr auf dem Sofa. - “Lauren Bacall with Dog, Pulling Thread”.

Die Frauen, die der amerikanischen Fotografin Louise Dahl-Wolfe für das Magazin “Harper's Bazaar” Modell standen, sahen eigentlich ganz normal aus. Sie waren nur etwas schlanker, schöner und eleganter als die “Frau von der Straße” - und sie hatten alle eine Ausstrahlung, die man nur mit dem englischen Wort “sophisticated” beschreiben kann. Für eines der Models wurden die Fotos in “Harper's Bazaar” sogar zum Karrieresprungbrett. Nancy “Slim” Hawks zeigte ihrem Mann, dem Regisseur Howard Hawks, Bilder von Lauren Bacall. Die 19jährige New Yorker Schauspielerin wurde für Probeaufnahmen nach Hollywood eingeladen und anschließend in “Haben und Nichthaben” als Partnerin von Humphrey Bogart besetzt. Der Rest ist Filmgeschichte.

Zu der Zeit, als Lauren Bacall Covergirl für “Harper's Bazaar” war, kämpfte das Magazin mit anderen Zeitschriften - wie “Vogue” oder “Look” - um die besten Fotografen. Louise Dahl-Wolfe war umworben. Doch von 1936 bis 1958 arbeitete sie ausschließlich für “Harper's Bazaar”. Mit der legendären Chefredakteurin Carmel Snow, dem Art Director Alexey Brodovitch und der Chefin des Moderessorts Diana Vreeland bildete sie ein Team, das in der amerikanischen Magazinkultur Maßstäbe setzte.

Louise Dahl-Wolfe lehnte die damals noch übliche Studiofotografie ab. Ihre Aufnahmen entstanden oft in Wohnungen - wie in der der Kosmetikunternehmerin Helena Rubinstein - oder im Freien - oft auch auf Reisen, von Brasilien bis Nordafrika. Sie verzichtete auf dramatische Ausleuchtung und dramatische Posen. Sie fotografierte ihre Models in Alltagssituationen. Ihre Bilder wirkten dadurch natürlicher und bewiesen gleichzeitig die Alltagstauglichkeit der präsentierten Mode. Über ein Fotoshooting in Florida berichtete Lauren Bacall: “Louise wollte mich so fotografieren, wie ich gerade am Strand stand. Also sieht man auf dem Foto einfach mich, wie ich am Strand stehe.” Wenn ein Model ausfiel, posierte auch manchmal die mitreisende Diana Vreeland.

Louise Dahl-Wolfe bezeichnete viele ihrer Bilder als Zufallsprodukte. Einmal sollte sie ein Model in einem eleganten Abendkleid fotografieren. Plötzlich kam eine Katze in den Raum, sprang an dem Model hoch und krallte sich in dem ausladenden Rock fest. Die junge Frau schrie entsetzt auf, weil das kostbare Kleid zerstört wurde. Louise Dahl-Wolfe schoß eines ihrer besten Bilder.

Als Zufall empfand sie auch ihre Karriere als Fotografin.

Louise Dahl wurde 1895 in San Francisco als Kind einer norwegischen Familie geboren. Sie studierte Kunst am San Francisco Institut of Art und wollte eigentlich Malerin werden. Die Kompositionsstudien und die Farbtheorie waren, wie sie später sagte, auch für ihre Arbeit als Fotografin von unschätzbarem Wert. 1928 heiratete sie den Künstler Meyer Wolfe. Sie starb 1989 im Alter von 94 Jahren. Sie gilt als eine der bedeutendsten amerikanischen Fotografinnen. Ihr wird großer Einfluß auf das Werk von Richard Avedon und Irving Penn zugeschrieben. Ihre Arbeiten wurden in unzähligen Galerie- und Museumsausstellungen gezeigt. Louise Dahl-Wolfes Bilder werden heute zu Preisen zwischen 1000 und 10000 Dollar verkauft. Für die weniger Begüterten erschien kürzlich ein Buch mit 40 Schwarz-Weiß- und 100 Farbfotos - “Louise Dahl-Wolfe: A Retrospective”.

vh