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KUNST

 

Alberto Giacometti: Der Versuch, das Vergängliche zu konservieren
Zum 100. Geburtstag
von Alberto Giacometti

„Die Kunst Giacomettis scheint, die verborgene Wunde eines jeden Wesens enthüllen zu wollen.“
-Jean Genet

Bei dem Namen Giacometti denken die meisten an fragile, überlange Figuren - an Gestalten, die verletzlich und vertraut wirken. Aber Alberto Giacometti war mehr als ein genialer Bildhauer. Er sah die Bilderhauerei, die Malerei und das Zeichnen als gleichwertig an und schuf neben seinen berühmten Skulpturen auch beeindruckende Gemälde und Zeichnungen.

Giacomettis Werk ist schwer einzuordnen. Es fällt in die Phase zwischen Surrealismus, Avantgarde und Kubismus - es ist eine Klasse für sich - Arbeiten mit einer ganz eigenen Qualität.

Alberto Giacometti entstammte einer Künstlerfamilie. Er wurde am 10. Oktober 1901 in Stampa, im italienischsprachigen Teil der Schweiz, als Sohn des Malers Giovanni Giacometti geboren. Er verbrachte viel Zeit im Atelier seines Vaters und begann früh selbst zu malen. Unzählige Porträts seiner Mutter, zu der er Zeit seines Lebens eine enge Bindung hatte, entstanden.

Mit 21 Jahren ging Giacometti nach Paris. Zunächst lebte er nahezu völlig isoliert in einem kleinen Studio - er traf sich gelegentlich mit anderen Ausländern, aber auch diese Begegnungen blieben meist oberflächlich. Die existentielle Erfahrung der Einsamkeit thematisierte er in vielen seiner Arbeiten. Mitte der 20er Jahre fand er Anschluß an die Gruppe der Surrealisten. Er ließ sich zwar von ihrem Kunstkonzept inspirieren, war aber eher von der politischen Perspektive des Surrealismus angezogen. Als Aragon die Gruppe verließ und sich die Surrealisten aufspalteten, verlor auch Giacometti das Interesse. Er ging andere Wege und beschloß nach der Natur zu arbeiten - ein Sakrileg für die Surrealisten.

Giacometti wollte erforschen, was sich hinter dem menschlichen Gesicht verbirgt. Obsessiv begann er, an Skulpturen und Portraits zu arbeiten. Häufig übermalte er Bilder, zerstörte sie, verbesserte sie, versuchte, sie wieder herzustellen. Er arbeitete jahrelang an einem Bild, konnte es nicht beenden, da er es immer nur als einen Anfang verstand und nicht als die Umsetzung seiner Vision. „Kunst ist immer zum Scheitern verurteilt,“ sagte er. Giacometti ging mit seinen Arbeiten zaudernd um. Ungern beteiligte er sich an Ausstellungen und ungern verkaufte er. Meist war es sein pragmatischer Bruder Diego, ein berühmter Möbeldesigner, der sich um die praktischen Aspekte kümmerte. Alberto arbeitete bis tief in die Nacht in seinem Atelier in Montparnasse, lebte wochenlang nur von schwarzem Kaffee, Spiegeleiern und Zigaretten - was ihm ein langjähriges Magenleiden einbrachte. Er bewahrte sich sein Leben lang eine Art von Kindlichkeit, die nicht nur in seiner Schutzbedürftigkeit zum Ausdruck kam, sondern auch in alltäglichen Details. Er schlief immer mit eingeschaltetem Licht, weil er Angst in der Dunkelheit hatte.

Giacometti freundete sich mit Schriftstellern und Philosophen - wie Samuel Beckett, Jean Genet, Georges Bataille, Raymond Quéneau und Jean-Paul Sartre - an. Sartre sah in Giacomettis ausgemergelten Gestalten das ganze Elend der Kriegszeit dargestellt. Giacometti verbrachte die Kriegsjahre in der neutralen Schweiz. Sein starkes Interesse am Tod gehörte zu seinem melancholischen Naturell. Mit dem amerikanischen Schriftsteller James Lord, der ihm eine zeitlang Modell saß, führte er gerne makabre Gespräche über verschiedene Arten des Selbstmords.

Lord schilderte folgenden Dialog. „‚Ich denke jeden Tag daran’, antwortete er und fügte hastig hinzu, ‚aber nicht, weil ich das Leben unerträglich finde, keineswegs, sondern eher, weil ich glaube, daß der Tod eine faszinierende Erfahrung sein muß und ich darauf neugierig bin.’ - ‚So neugierig bin ich nicht darauf’, sagte ich. - ‚Nun, ich schon’, entgegnete er. ‚Die endgültigste Weise Selbstmord zu begehen, bestünde darin, sich mit einem Küchenmesser die Kehle von einem Ohr zum anderen durchzuschneiden. Das hieße die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Aber ich hätte niemals den Mut dazu. Sich die Pulsadern aufschneiden, ist nichts. Und das Einnehmen von Schlaftabletten kann man kaum Selbstmord nennen. Man schläft einfach ein. Aber der richtige Selbstmord, der Selbstmord, der mich wirklich fasziniert, das ist die Selbstverbrennung. Das wäre etwas. Und ich habe schon lange bevor diese vietnamesischen Mönche damit anfingen darüber nachgedacht. Tatsächlich habe ich monatelang beständig davon geredet, mich um vier Uhr morgens auf dem Bürgersteig vor dem Atelier selbst zu verbrennen. Annette war schließlich über das ständige Gerede darüber so verärgert, daß sie sagte, ‚Entweder du machst es, oder du hältst die Klappe!’ Deshalb musste ich aufhören, darüber zu reden,’ fügte er eher wehmütig hinzu. ‚Das wirklich schlimme am Sterben ist, daß man es nur einmal kann. Der Gedanke, gehängt zu werden, hat mich auch ziemlich angezogen. Ein schönes, starkes Seil um den Hals hat etwas Anziehendes. Oder, besser noch, an den Handgelenken aufgehängt zu werden, bis der Tod eintritt. Das wäre auch ganz gut. Sehr schmerzhaft’, sagte er beinahe genussvoll.“ (James Lord: „Alberto Giacometti. Ein Portrait“, BeltzQuadriga 1997) In solchen Unterhaltungen offenbarte Giacometti einen bizarren Humor.

Bescheidenheit, Pessimismus und Humor seien die drei hervorstechendsten Eigenschaften Giacomettis, erklärte einer seiner Freunde. „Als Kind hatte ich das Gefühl, ich könnte die Welt verschlingen und alles erreichen. Damals war ich vierzehn. Aber Schritt für Schritt wurde mir klar, daß das absurd ist. Als ich fünfundzwanzig war, rechnete ich nicht länger damit, etwas Gewaltiges zu schaffen. Und wie Recht ich hatte,“ sagte er zu James Lord. Und doch war es etwas Gewaltiges, das er schuf. - Die rastlos schreitenden Männer, der traurige Hund - in dem er sich selbst wiedererkannte - , die ätherischen, mystischen Frauengestalten - wie „La femme debout II“, die schon allein durch ihre Maße von 277x60x31 cm gewaltig ist. Seine Arbeiten sind zu irritierend und zu originell, um jemals in Vergessenheit zu geraten.

vh