FEBRUAR 01
 
 
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KUNST

 

Goyas Schauervisionen
Francisco de Goya (1746 - 1828)
"Saturn frißt seine Kinder", 1820-1823

Hochformat, Öl auf Verputz, auf Leinwand übertragen

146 x 83 cm
Madrid, Museo Nacional del Prado

Saturn verschlingt sein Kind, die Augen irr, die Haare wirr, der Körper dürr, das Kind voll Blut. So einen Anblick würde man sich nicht gerade gern als Poster an die Wand hängen. Goya hat aber genau das getan: Er hat sich dieses Schauerbild an die Wand seines Landhauses gemalt.

Zunehmend taub zieht sich Goya 1819 in dieses Landhaus außerhalb von Madrid zurück. Er entrinnt nur knapp dem Tod, aber kaum ist er kräftig genug, macht er sich wieder ans Malen. Für ein paar Jahre will er auf keinerlei Publikumsgeschmack Rücksicht nehmen. Was tut Goya, wenn er nur für sich selbst malt? Er malt mit Öl vierzehn Schwarze Gemälde direkt auf die Wand, düstere, beklemmende Bilder. Da ist ein Hexensabbat, ein Pilgerzug in finsterer Berglandschaft, Männer, die im Treibsand versinken, Judith, die Holofernes erschlägt, Saturn, der sein Kind verschlingt. Bittere Gedanken müssen seinen Kopf umtreiben, daß er sich und seiner Gefährtin Leocadia freiwillig solche Alptraumvisionen vor die Augen setzt, voll von Grauen, Gewalt und Fanatismus.

Zuvor hat sich Goya als Hofmaler einen Namen gemacht. Er malte Porträts, er malte “Die nackte Maya”, ein skandalöses Bild. Er malte Stierkämpfe, Szenen aus dem bäuerlichen Leben. Er malte gegen die Inquisition und gegen den Krieg. Auch seine Gesellschaftssatire Caprichos, eine Serie von 80 Drucken, hat Aufsehen erregt.

Zwar fasziniert an diesen Bildern der kritische Gedanke - selbst bei den Hofbildern gelingt es Goya, die Hohlheit der adligen Portraitierten mit darzustellen - aber seine wahre Berufung scheint doch in der Darstellung des Phantastischen zu liegen. Sobald er sich nämlich nicht mehr in den engen Grenzen von Hofrepräsentation und Auftragsarbeit befindet, gelangt seine Faszination für die Grenzen der Vernunft an die Oberfläche - bei den Caprichos bereits nicht zu übersehen, in seinen Schwarzen Gemälden und in seinen letzten Lebensjahren das Hauptthema. Dabei liefert sich Goya in einer Weise den Untiefen der Phantasie aus, an die sich erst die Surrealisten des 20. Jahrhunderts wieder heranwagen werden.

Goyas Saturn ist nicht nach streng anatomischen Prinzipien konstruiert, wirkt wie hingewischt - und ist doch erschreckend lebendig, frisch aus dem Traum entstiegen.

aw