SEPTEMBER
2003

 
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KUNST


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Historienbilder erzählen: David, "Raub der Sabinerinnen"

Jacques-Louis David (1748-1825)
"Le combat des Romains et des Sabines interrompu par les femmes sabines"
1799
Öl auf Leinwand, 385 x 522 cm
Paris, Musée du Louvre

siehe auch:
David, "Der Schwur der Horatier"
Rokoko und Klassizismus in Frankreich

"Raub der Sabinerinnen" ist ein irreführender Titel; exakter ist der vollständige französische Titel: "Der Kampf der Römer gegen die Sabiner, unterbrochen durch die Sabinerinnen". Denn nicht der Raub der Sabinerinnen ist dargestellt - dieser liegt im Verhältnis zum Bildgeschehen bereits drei Jahre zurück. Nach der Gründung Roms hatten die Römer auf der Suche nach Ehefrauen die Töchter einer benachbarten Stadt geraubt, die Sabinerinnen. Doch als die Sabiner drei Jahre später zum Gegenschlag ansetzen, um ihre Frauen zu befreien, haben sich die Sabinerinnen mit ihrem Schicksal bereits abgefunden: Sie haben die Römer geheiratet und ihnen Kinder geboren.

Als es zum Kampf kommt, stürzen die Sabinerinnen mit ihren Kindern herbei und werfen sich zwischen die kämpfenden Truppen. Eine von ihnen ist Hersilia, Ehefrau von Romulus, dargestellt im weißen Kleid. Sie stellt sich zwischen die beiden Anführer und Kontrahenten Tatius (links) und Romulus (rechts).

Inspiriert durch Plutarch legt David Hersilia in einer Beschreibung zu seinem Gemälde folgende Worte in den Mund: "(...) maintenant que nous sommes liées à eux [= aux Romains] par des chaînes les plus sacrées, vous venez enlever des femmes à leurs époux et des mères à leurs enfants. Le secours que vous voulez nous donner à présent nous est mille fois plus douloureux que l'abandon où vous nous laissâtes lorsque nous fûmes enlevées (...)." (Jetzt, wo wir durch die allerheiligsten Ketten an die Römer gebunden sind, kommt ihr, um Frauen ihren Ehemännern zu nehmen, und Mütter ihren Kindern. Die Hilfe, die ihr uns jetzt geben wollt, ist uns tausend mal schmerzhafter als die Verlassenheit, in der ihr uns gelassen habt, als wir geraubt wurden.)

Gerührt von diesen Worten, lassen die Kämpfer ihre Waffen fallen; der Krieg ist abgewendet.

Das Gemälde trägt auch eine zeitgenössische Botschaft: Als David im September 1794 die Idee zu seiner Komposition hat, befindet er sich im Gefängnis. Als Abgeordneter der Convention hatte er 1792 für den Tod des Königs gestimmt und stand Robespierre nah. Nach dem Sturz Robespierres entkommt er selbst nur knapp dem Todesurteil. Das Régime nach 1794 soll sich von der blutigen Revolutionszeit abheben, und so ist auch Davids Raub der Sabinerinnen ganz im Sinne der Zeit ein Plädoyer für Frieden und Versöhnung, gegen blutige Auseinandersetzungen und den Terreur. Hersilia ist dabei eine Allegorie auf die mère-patrie, die sich zwischen die verfeindeten Lager stellt und dem gegenseitigen Abschlachten Einhalt gebietet.

In kunstgeschichtlicher Beziehung steht das Gemälde klar in der Tradition des Klassizismus. Die Nacktheit der Figuren entspricht dem klassizistischen Streben nach "grec pur", den antiken Idealen von Reinheit und eleganter Perfektion. Auch die Komposition ist Ausdruck dieser kühlen Ästhetik. Zum einen folgt die rautenförmige Anordnung der Figuren einer strengen Geometrie; zum anderen erinnert der vertikale, reliefartige Bildaufbau an das griechische Fries.

aw