MÄRZ
2008

 
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KUNST

HISTORIENBILDER ERZÄHLEN
Géricault, „Gardejäger beim Angriff“ / „Der verwundete Kürassier“

Mit einem Abstand von zwei Jahren hat Géricault zwei Soldatenporträts gemalt, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Das eine zeigt Bewegung und Tatendrang, wo das andere Stillstand und Betrübnis zeigt. Dennoch haben die beiden Bilder mehr gemeinsam, als man denkt.


Das erste Bild, „Offizier der Gardejäger beim Angriff“, ist 1812 entstanden. Es zeigt einen säbelschwingenden Soldaten der napoleonischen Armee auf seinem Pferd, welches sich gerade heftig aufbäumt. Pferd und Soldat zeichnen eine gegenläufige Bewegung nach: Während das Pferd nach vorne stürzt, wendet sich der Reiter nach hinten; das Pferd dreht sich zur linken Bildseite, der Reiter zur rechten. Der Eindruck einer fast schon schmerzhaften Bewegung wird durch die Übersteigerung des Motivs noch verstärkt. Denn die Haltung von Pferd und Reiter ist übertrieben; der Soldat verrenkt so heftig seinen Oberkörper, dass er kaum fest im Sattel sitzen dürfte.

Dadurch, dass das Kriegsgeschehen rund um den Reiter stark verkleinert und an den Rand gerückt ist, konzentriert sich das gesamte Thema des Bildes in der Figur. Dieser Effekt wird dadurch gesteigert, dass das Werk auf die Dimensionen des Pferdes zugeschnitten ist, welches die Ränder berührt und so den gesamten Bildraum bestimmt. Auffällig ist, dass der Soldat seltsam in sich gekehrt wirkt. Der Dynamik seiner Bewegung entspricht kein heroischer Blick, wie man ihn erwarten würde.

Zwei Jahre später hat Napoleon abgedankt, die Bourbonen sind zurück an der Macht. Nach den propagandistischen, militärischen Themen der napoleonischen Ära entstehen nun vermehrt Genre-, Landschafts- und Porträtbilder.

„Der verwundete Kürassier“ zeigt zwar noch eine Militärdarstellung – die im Hintergrund angedeutete, anonyme Masse kämpfender Truppen weist die Szene als Kriegsschauplatz aus –, verzichtet aber auf jegliche Glorifizierung. Dies offenbart sich bereits in der Faktur, die skizzenhafter als bei dem Bild von 1812 ist und die Szene dadurch natürlicher erscheinen lässt.

 

Noch augenscheinlicher als die formalen sind die motivischen Unterschiede. Der in sich gekehrte Blick des verwundeten Kürassiers, der dem des Gardeoffiziers gar nicht so unähnlich ist, spiegelt sich diesmal auch in der Körperhaltung wider. Vom Pferd gestürzt, ist er eine gefallene Gestalt, ein negativer Held, der die Besonderheit seines Status verloren hat – sein Pferd, die Beteiligung am Kriegsgeschehen. Eine sichtbare Wunde trägt er nicht, so dass es fast scheint, als wolle er sich nur ausruhen oder als habe er keine Lust mehr zu kämpfen. Im Gegensatz zum Medaille-dekorierten „Gardeoffizier“ fand dieses Bild beim Publikum wenig Anklang.

Trotz der deutlichen Unterschiede haben beide Bilder jedoch auch viel gemeinsam. Beide zeigen eine einsame Gestalt auf einem monumentalen Großformat (etwa 3 x 2 m das erste, 3,5 x 3 m das zweite Bild). Statt einer episodischen Erzählung zeigen sie nur mehr ein Fragment, bestimmt zudem weniger durch eine Handlung, sondern durch die bloße Präsenz der Figur. Diese genügt zur Darstellung des Krieges, der kaiserlichen Armee und der napoleonischen Legende – erst, im Fall des Gardejägers, in all ihrer Dynamik, dann, beim Kürassier, als gefallener Stern. Doch auch der Gardeoffizier weist mit seinem seltsam abwesenden Blick bereits einen Störfaktor auf, der ihn gar nicht so weit entfernt erscheinen lässt vom resignierten Soldaten, zwei Jahre danach.

aw

Abbildungen:
  • Jean Louis Théodore Géricault (1791-1824), „Offizier der Gardejäger beim Angriff“ (1812), Öl auf Leinwand, 292 x 194 cm, Musée du Louvre, Paris.
  • Jean Louis Théodore Géricault (1791-1824), „Der verwundete Kürassier“ (1814), Öl auf Leinwand, 358 x 294 cm, Musée du Louvre, Paris.

© ceryx.de

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