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Ernst Ludwig Kirchners "Potsdamer Platz"

Prospekt der Ausstellung
"Der Potsdamer Platz.
Ernst Ludwig Kirchner
und der Untergang Preußens"
Neue Nationalgalerie, Berlin
Bis zum 12. August 2001

Um Ernst Ludwig Kirchners Bild "Potsdamer Platz" wurde eine Ausstellung im Rahmen des Preußenjahres 2001 konzipiert. Die Neue Nationalgalerie zeigt das Ölgemälde, das sie 1999 erworben hat, neben anderen Arbeiten Kirchners, Werken expressionistischer Maler wie Otto Dix und George Grosz sowie Bildern von Kirchners Freunden aus der Künstlergruppe "Die Brücke". Auch Arbeiten von Picasso, Klee, Munch, Toulouse-Lautrec, Feininger und vielen anderen wurden um Kirchners Bilder gruppiert und nach Themen wie Großstadt, Anonymität, Krieg und Revolution geordnet. Die Vielzahl der namhaften Künstler, die in der Ausstellung vertreten sind, beeindruckt zwar, schöner und auch übersichtlicher wäre allerdings eine Konzentration auf Kirchner und die Expressionisten gewesen. Kichners Werk und Biographie sind ungewöhnlich genug, um eine Ausstellung alleine zu tragen.

Ernst Ludwig Kirchner wurde am 6. Mai 1880 in Aschaffenburg geboren. Er ist wahrscheinlich der einzige große Mann, den diese Stadt jemals hervorgebracht hat. Sein Vater, ein Papierfabrikant, erkannte sein Talent früh und begann ihn zu fördern. In der provinziellen Enge Aschaffenburgs war künstlerische Entwicklung nicht möglich. Kirchner ging 1901 zum Architekturstudium nach Dresden, wo er zum Mitbegründer der Künstlergruppe "Die Brücke" wurde.

1911 zog er nach Berlin. Zusammen mit Max Pechstein eröffnete er eine Zeichenschule. Er freundete sich mit dem Schriftsteller-Psychiater Alfred Döblin an und fertigte eine sehr gelungene Lithographie von ihm an. Vielleicht suchte Kirchner auch bei Döblin Rat wegen seiner psychischen Probleme. Der Maler litt unter Angstzuständen und quälender Schlaflosigkeit, die ihn in die Abhängigkeit vom Schlafmittel Veronal trieb. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges verschlimmerte sich Kirchners Zustand. 1915 meldete er sich als "unfreiwillig Freiwilliger" zum Militärdienst. Er wurde bereits nach zwei Monaten wegen "mentaler Erkrankungserscheinungen" aus der Armee entlassen. Diese kurze, doch für den Künstler sehr belastende Armeezeit verarbeitete er in zahlreichen erschreckenden Bildern. Kirchner trieb Raubbau mit seiner Gesundheit. Mehrfach wurde er wegen Alkoholmißbrauchs, Nikotin- und Morphiumabhängigkeit behandelt. Ein Nervenleiden fesselte ihn zeitweise ans Bett.

1937 wurde moderne Kunst für entartet erklärt. 639 Werke Kirchners wurden beschlagnahmt und zum Teil zerstört. Ernst Ludwig Kirchner beging am 15. Juni 1938 Selbstmord - die letzte Flucht vor dem Regime, dessen häßliche Fratze er schon vor Jahren gemalt hatte.

Ernst Ludwig Kirchners Ölgemälde, Zeichnungen, Lithographien und Holzschnitte gehören zu den besten Darstellungen des Mikrokosmos Großstadt im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Sein Bild "Friedrichstraße" zeigt eine morbide Parade schwarz gekleideter Frauen mit eingefallenen Gesichtern. Auf dem berühmten "Potsdamer Platz"-Gemälde stehen zwei grüngesichtige Damen auf dem "Präsentierteller", während zwielichtige Gestalten um sie herum schleichen. Seine Lieblingsthemen kehren immer wieder: Krankheit, Wahnsinn, Elend, Prostitution, Vereinsamung, Dekadenz, Verlogenheit, Anonymität, Kälte, Krieg. - Die Apokalypse, der Tanz auf dem Vulkan, der Untergang einer Kultur. Kirchners Bilder sind schrill, schräg und schreiend - grotesk, morbide, sarkastisch und vulgär. Sie sind wunderbar.

vh