MÄRZ
2006

 
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KUNST


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Kunst und Politik in Symbiose: Kunst am Bau im Reichstag

 

Ende der neunziger Jahre beschloss der Kunstbeirat des Deutschen Bundestags ein Kunstkonzept, das alle drei Parlamentsbauten mit Kunst am Bau ausstatten sollte. Bedeutende deutsche Künstler sowie Künstler aus den ehemaligen Siegermächten wurden aufgefordert, Kunstwerke zu entwickeln, die sich mit der politischen Geschichte Deutschlands auseinandersetzen sollten. Aufgrund seiner historischen Bausubstanz und seiner nicht minder historischen Bedeutung nimmt dabei das Reichstagsgebäude eine besondere Stellung ein. Wie schwierig es ist, Kunst und Politik auf überzeugende Art und Weise zu verbinden, zeigen die folgenden Beispiele.

Westeingangshalle: Gerhard Richter, "Schwarz Rot Gold", 1998
Gerhard Richters Farbkunstwerk von 21 m Höhe und 3 m Breite besteht aus drei Glastafeln in den Farben Schwarz, Rot und Gold, die übereinander angebracht sind. Aufgrund des Hochformats und der spiegelnden Oberfläche sollen Assoziationen zur deutschen Flagge lediglich angedeutet, aber auch wieder gebrochen werden, ein Ziel, das sich im Grunde nicht erfüllt. Trotz der Verfremdung wird das Kunstwerk vom Betrachter sofort und eindeutig als Flagge erkannt, so dass die autonome Farberfahrung sich nicht einstellen mag.

Nordeingangshalle: Jenny Holzer, "Installation für das Reichtagsgebäude", 1999
Die amerikanische Künstlerin Jenny Holzer hat für den Reichstag eine Stahlstele mit digitalem Schriftpaneel konzipiert, auf dem 447 Reden von Reichstags- und Bundestagsabgeordneten aus den Jahren 1871 bis 1999 ablaufen. Parlamentarische Zwischenrufe werden durch Blinken markiert. Um einmal komplett durchzulaufen, brauchen die Texte 20 Tage. Die Installation soll den tragenden Pfeiler des Parlaments als Haus der politischen Rede verbildlichen. Das Problem ist, dass sich die Reden nicht wirklich lesen lassen. Da die Laufrichtung von unten nach oben verläuft und die Buchstaben vertikal statt horizontal angeordnet sind, kann das Auge höchstens drei, vier Worte in Folge fassen. Dadurch bekommt Holzers Kunstwerk eine unfreiwillige Komik: Die Reden der Parlamentarier drohen, zu leerem Geschwätz zu verkommen.

Südeingangshalle: Georg Baselitz, "Friedrichs Frau am Abgrund", "Friedrichs Melancholie", 1998
Die Motive für seine beiden Kunstwerke hat Baselitz von dem Romantiker Caspar David Friedrich geliehen. Wie es typisch für Baselitz ist, hat er sie auf den Kopf gestellt, um die formale Komposition zu betonen. Der Bezug zur deutschen Demokratiegeschichte ist hier nur sehr lose, lässt er sich doch lediglich aus Friedrichs Bedeutung für die Herausbildung einer deutschen Identität ableiten.

Osteingang, Untergeschoss: Christian Boltanski, "Archiv der Deutschen Abgeordneten", 1999
Das Kunstwerk des Franzosen Boltanski zeigt mittlerweile verrostete Metallkästen, die in zwei Blöcken bis zur Decke gestapelt sind und zwischen sich einen Gang freilassen, so dass sich eine Archiv-Situation einstellt. Im Keller angesiedelt, soll Boltanskis Werk ähnlich wie bei Sieverding das Fundament der Demokratie verbildlichen: Hier sind es die demokratisch gewählten Abgeordneten. Die Kästen sind mit den Namen der Abgeordneten beschriftet, die von 1919 bis 1999 ins Parlament gewählt wurden. Allen wird der gleiche Erinnerungsraum zuteil; die Kästen der von den Nationalsozialisten ermordeten Abgeordneten tragen jedoch einen schwarzen Streifen. Eine einzelne schwarze Box präsentiert die Jahre von 1933 bis 1945. Indem die Geschichte von der üblichen Gewichtung gelöst wird, wird sie auf eine neue Art und Weise dargestellt, auch wenn man kritisieren kann, dass der Bruch durch den Nationalsozialismus etwas zu glatt ausfällt.

Westseite: Katharina Sieverding, "Den von 1933 bis 1945 verfolgten, ermordeten und verfemten Mitgliedern des Reichstages der Weimarer Republik zum Gedenken", 1992
Das in Schwarz, Rot und Gelb gehaltene, recht plakative Werk zeigt die Röntgenaufnahme eines Rückgrats vor einem Flammenmeer. Vor der Leinwand stehen drei Holzpulte mit Gedenkbüchern, die an die verfolgten Reichstagsmitglieder erinnern. Durch seine unglückliche Hängung wird Sieverdings Werk jedoch ad absurdum geführt: Direkt an eine Lounge mit Ledersesseln anschließend, wirkt es eher dekorativ als mahnend.

Südseite: Günther Uecker, "Andachtsraum", 1998/1999
Ueckers Andachtsraum arbeitet mit unbequemen Holzstühlen, einem Granitaltar, einer nach Mekka ausgerichteten Bodenlinie, indirektem Lichteinfall und lose an die Wände gelehnten Leinwänden, auf denen spitze Steine, Nägel, Sand und Asche sich zu Kreuzen aufschwingen und wieder abebben. Ob der Raum einladend wirkt oder harsch, ob er zur Meditation einlädt oder zur Kunstbetrachtung, hängt stark vom jeweiligen Besucher ab. Sein Ziel der Interkonfessionalität erfüllt der Raum durch den starken Kreuzbezug allerdings nur bedingt.

Nördlicher Innenhof: Hans Haacke, "DER BEVÖLKERUNG", 1999/2000
Haackes Installation besteht aus dem Schriftzug "DER BEVÖLKERUNG", der in der gleichen Größe und Schrifttype wie die zentrale Giebelinschrift "DEM DEUTSCHEN VOLKE" mit dem Gesicht nach oben in einem der Innenhöfe liegt. Um die Buchstaben herum ist Erde angehäuft, die die Abgeordneten aus ihrem Wahlkreis mitbringen. Allein mithilfe von Luft, Licht und Wetter siedeln sich die verschiedensten Pflanzen auf dem Kunstwerk an; ein menschlicher Eingriff findet nicht statt. Eine Webcam zeichnet auf, wie die Installation sich verändert (www.derbevoelkerung.de). Das mit Abstand stärkste Werk der Kunst am Reichstag wurde zugleich am kontroversesten diskutiert. Statt des Blutsbegriffs (deutsch ist, wer dem deutschen Volk angehört) etabliert es den Boden als zentrale Kategorie (deutsch ist, wer in Deutschland lebt). Was von Haacke als Aufruf zu einem offenen, toleranten Deutschland gemeint war, wurde teilweise in Erinnerung an die Expansionsbestrebungen des Dritten Reichs negativ belegt. Teilweise ging es den Kritikern auch darum, dass das Kunstwerk ein Korrektiv der zentralen Giebelinschrift darstellen könnte und damit die deutsche Demokratieform in Frage zu stellen droht. Als einziges Kunstwerk musste Haackes Installation eine parlamentarische Abstimmung über sich ergehen lassen und wurde mit knapper Mehrheit befürwortet, eine Entscheidung, zu der man nur beglückwünschen kann.

Die Symbiose zwischen Kunst und Politik scheint also nicht in jedem Fall gelungen: Oftmals leiden entweder die künstlerische Qualität oder die politische Aussage an der Verbindung. In ihren unterschiedlichen Herangehensweisen an deutsche Geschichte ist die Kunst am Bau des Reichstagsgebäudes jedoch nichtsdestotrotz eine spannende Begegnung zwischen Kunst, Architektur, Politik und Geschichte. Besichtigungen sind nach Voranmeldung möglich.

aw