MAI
2006

 
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KUNST


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Von Sündern und Seligen: Lochners " Weltgericht"

Stefan Lochner (um 1400-1451)
"Weltgericht"
ca. 1435
Eichenholz, 124,5 x 173 cm
Köln, Wallraff-Richartz-Museum

 

Lochners "Weltgericht" aus dem 15. Jahrhundert gilt als eines der Hauptwerke spätgotischer Kunst. Flankiert von Maria und Johannes dem Täufer, richtet Jesus Christus die aus ihren Gräbern auferstehenden Menschen und weist ihnen den Weg in Himmel oder Hölle.

Christus, Maria und Johannes der Täufer sind in einer zentralen Dreiecksformation angeordnet, wobei Christus eine erhöhte Position auf zwei Regenbögen einnimmt. Die drei Figuren zeichnen sich durch ihre Gewänder in kräftigem Rot, Blau und Grün aus, wie auch durch ihre vergrößerten Proportionen. Der sie unterlegende Goldgrund verortet sie in einer transzendentalen Ebene, wobei Maria und Johannes anders als der schwebende Christus durch ihre Position auf zwei Sockeln gleichzeitig mit der irdischen Landschaft verbunden werden. Begleitet werden sie durch kleine blau gekleidete Engel, die als Zeichen für das Opfer Christi seine Leidenswerkzeuge herbeibringen.

Während Maria und Johannes für die Menschheit Fürbitte leisten, richtet Christus die Menschen mit zwei Gesten seiner Hände: links der Segensgestus, rechts der Gestus des Verdammens. Diesen Gesten folgend, teilen sich die Menschen in zwei Hälften. Während die Verdammten aus der Mitte kommend von den Teufeln nach rechts gezogen werden, verläuft der Strom der Seligen auf der linken Seite in engegengesetzter Richtung. Sie wenden dem Betrachter den Rücken zu, führen ihn also ins Bild hinein, während der Betrachter von den ihn entgegenkommenden Sündern abgestoßen wird.

Entgegen ähnlicher Darstellungen werden Himmel und Hölle nicht durch Oben und Unten, Himmel und Erdreich dargestellt, sondern durch zwei architekturale Bauten: links die gotische Kirche, rechts eine brennende romanische Burg. Dem antithetischen Bildaufbau folgt auch die fruchtbare Vegetation auf der linken Seite im Gegensatz zur verdorrten Erde auf der rechten. Während die Seligen in himmlischem Licht erstrahlen und kunstvoll geflochtenes Haar tragen, zeichnen sich die Verdammten durch grünliches Inkarnat und hässliche, angstverzerrte Gesichter aus.

Links geleiten Engel die Seligen in den Himmel, rechts befinden sich die Sünder im verzweifelten Kampf mit den Teufeln. Doch nur den Guten wendet Christus sein Antlitz zu. Unter den gerichteten Menschen befinden sich Vertreter der verschiedensten Religionen (Juden, Moslems) und Gesellschaftsschichten (Geistliche, Adlige). Kardinäle, Päpste und Könige finden sich auf beiden Seiten wieder. Auch Vertreter der Todsünden (Wollust, Völlerei) sind auszumachen.

aw