MAI
2002

 
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Wiederentdeckter Kunstschatz: Die Sammlung Langer


Joseph Langer, Selbstportrait

Sammlung Langer
25.05. - 26.06.2002
Ausstellungsraum der Brackweder Kulisse
Germanenstr. 22
33647 Bielefeld

zur Sammlung:
http://mitglied.lycos.de/JosephLanger/

zum Verein Klepsydra:
www.klepsydra.de

zu Dominik Petruk:
www.petruk.de

Vor vier Jahren wurde zufällig die Sammlung des schlesischen Malers und Kunstsammlers Joseph Langer (1865-1918) entdeckt, die seit dem zweiten Weltkrieg als verschollen galt. Nach Stationen in Polen und Österreich werden die Exponate nun erstmals in Deutschland gezeigt. CERYX sprach mit Dominik Petruk, der zusammen mit seinem Krakauer Kollegen Adam Organisty Kurator der Ausstellung ist.

CERYX: Herr Petruk, was hat es mit der Entdeckung der Sammlung auf sich?

Dominik Petruk: Die zufällige Entdeckung der Sammlung Langer im Museum für historischen Hausrat in Ziebice (ehemals Münsterberg Schlesien / Polen) durch die damalige Direktorin Renata Kolega und den Krakauer Kunsthistoriker Adam Organisty führte zu einer kunstwissenschaftlichen Sensation. Bei den in der Sammlung erhaltenen Exponaten handelt es sich um Kunstwerke, die von grundlegender Bedeutung nicht nur für die polnische, sondern auch die für deutsche Kunstforschung sind. Darüber hinaus ermöglicht das neuentdeckte Material zum allerersten Mal das Atelier eines schlesischen Künstlers, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gelebt und gewirkt hat, fast vollständig zu rekonstruieren. Die Rekonstruktion des Ateliers von Joseph Langer ist einer der Leitgedanken der Ausstellung in Bielefeld.

CERYX: In welchem Zustand befanden sich die Kunstwerke?

Dominik Petruk: Die ungeschützte Lagerung dieser wertvollen Exponate im Heizungskeller des Museums, direkt neben einem Heizungsofen, die jeglicher Logik und jeglichen Sachverstandes entbehrte, führte zu weitgehender Beschädigung der meisten Exponate. Glücklicherweise ist die Sammlung "rechtzeitig" entdeckt worden, so dass fast die gesamte Sammlung vor weitergehenden, irreparablen Schäden bewahrt werden konnte. Bei den zwei Ausstellungen in Österreich, bei denen lediglich ein kleiner Teil der Sammlung gezeigt wurde, war es möglich Mittel aufzutreiben, die für die Restaurierung von einigen Skulpturen verwendet werden konnten. Von der polnischen Seite sollte die hervorragende Restaurierung der wertvollen griechischen Ikone, die sich in der Sammlung Langer befindet, durch Dominika Tarsinska erwähnt werden. Seit ihrer Neuentdeckung werden die Kunstwerke weitgehend fachgerecht gelagert und zum Teil im Museum in Ziebice ausgestellt.

CERYX: Woraus besteht die Sammlung?

Dominik Petruk: Die Kunstwerke der Sammlung Langer können in drei Hauptgruppen unterteilt werden. Einerseits gibt es eine enorme Anzahl von Zeichnungen, Skizzen und Gemälden, die Joseph Langer selbst gemalt hat.

Die zweite Gruppe stellen die Dokumentationen von denkmalpflegerischen Arbeiten. Joseph Langer gehörte zu den wichtigsten Denkmalpflegern in Schlesien. Er arbeitete zeitweise mit Hans Lutsch zusammen. Sein wichtigster Auftrag war die Restaurierung der Aula Leopoldina der Breslauer Universität. Für diese Restaurierung erhielt Langer von Kaiser Wilhelm I. die Professorenwürde. Die Besonderheit und Einzigartigkeit der Sammlung Langer, unter dem denkmalpflegerischen Aspekt betrachtet, besteht darin, dass sich in der Sammlung viele alte Photographien und Entwurfskizzen zu verschiedensten, heute meist zerstörten oder übermalten, Dekorationen für profane und sakrale Gebäude und Innenräume befinden.
Die dritte Gruppe stellt die private Kunstsammlung von Joseph Langer dar. Langer sammelte Kunstwerke aller Epochen (vom Mittelalter bis in die Neuzeit). Da Joseph Langer ein sehr kunstbewandter Mann war, handelt es sich fast ausnahmslos um Kunstwerke von höchstem künstlerischen Wert.

Die Ausstellung in Bielefeld hat zum Ziel die Person Joseph Langer vorzustellen. Daher sind auf der Ausstellung die wichtigsten Werke aus allen drei erwähnten Bereichen vertreten. Auf diese Weise hat der Besucher die Möglichkeit, einerseits die wichtigsten Werke der Sammlung kennen zu lernen und andererseits einen Einblick in das Atelier und somit in die Persönlichkeit Joseph Langer zu gewinnen.

CERYX: Wie würden Sie die Bedeutung des Fundes für die Kunstwelt einschätzen?

Dominik Petruk: Die Vorstellung der Sammlung Langer auf der kunsthistorischen Tagung im Breslau im vorigen Jahr durch Adam Organisty wurde von Anwesenden mit den Worten "kunsthistorisches Erdbeben" kommentiert. Die neuentdeckte Sammlung ist von höchstem künstlerischen Wert. Die in der Sammlung erhaltenen Dokumentationen, Kunstwerke und Photographien sind fast vollständig unbekannt. Sie schließen eine große Lücke in der kunsthistorischen Forschung Schlesiens. Sie bieten vielen Forschern die Möglichkeit ihre Thesen auf der Grundlage von neuen Informationen zu überprüfen und zu verifizieren. Die Besonderheit dieser Sammlung besteht vornehmlich auch darin, dass sie nicht nur für die polnischen Forscher interessant ist, sondern auch für die deutschen Kunsthistoriker einen ganz hohen Stellenwert haben wird.

CERYX: Wie kam es zu der Entscheidung, die Exponate nach Deutschland zu holen?

Dominik Petruk: Die Entscheidung die Sammlung Langer in Deutschland der Öffentlichkeit zu präsentieren hatte zwei wichtige Gründe. Auf der einen Seite prädestiniert die Geschichte Schlesiens die Sammlung für einen Ausstellungsort in Deutschland. Darüber hinaus befindet sich in Bielefeld der Hauptsitz der Bundesheimatgruppe Münsterberg / Schlesien, welche die Ausstellung unterstützt. Neben der Bundesheimatgruppe wird die Ausstellung von der Stadt Bielefeld und einem jungen Verein für internationalen kulturellen Austausch, KLEPSYDRA e.V., aus Münster organisiert.

Auf der anderen Seite bieten die neuentdeckten Exponate der Sammlung Langer ungeahnte Möglichkeiten für alle deutschen Forscher, die sich mit Schlesien beschäftigen. Die Ausstellung soll auch dazu dienen, diese Werke zum ersten Mal in Deutschland zu präsentieren um auf diese Weise sowohl der deutschen kunstwissenschaftlichen Forschung wie auch einem breiten Kreis der Kunstinteressierten neue Perspektiven aufzuzeigen.

CERYX: Was erwartet den Besucher in der Bielefelder Ausstellung?

Dominik Petruk: Beim Besuch der Ausstellung hat der Betrachter u.a. die Möglichkeit die, in Deutschland relativ unbekannte, schlesische Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts kennen zu lernen. Es erwarten ihn sowohl Gemälde wie auch Skulpturen oder Zeichnungen. Neben den Werken, die unmittelbar mit Schlesien in Verbindung stehen, befinden sich auf der Ausstellung auch Exponate, die Joseph Langer für seine private Kunstsammlung erworben hat. Es sind ausgelesene Werke aus verschiedensten Kunstepochen (vom Mittelalter bis in die Neuzeit) und aus unterschiedlichen Ländern (u.a. eine griechische Ikone aus dem 17. Jahrhundert oder eine barocke Zeichnung von Giuseppe Passeri aus Italien u.v.m.). Neben vielen, bis zur Neuentdeckung als verschollen geltenden Kunstwerken, die auf der Ausstellung zum ersten Mal nach fast 60 Jahren der Öffentlichkeit präsentiert werden, hat der Besucher die Möglichkeit, Joseph Langer als Künstler-, Sammler- und Restauratorpersönlichkeit kennen zu lernen und auf diese Weise auch Einblick in das Künstlermilieu Breslaus um 1900 zu bekommen. Die Ausstellungssituation entspricht keiner konventionellen Exposition. Der gesamte Ausstellungsraum ist unter dem Gesichtspunkt der Wiedergabe der Atmosphäre, die im Atelier von Joseph Langer geherrscht hatte, konzipiert. Auf diese Weise kann der Besucher sich nicht nur mit der Kunst vertraut machen, sondern darüber hinaus die Welt von Joseph Langer emotional, mit allen Sinnen erfahren.

Zu der Ausstellung erscheint auch ein Katalog. Es ist die erste umfassende Publikation zu Joseph Langer. Dieser Katalog ist das Ergebnis einer langjährigen Forschung, die der Krakauer Kunsthistoriker Adam Organisty über Joseph Langer betreibt. Auf der Grundlage von vielen wissenschaftlich fundierten Forschungen und Neuentdeckungen bietet der Katalog, sowohl für Kunsthistoriker wie auch für Kunstinteressierte einen ersten umfassenden Überblick über die Tätigkeit von Joseph Langer und sein Künstlerleben im Breslau um 1900.

CERYX: Richtet sich die Ausstellung primär an Kunstexperten, oder ist sie auch für ein breiteres Publikum von Interesse?

Dominik Petruk: Die Ausstellung bietet sowohl für Kunsthistoriker wie auch für Kunstinteressierte ungeahnte Möglichkeiten. Auf der Ausstellung werden zum allerersten Mal Werke präsentiert, die in der Kunstwelt fast über 60 Jahre lang als verschollen gegolten haben. Somit bietet die Ausstellung die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit vorhandenen Thesen, wie auch zur Entwicklung von neuen Standpunkten. Darüber hinaus werden auf der Ausstellung originale Photographien und Entwurfskizzen zu Dekorationen von verschiedenen profanen und sakralen Gebäuden und Innenräumen präsentiert. Viele dieser Dekorationen sind im Laufe der Zeit zerstört oder übermalt worden. In den meisten Fällen war der ursprüngliche Zustand dieser Raumsituationen, bis zur Neuentdeckung der Sammlung Langer, unbekannt. Die Ausstellung bietet die Möglichkeit zum allerersten Mal die Fresken in ihrem ursprünglichen Zustand zu sehen.


Giuseppe Passeri, Vision der hl. Hyazinthe Marescotti

Zu den besonders interessanten Exponaten, die Teil der privaten Kunstsammlung von Joseph Langer waren, gehört eine Zeichnung von Giuseppe Passeri und eine Ikone. Diese Zeichnung ist die dritte von insgesamt vier Vorstudien für das Altargemälde im Kollegiatshaus in Viganello bei Viterbo mit Darstellung der "Vision der hl. Hyazinthe Marescotti". Der Schöpfer dieser Zeichnung, wie auch des Altargemäldes ist der italienische Maler Giuseppe Passeri (1654-1714). Die restlichen drei Vorstudien befinden sich in den Sammlungen der Albertina in Wien, in der École des Beaux-Arts in Paris und im Metropolitan Museum of Art in New York. Die Ikone entstand zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Griechenland. Sie zeigt den ungewöhnlichen ikonographischen Typus "Johannes der Täufer - Engel in der Wüste" und gehört zu den seltensten Ikonen dieser Art in Polen.

Die Ausstellung ist so konzipiert, dass sie sowohl für Kunsthistoriker wie auch für Kunstinteressierte Anreiz bietet. Jeder, unabhängig davon, ob er die Exposition unter wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Gesichtspunkt betrachtet wird auf dieser Ausstellung genug Aspekte vorfinden, die sein Interesse anregen werden und vielleicht zur weitergehenden Beschäftigung mit dem Thema bewegen.

CERYX: Vielen Dank!

Die Fragen stellte aw.