SEPTEMBER
2008

 
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LITERATUR

DIE LOGIK DES UNBEWUSSTEN
Zum Vexierspiel von Text und Bild in André Bretons Nadja

Mit Bretons surrealistischen Roman Nadja aus dem Jahr 1924 erreicht die Nutzbarmachung der Fotografie für die Literatur einen heute noch unbestrittenen Höhepunkt. Auf bis zu 48 Abbildungen sind Orte, Gebäude, Personen, Kunstwerke und Objekte zu sehen, die in der Erzählung erwähnt werden.

Es handelt sich dabei um eine der ersten ernsthaften Bemühungen, einen literarischen Text so mit Bildern anzureichern, dass ein echter Mehrwert entsteht. Denn Bretons Abbildungen sind dem Text nicht nur zur Illustration beigefügt, sondern sie treten mit ihm in ein Spannungsverhältnis. Triebfeder dieses Spannungsverhältnisses ist der unwillkürliche Versuch des Lesers, die gezeigten Abbildungen zum Text in Beziehung zu setzen, um so Zugang zu einem schwierigen literarischen Werk zu finden.

Der Schlüssel zu den scheinbar unbedeutenden, scheinbar wahllos aneinandergereihten Begebenheiten, aus denen Bretons Erzählung besteht, liegt im Begriff der Signalhaftigkeit, die Breton mit den folgenden Worten umschreibt: "la vue de très rares objets ou notre arrivée dans tel et tel lieux, accompagnées de la sensation très nette que pour nous quelque chose de grave, d’essentiel, en dépend" (S. 21). In surrealistischer Perspektive handelt es sich hierbei um Suggestionen, die aus dem Unbewussten hervorbrechen, ohne dass der Verstand sie sich erklären könnte. Diesen Effekt mit Worten zu beschreiben, scheint ein schier aussichtsloses Unterfangen, weil er sich nur im unmittelbaren Erleben eröffnet, nicht durch die Reflexion. Da Fotos unmittelbarer sind als geschriebener Text, hofft der Leser, dass sich anhand der Abbildungen leichter verstehen ließe, worauf Breton mit seiner Erzählung hinauswill. Dazu leitet ihn auch der Umstand an, dass die Fotos mit passenden Textzitaten und der dazugehörigen Seitenzahl versehen sind, was auf eine enge Verbindung zwischen Text und Bild hindeutet.

Die auf diese Weise erzeugten Erwartungen werden in der tatsächlichen Konfrontation zwischen Bild und Text jedoch nicht eingelöst. Wie sich zeigen wird, handelt es sich dabei um eine bewusste Strategie des Autors, die es ihm erlaubt, sein literarisches Programm nur umso eindringlicher zu transportieren.

1. Annahme: Was durchs Foto beglaubigt wird, müsse textimmanent wichtig sein
Die Erfahrung mit anderen Texten lehrt den Leser, dass das, was mit einem Foto unterstrichen wird, auch im Text eine zentrale Rolle spielt. Bei Breton werden jedoch oftmals Orte und Personen abgebildet, die nur in einem Nebensatz kurz erwähnt werden. Umgekehrt werden nicht alle erwähnten Orte und Personen abgebildet. Kriterien der Auswahl sind nicht zu erkennen. Text und Bild verhalten sich nicht proportional zueinander, was den Umgang mit ihnen erschwert.

2. Annahme: Die Fotos müssten helfen, den Text zu verstehen
Versucht der Leser dennoch, den Text so zu lesen, dass er den illustrierten Textstellen im Gesamtgefüge eine besondere Bedeutung beimisst, wird der Text nur noch komplexer und unverständlicher. Der Leser versucht, die Bilder als Schlüssel für die Lektüre zu nehmen, doch der Schlüssel passt nicht. Statt also den Text zu erläutern, wie es die klassische Funktion der Illustration will, verwirren die Bilder den Leser noch zusätzlich.

3. Annahme: Der Signalcharakter des Abgebildeten müsse sich dem Betrachter erschließen
Wenn der Leser nicht versteht, warum Breton bestimmten Dingen einen so großen Platz einräumt, so hofft er, dass sich ihre Signalhaftigkeit zumindest aus den Abbildungen nachvollziehen ließe. Was Breton bei der Konfrontation mit den Dingen erlebt hat, müsste sich anhand ihrer Reproduktionen doch nachempfinden lassen. Doch die Bedeutung des Abgebildeten bleibt dem Leser verschlossen, es erscheint gänzlich kontingent.

4. Annahme: Die Bilder würden die einzigartige Perspektive des Autors wiedergeben
Womöglich sagen die abgebildeten Dinge dem Leser deshalb nichts, weil er nicht mit Bretons Augen schaut. Es liegt daher nahe, die Fotos nach Spuren von Bretons persönlicher Wahrnehmung zu untersuchen. Breton selbst zeugt von einer entsprechenden Absicht, wenn er über die fotografierten Orte, Personen und Objekte sagt: "je tenais, en effet (...) à en donner une image photographique qui fût prise sous l’angle spécial dont je les avais moi-même considérés" (S. 177). Diese Absicht wird jedoch nicht eingelöst: Die Fotografien wirken unpersönlich und lassen keine emotionale Dimension erkennen.

5. Annahme: Die Fotos würden auf die Echtheit des Erzählten verweisen
Die Funktion der Fotografie liegt normalerweise in der Beglaubigung: Was auf dem Foto zu sehen ist, ist (anders als in der Malerei) wahr. Auch Bretons Fotos verweisen scheinbar auf eine äußere Wirklichkeit. Indem aber diese Wirklichkeit rätselhaft und beliebig erscheint, verliert sie ihren Status als stabile Orientierungsgröße. Dem Leser helfen die Fotos nicht weiter, er blickt ins Leere. Dies diskreditiert letzten Endes auch das, was abgebildet ist. Damit führt Breton die ureigene Funktion der Fotografie ad absurdum, indem er sie gegen sich selbst kehrt: Ausgerechnet mit materiellen Mitteln wird die Immaterialität der surrealistischen Welterfahrung demonstriert.

Alle genannten Lesererwartungen werden also in ihr Gegenteil verkehrt: An die Stelle der Proportionalität setzt Breton die Disproportionalität, statt der Erläuterung setzt er die Verwirrung, statt der Bedeutung die Kontingenz, statt der Perspektivität die Unpersönlichkeit und statt der Beglaubigung die Entmaterialisierung.

Durch diese Taktik wird die unterstellte narrative Einheit zwischen Bild und Text gebrochen, indem sich beide heftig aneinander stoßen. Gerade aus diesem Aneinander-Stoßen entsteht jedoch eine andere Einheit zwischen Bild und Wort: keine narrative, sondern eine strukturelle. Die gezeigten Bilder sind eine Auswahl des Erzählten, welches eine Auswahl des Erlebten ist. Beide Ausschnitte scheinen für sich beliebig, gehorchen dabei jedoch einem Prinzip, das aus dem Unbewussten generiert wird und daher mit den Mitteln der rationalen Logik nicht zu begreifen ist. Hierin zeigt sich das Ziel des Surrealismus, zu einer alternativen Erfahrungswelt vorzudringen, die normalerweise durch die engen Grenzen von Logik und Vernunft unterdrückt wird und die in Wahrheit nicht weniger "wirklich" ist als das, was der Verstand uns als Wirklichkeit diktiert.

Damit entsprechen die Bilder dem Text auf eine völlig neue Weise: Anstatt ihn nur zu illustrieren, führen sie sein Vexierspiel auf einer anderen Ebene fort. Indem eine Übereinstimmung zwischen Bild und Text suggeriert wird, die letztlich nicht eingehalten wird, tragen beide zur Undurchdringlichkeit des jeweils anderen bei - eine Undurchdringlichkeit, die für die surrealistische Theorie von entscheidender Bedeutung ist. Deutlicher als bei einer getrennten Betrachtung zeigt sich im Zusammenspiel von Wort und Bild, dass es innerhalb der Erfahrungswelt des Surrealismus keine andere Logik geben kann als die des Unbewussten.

aw

Abb.: Fotografie von J.-A. Boiffard, aus: André Breton, Nadja, Paris 1924.
Die Seitenzahlen nach den Zitaten beziehen sich auf die Ausgabe Paris 1964.

© ceryx.de

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