JANUAR
2003

 
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LITERATUR


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Anatole Broyard: "Verrückt nach Kafka"
Anatole Broyard
"Verrückt nach Kafka. Erinnerungen an Greenwich Village"
Berlin Verlag, 2001

 

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"Verrückt nach Kafka" ist eine Erinnerung an Greenwich Village nach dem 2. Weltkrieg, an einen mythischen Ort und an eine turbulente Zeit, und das Bekenntnis eines Bibliophilen.

Es war immer der Traum junger, amerikanischer Künstler, nach Paris zu gehen. Wer sich die Überfahrt nicht leisten konnte, zog nach New York, ins Greenwich Village, wo ein Ersatz-Montmartre entstand. Und wie so oft war die Nachahmung interessanter als das Original. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg war das Village der Geburtsort der Moderne.

Anatole Broyard erinnerte sich in "Verrückt nach Kafka" an das Greenwich Village, das heute nicht mehr existiert - außer in der Erinnerung der früheren Bewohner und in der Vorstellung der Touristen, denen heute nur noch eine Parodie angeboten wird. "Das Village war charmant, schäbig, intim, zugänglich wie ein Straßenfest. Wir lebten in den Bars und auf den Bänken des Washington Square. Wir waren Teil eines abenteuerlichen Unternehmens, wir versuchten, Schriftsteller oder Maler zu sein, oder damit zu beginnen," schreibt er.

Broyard kam vom Kriegsdienst in Japan zurück. Er verließ das Haus seiner Eltern in Brooklyn, um mit der Malerin Sheri Donatti, einem Protegé von Anaïs Nin, im Village zu leben. "Sheri verkörperte all die neuen Trends in Kunst, Sex und Psychose." Broyard besuchte die New School for Social Research, wo berühmte Wissenschaftler, die vor Hitler geflohen waren, lehrten: Erich Fromm, Rudolf Arnheim, Max Wertheimer, Karin Horney. "Bildung war damals chic und sexy, etwas, das noch nicht jedem offenstand." Bildung war so aufregend, daß Broyard einen alten Traum verwirklichen konnte: er eröffnete einen Buchladen in der Cornelia Street. Er verkaufte Bücher seiner Lieblingsautoren Wallace Stevens, D.H. Lawrence, Céline - und vor allem Kafka, der im Village besonders populär war. "Ständig kamen Leute an, die mit wildem Blick, fast mit Schaum vorm Mund, bereit waren, für Kafka jeden Preis zu bezahlen."

Broyard fing an, für Zeitschriften zu schreiben - obwohl er außer Notizen, nie etwas geschrieben hatte. "Ich kritzelte dauernd etwas auf kleine Blöcke, die ich mit mir herumtrug, notierte Ideen, Sätze, Bilder. Die Hälfte aller jungen Männer im Village machte sich solche Notizen. Sie machten sie in Cafés, im Park, sogar auf der Straße. Man sah sie stehen bleiben und ihre Blöcke oder Notizbücher zücken, um irgend etwas zu notieren, was ihnen gerade aufgefallen war - die Farbe des Himmels, eine Straßenbiegung, eine Inkongruenz. Es waren Postkarten an die Literatur, die wir nie abschickten."

Broyard schickte seine Postkarte erst spät ab. "Verrückt nach Kafka" wurde posthum 1993 in den USA veröffentlicht. Anatole Broyard war bereits 1990 gestorben. Hinterlassen hat er nur einige frühe Erzählungen und Artikel, unzählige Rezensionen und Kolumnen, die er später schrieb, als er der wichtigste Literaturkritiker der "New York Times" geworden war - und "Verrückt nach Kafka", dieses schmale Bändchen, die Erinnerung an einen mythischen Ort und an eine turbulente Zeit, das Bekenntnis eines Bibliophilen. "Mir ist klar," schrieb er, "daß die Menschen heute immer noch Bücher lesen und daß es auch noch Büchernarren gibt, aber was wir 1946 im Village für Bücher empfanden - ich spreche jetzt von mir und meinen Freunden -, ging über Liebe hinaus. Es war, als hätten wir nicht gewußt, wo Bücher anfangen und wo sie enden. Bücher waren unser Wetter, unsere Umwelt, unsere Kleidung. Wir lasen sie nicht nur; wir wurden zu Büchern."

vh


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Anatole Broyard: "Kafka Was the Rage: A Greenwich Village Memoir"

Young American artists always dreamed about going to Paris. Those who could not afford the trip moved to New York's Greenwich Village where they built up a fake Montmartre. The alternative turned out to be more interesting than the original. After World War II the Village became the birthplace of modern art.

In "Kafka Was the Rage" New York Times critic Anatole Broyard recalls his youth in Greenwich Village - where he lived with eccentric painter Sheri Donatti, a protégé of Anaïs Nin. He studied at the renowned New School of Social Research and opened his own bookshop in Cornelia Street - where he sold books by his favourite authors: Stevens, Lawrence, Céline and Kafka who was incredibly popular at the time.

"Kafka Was the Rage" is the confession of a bibliophile who discribes his love for books, modern art, philosophy and jazz as well as his love for women. It is the account of an exciting time in a place which seems mythical today.

vh