FEBRUAR
2003

 
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LITERATUR


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Thomas Brussig: "Leben bis Männer"
Thomas Brussig
"Leben bis Männer"
Collection S. Fischer, 2001

 

 

Ein Monolog über Fußball, wie langweilig. Warum etwas lesen, was in der Kneipe an der Ecke billiger zu haben ist, Getränke inklusive? Doch dieser Eindruck täuscht.

Seinen Namen erfahren wir nicht. Ist auch nicht wichtig. Viel wichtiger ist sein Beruf. Seine Passion. Fußballtrainer. Und zwar einer aus dem Osten. Der Frau und Kind für die Sache aufgegeben hat und seinen Spielern ein Vater ist. Vor allem dem Heiko. Gegen Frauen hat er nichts einzuwenden. Im Gegenteil, sie können sogar motivierend auf die Spieler wirken – aber von manchen Dingen haben sie einfach keine Ahnung. Wirklich nicht.

Im Stakkato kurzer, abgehackter Sätze beschreibt der Erzähler eine belanglose Situation oder Begebenheit nach der anderen, nur unterbrochen von Belanglosigkeiten, bis sich alles in einem kurzen, schrecklichen Höhepunkt entlädt – und selbst der wirkt durch all die Banalität belanglos. So belanglos, wie für ihn sein eigenes Leben zu sein scheint. Er spricht vom Wetter und wie es sich auf den Fußball auswirkt, er spricht vom Fußball und wie der sich auf sein Leben auswirkt, er spricht von seinem Leben. Sein Leben, das ist nicht ganz sein eigenes. Teils gehörte es der Familie, teils der Partei, vor allem aber gehört es dem Fußball. Für den Sport ergreift er Partei, die Mannschaft ist seine Familie.

Erst allmählich erschließt sich ein tieferer Sinn hinter dem Ganzen. Anhand der europäischen Fußballgeschichte kann Brussig erklären, warum vieles heute so ist, wie es ist. Was zunächst banal wirkt, drückt das Lebensgefühl einer ganzen Generation von „Ossis“ aus. Stets darum bemüht, sich korrekt zu verhalten und es allen recht, alles richtig zu machen, will ihnen genau das nie gelingen. Was gestern richtig war, ist heute falsch und umgekehrt: Das einzusehen, ist keine leichte Aufgabe und geht nicht spurlos an einem vorüber. Da ist einem schon mal zum Schreien zumute:

Ich übrigens brülle nicht.
Es sieht aus wie Brüllen,
aber in Wirklichkeit ist es Denken,
und zwar sehr leidenschaftliches Denken.

Glücklich, wer sich da in etwas flüchten kann. Ein Thema übrigens, das sich durch Brussigs generell eher ungewöhnliche Bücher zieht wie ein roter Faden. „Leben bis Männer“ ist also kein Buch nur über Fußball, und erst recht nicht ist es belanglos. Es ist gleichermaßen Anklage und Apologie eines an den Rand der Gesellschaft gedrängten Mannes, die überdies ein Stückchen europäischer Kulturgeschichte lebendig werden läßt.

Nach seinen bekannten und erfolgreichen Romanen „Helden wie wir“ und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“, im Theater aufgeführt bzw. verfilmt, kann Thomas Brussig mit „Leben bis Männer“ ein weiteres Mal überraschen und überzeugen.

mp