DEZEMBER 01
 
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LITERATUR


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Truman Capote: Eine Weihnachts-Erinnerung
in: Frühstück bei Tiffany, Rowohlt 1958.

„O je, es ist Früchtekuchen-Wetter,“ ruft die alte Dame an einem späten Novembermorgen - wie jedes Jahr. Die alte Dame ist eine schrullige Kusine und die beste Freundin des kleinen Buddy. - Buddy ist der Ich-Erzähler in Truman Capotes Kurzgeschichte, der sich an die Weihnachtsvorbereitungen seiner Kusine erinnert.

Er beschreibt die alte Dame, die nie im Kino war, sich von ihm aber gerne die Filmhandlung erzählen läßt. „... sie hat auch nie in einem Restaurant gegessen, ist nie weiter als zehn Kilometer von zu Hause fort gewesen, hat nie ein Telegramm erhalten oder abgeschickt, hat nie etwas anderes gelesen als das Witzblatt und die Bibel, hat sich nie geschminkt, hat nie geflucht, nie jemandem etwas Böses gewünscht, nie absichtlich gelogen und nie einen hungrigen Hund von der Tür gescheucht. Und nun ein paar von den Dingen, die sie getan hat und noch tut: mit einer Hacke die größte Klapperschlange totgeschlagen, die man jemals hierzulande gesehen hat (mit sechzehn Klappern), nimmt Schnupftabak (heimlich), zähmt Kolibris (versucht’s nur mal!), bis sie ihr auf dem Finger balancieren, erzählt Geistergeschichten (wir glauben beide an Geister), aber so gruselige, daß man im Juli eine Gänsehaut bekommt, hält Selbstgespräche, geht gern im Regen spazieren, zieht die schönsten Japonikas der Stadt und kennt das Rezept für jedes alte indianische Hausmittel, auch den Warzen-Zauber.“

Sie kennt auch ein besonders gutes Rezept für Früchtekuchen, die sie jedes Jahr an Personen schickt, die Buddy und sie mögen - zum Beispiel an den amerikanischen Präsidenten, an Missionare auf Borneo, an den Scherenschleifer und an einen Busfahrer, der ihnen immer winkt. So sammeln Buddy und sie Ende November ihr erspartes Geld zusammen - zum Großteil Einnahmen aus dubiosen Wettbewerben - und kaufen die Zutaten. Zu Zeiten der Prohibition macht der Erwerb des benötigten Whiskys am meisten Probleme. Der kleine Junge und die alte Dame machen sich zusammen mit ihrem Hund Queenie auf den Weg zu dem Alkoholschmuggler Mr. Haha. Erstaunt über das kuriose Trio fragt Mr. Haha, wer von ihnen der Trinker sei.

Dem Alkohol abgeneigt ist keiner von ihnen. Nach dem Kuchenbacken trinken sie den übriggebliebenen Whisky, singen und tanzen - bis ihre gemeinen Verwandten dem Vergnügen ein Ende bereiten. Die Verwandten sind es auch, die die Unzertrennlichen schließlich trennen - die dem Früchtekuchenbacken, dem Whiskytrinken, dem Spukgeschichtenerzählen und dem Glück ein Ende bereiten.

Truman Capote setzt in dieser stark autobiografischen Erzählung seiner exzentrischen Kusine Sookie ein Denkmal. Die kapriziöse Figurenzeichnung, die humorvoll-tiefgründigen Beobachtungen und die poetische Sprache sind typisch für Capotes Prosa. Der Autor hielt „Eine Weihnachts-Erinnerung“ für seine beste Geschichte. - Eine Einschätzung, der man nur zustimmen kann.

vh