NOVEMBER
2002

 
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LITERATUR


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Jessica Durlacher: "Die Tochter"
Jessica Durlacher
"Die Tochter"
Diogenes 2001

Die Tochter handelt von Wahrheit und Lüge, von Opfern und Tätern, von Scham, Verantwortung und dem Versuch der Wiedergutmachung. Zugleich ist das Buch ein wunderbarer Liebesroman.

Im Anne-Frank-Haus in Amsterdam lernen sie sich kennen: Max Lipschitz und Sabine Edelstein, beide Anfang Zwanzig. Ungewöhnlich und schicksalhaft wie der Ort ihrer Bekanntschaft ist auch die Liebesbeziehung, die sich zwischen ihnen entspinnt.

Max ist ein Kind der zweiten Generation, der Sohn eines KZ-Überlebenden. Bisher kannte er nur die spärlichen Erzählungen seines Vaters, wusste, dass dieser nur dank der Findigkeit seiner Zwillingsschwester überlebt hatte. Als diese Zwillingsschwester das erste Mal zu Besuch kommt -hört sie nicht auf, zu erzählen, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist. Es ist ihr letzter Besuch in der alten Heimat, kurz darauf stirbt sie, und endlich erfährt Max die ganze Geschichte, hört, dass sein Vater ohne die Schwester womöglich nie deportiert worden wäre.

Sabine arbeitet nur deshalb im Anne-Frank-Haus, da sie dort jedes Mal wieder das Gefühl hat, sie wäre gerade erst deportiert worden, erzählt sie Max. Und dass sie das Gefühl hätte, es ihrem Vater schuldig zu sein, diesen Schmerz immer wieder zu ertragen. Zuweilen ist Max von Sabines Vergangenheitsbesessenheit irritiert, denn er möchte lieber schweigen über die KZ-Vergangenheit ihrer beider Eltern. Doch Sabine ist fasziniert von der Geschichte ihres Vaters, den Max nur einmal ganz kurz zufällig zu Gesicht bekommt. Seine Geschichte erzählt Sabine: die Geschichte eines jüdischen Jungen, der während des Krieges mit seiner Familie untergetaucht war, bei Leuten mit einem fast gleichaltrigen Sohn. Zwischen Sabines Vater und einem ebenfalls untergetauchten Mädchen, entspann sich eine zarte, junge Liebesgeschichte, die durch die Eifersucht des Sohnes des Hauses verraten wurde.

Und dann ist Sabine auf einmal ohne Erklärung verschwunden, für Max ein lange anhaltendes Trauma.

Erst fünfzehn Jahre später sieht er sie überraschend wieder: auf der Frankfurter Buchmesse. Max hat seine Träume vom Leben als Schriftsteller an den Nagel gehängt und ist statt dessen Verleger geworden. Sabine ist in Begleitung des berühmten jüdischen Filmproduzenten Sam Zaidenweber aus Hollywood.

Es gelingt Max, Sabine zu finden, sie zu sprechen, und immer noch, das spürt er, sind da mehr Emotionen als nur der Wunsch nach einer späten Erklärung. Denn was damals war, das kann und will Sabine auch heute nicht verraten. Genauso wenig, wie sie ihr Verhältnis zu Sam zu erklären bereit ist; sie würde alles für ihn tun, alles - das ist alles, was Max als Antwort erhält.
Um Weihnachten taucht Max ein in die Stadt L.A., in der Sabine nun wohnt, geniest das Leben mit ihr, ohne dass die noch offenen Fragen von früher beantwortet werden.

In L.A. lernt Max Sam und seine Familie näher kennen und erfährt, dass Sam in seiner Jugend durch die Hölle deutscher KZ´s gegangen ist; seine Memoiren wollte er ursprünglich aber nur über seine Laufbahn als erfolgreicher Filmproduzent verfassen. Aber Sabines Fragen, ihr Interesse an dieser Zeit ermöglichten ihm, auch darüber zu schreiben - und das ist seine Überraschung für sie: Max soll sein Buch in den Niederlanden verlegen.

Nachdem Sabine dieses zum ersten Mal gelesen hat -verschwindet sie und alles scheint wieder von vorn zu beginnen. Sie hinterlässt wiederum eine lethargische Leere in Max` Leben, aus der er sich kaum reißen kann. Jedoch eines tut er nicht: er sucht Sabine nicht und liest auch Sams Memoiren erst, als er sich wieder aufrafft, nach Europa zu fliegen. Und beim Lesen stößt er auf eine interessante Geschichte; diese hatte er doch so ähnlich und doch anders schon vor Jahren einmal gehört?!
Max beginnt die Suche nach einer Frau, die Lisa heißt, und findet sie in Jerusalem. Langsam kommt er der Vergangenheit auf die Schliche und kommt dahinter, welch tragischer Schock für Sabines Verschwinden damals verantwortlich war.

Wie schon in ihrem ersten Roman Das Gewissen thematisiert Jessica Durlacher hier die Emotionen von Kindern jüdischer KZ-Überlebender. Mit brillanten Zeitsprüngen und Rückblenden konstruiert sie in diesem Buch eine spannende und packende Geschichte.

Jessica Durlacher lässt immer wieder die Generation derer zu Wort kommen, die nur durch ein Wunder überlebt haben. Aber was sie vor allem zeigt, ist die Last, die auch auf den Schultern der Kinder Überlebender liegt. Wie kann man jemandem böse sein, der so viel erlitten hat? Wie kann man so viel Emotion und Energie an etwas verschwenden, wenn die Eltern so viel Schlimmes durchgemacht haben? Und vor allem: wären sie selbst einer ähnlichen Situation gewachsen?
Auch wenn die beiden, Max und Sabine, überhaupt nichts mehr mit dem Holocaust zu schaffen haben, werden sie doch von der Vergangenheit eingeholt, und es ist für sie, durch die vergangenen Taten der Eltern, nicht möglich, ihr Leben unbelastet anzugehen, auch wenn sie sich noch so darum bemühen.

Doch neben all dem hat Jessica Durlacher auch noch einen wunderbaren, traurig-schönen Liebesroman geschrieben.

Zur Autorin:
Jessica Durlacher, die mit dem erfolgreichen niederländischen Schriftsteller Leon de Winter verheiratet ist, wurde 1961 in Amsterdam geboren und hat als Literaturkritikerin für diverse Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Bloemendaal. Ihr erster Roman Das Gewissen, für den sie den Debutantenprijs für das beste Erstlingswerk und Het Gouden Ezelsoor für das bestverkaufte Erstlingswerk erhielt, veröffentlichte sie 1997, Die Tochter im Jahr 2000.

sn