NOVEMBER
2005

 
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LITERATUR


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Kirsten Fuchs ,"Die Titanic und Herr Berg"

Kirsten Fuchs
"Die Titanic und Herr Berg"
Berlin, Rowolth 2005


Die Titanic, das ist Tanja, eine junge Sozialhilfeempfängerin. Herr Berg, das ist Peter Berg, zweimal geschieden, mittleren Alters, Sachbearbeiter beim Sozialamt. Tanja und Peter begegnen sich - wie sollte es anders sein - auf dem Sozialamt, und ihre Gedanken, die abwechselnd in der Ich-Perspektive wiedergegeben werden, könnten unterschiedlicher nicht sein:

"Er sieht aus wie ein Vogel, der aus dem Nest gefallen ist, verloren. Er ist als Ei aus dem Nest gefallen und ein Hund hat auf ihn ein Häufchen gemacht. Diese Wärme hat ihn ausgebrütet. Jetzt fällt er jeden Tag wieder aus dem Nest."

"Sie sieht aus wie tausend andere Mädchen. Haare irgendwas. Offen. Augen irgendwas. Offen. Ihre Hände legte sie auf die Tischkante, als sollte ich ihr die Fingerkuppen abhacken."

Trotzdem beginnen Peter und Tanja etwas, was man wohl als Popp-Beziehung bezeichnen würde. Das heißt, für Tanja ist es mehr als das - sie liebt Peter und malt sich eine gemeinsame Zukunft aus. Und sie denkt, es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis er das auch tut. Tanja, so viel ist sofort klar, lebt in einer Phantasiewelt. Sie ist die Art Frau, die bei Männern den Beschützerinstinkt weckt, und viele Männer haben sich in sie verliebt. Nur Peter nicht. Peter ist ein desillusionierter Realist, der vom Leben eigentlich nur noch seine Ruhe haben will: "Nach Silvester bin ich wieder zu Hause. Na und? Und dann? Selbe Praline mit vergammelter Füllung in anderer Schachtel. 20% mehr Inhalt für nur 25% mehr Preis."

Es bleibt unklar, warum sich Tanja sofort so bedingungslos in Peter verliebt. Denn eigentlich teilen die beiden nichts, keine Gespräche, keine Erlebnisse. Das Einzige, was sie haben, ist der Sex, den Kirsten Fuchs schonungslos beschreibt. Aber vielleicht ist es gerade die Irrationalität dieser Liebe, die sie für Tanja so groß macht - sie braucht keinen Grund. Dass Peter nicht so empfinden kann, ist ihm aber nicht zu verdenken. Mit Tanjas Liebe kann er nichts anfangen: "Als ich ihm sage, dass es so ist, denn so ist es, ich liebe ihn, da wird seine Haut ein Gemäuer und bröckelt weg. Die Steine liegen in meinem Bett. Wie alt er aussieht, wenn er sich nicht wehren kann." Es liegt auf der Hand, dass die Beziehung der beiden nicht gut gehen kann.

Die Überzeugungskraft von Kirsten Fuchs' Debütroman liegt nicht in dem eher nebensächlichen Handlungsrahmen, und auch nicht in den Sex-Szenen, die für manchen Geschmack sicher etwas zu pornografisch ausfallen. Die Stärke von "Die Titanic und Herr Berg" liegt vielmehr in Kirsten Fuchs' ungewöhnlichen Sprachstil, mit dem es ihr gelingt, den Lauf der Gedanken ihrer Protagonisten abzubilden. In ihrer Radikalität mögen sie dem Leser manchmal befremdlich erscheinen, lassen dabei aber Tanja und Peter als Persönlichkeiten plastisch hervortreten. Die syntaktisch eigenwilligen und trotzdem klaren Sätze hangeln sich von Wortspiel zu Wortspiel und bilden assoziative Ketten, was den Gedankengängen eines mit sich selbst beschäftigten Hirns wohl ziemlich nahe kommt.

"Ich bin der Mittelpunkt meines Mittelpunktes und definiere an mir angepflockt wie eine Ziege einen kleinen Radius um mich herum", sagt Peter - und beschreibt damit den Stil des ganzen Romans. "Die Titanic und Herr Berg" ist nichts für Leser, die einen klassischen Liebesroman erwarten; alle Freunde von Sprachakrobatik und Wortwitz werden aber ihre Freude an dem Buch haben.

aw