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LITERATUR


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Haben literarische Begabung und Alkoholismus dieselbe Wurzel?
Donald W. Goodwin
"Alkohol & Autor"
suhrkamp taschenbuch 2000

"Können Sie mir fünf amerikanische Autoren seit Poe nennen, die nicht an Trunksucht gestorben sind?" Dieses Zitat von Sinclair Lewis stellt Donald W. Goodwin seinem Buch "Alkohol & Autor" voran. Goodwin fragt zunächst, warum es interessanter sein soll, sich mit den Alkoholismus von Schriftstellern zu beschäftigen als mit dem Trinkverhalten von Klempnern, Ärzten oder jeder beliebigen anderen Berufsgruppe. Für sich selbst findet er eine einfache Erklärung: "Bücher und Alkohol entdeckte ich etwa im gleichen Alter: mit sieben." Diese Verbindung war prägend für sein Leben. Goodwin machte eine ungewöhnliche Karriere als Literaturwissenschaftler, Journalist und Psychiater mit dem Spezialgebiet Alkoholismusforschung.

Statistiken zufolge sind Schriftsteller nach Barkeepern die Berufsgruppe, die am zweithäufigsten von der Todesursache der Leberzirrhose - eine Erkrankung, die häufig auf Alkoholmißbrauch zurückgeht - betroffen ist. Unter den amerikanischen Literaturnobelpreisträgern macht Goodwin sogar einen Alkoholikeranteil von über 70 Prozent aus. Die ersten beiden Preisträger, Sinclair Lewis und Eugene O'Neill, waren starke Alkoholiker. Pearl S. Buck trank wenig. Goodwin führt als Argument an, daß Frauen weniger zu Trunksucht neigen. Außerdem hatte Buck den Preis gar nicht verdient. Es folgten William Faulkner und Ernest Hemingway - beide Alkoholiker. Der nächste Preisträger John Steinbeck war ein Grenzfall zwischen starkem Trinker und Alkoholiker. Der siebte Preisträger, Saul Bellow, ist ein maßvoller Trinker. Goodwin erklärt, daß Juden aus unerklärlichen Gründen selten dem Alkohol verfallen. Die Preisträger T.S. Eliot und Isaac B. Singer berücksichtigt Goodwin nicht. T.S. Eliot verbrachte den Großteil seines Lebens in England und wurde britischer Staatsbürger. Singer schrieb nicht in englischer Sprache, sondern auf jiddisch. Auch wenn einem Goodwins Methode, Statistiken zu interpretieren, etwas dubios erscheint, wird doch deutlich, daß der Zusammenhang zwischen literarischer Begabung und Alkoholmißbrauch eine Untersuchung wert ist.

Es gibt zunächst einige offensichtliche Parallelen zwischen dem Alkoholiker und dem Schriftsteller. Beide sind Einzelgänger. Beide haben einen Weg gewählt, der ihnen ermöglicht, "nicht allein sein zu müssen". Literatur lebt von Phantasie. Alkoholkonsum fördert sie. Und schließlich sind Schreiben und Trinken Rettungsanker für psychisch Labile. Der Prozentsatz der psychisch kranken Autoren dürfte noch höher liegen als der der trinkenden Schriftsteller.

Goodwin illustriert seine Thesen an acht Lebensläufen, die er einfühlsam porträtiert. Das erste Kapitel ist Edgar Allan Poe, dem "Ehrenvorsitzenden des Vereins" gewidmet. Goodwin schildert das traurige, trostlose Leben des "Vaters der amerikanischen Kurzgeschichte". Poes gespenstische Visionen entstanden meist im Absinth-Rausch. F. Scott Fitzgerald, einzigartiger Chronist der 20er Jahre, litt unter den Eskapaden seiner schizophrenen Ehefrau Zelda, einer Schreibblockade und der Gewißheit, für immer nur der Autor des "Großen Gatsby" zu sein, obwohl auch seine anderen Werke Anerkennung verdient hätten. Im folgenden Kapitel geht Goodwin auf die Rivalität und die Haßliebe zwischen Fitzgerald und Ernest Hemingway ein. Das Hemingway-Kapitel ist eines der gelungensten. Man erfährt Details über Hemingways Trinkverhalten, seine gesundheitliche Konstitution und seine Lebensweise. Hemingways Machoverhalten deutet der Psychiater Goodwin als Kontraphobie eines ängstlichen Menschen. Goodwin gibt etliche Hemingway-Anekdoten wieder. So berichtet er zum Beispiel, daß Hemingway in seiner Lieblingsbar "Floridita" auf Kuba an einem Abend sechzehn doppelte "Frozen Daiquiris" trank. "Wenn die Geschichte wahr ist - und es gibt Zeugen - , dann nahm er 1,68 Liter achtzigprozentigen Rum, den Saft von 32 Limonen und 8 Grapefruits sowie 96 Tropfen Maraschino zu sich. Und wenn man den Augenzeugen Glauben schenkt, machte er sich aus eigener Kraft auf den Heimweg."

Am Beispiel John Steinbecks definiert Goodwin den Begriff des Alkoholikers. Steinbeck wird oft als Grenzfall angesehen, da er sein Trinkverhalten weitgehend unter Kontrolle behielt. So beschloß er als erster amerikanischer Literaturnobelpreisträger - außer Pearl S. Buck - den Preis in nüchternem Zustand entgegenzunehmen. Er legte seiner Frau gegenüber das Gelöbnis ab, sich erst beim Verlassen von Stockholm einen Drink zu genehmigen. Er hielt sein Versprechen. Goodwin bemerkt jedoch, daß die Notwendigkeit dieses Versprechens auf ein ernstes Alkoholproblem schließen läßt. Ob Steinbeck wirklich Alkoholiker war oder nicht, vermag Goodwin letztlich doch nicht zu entscheiden.

An Georges Simenon veranschaulicht Goodwin die Unterschiede des europäischen und des amerikanischen Trinkverhaltens. Simenon war in Europa ein maßvoller Trinker, der sich erst in den USA zum Alkoholiker entwickelte. Das Kapitel über William Faulkner trägt den Titel "Lieber Kummer als gar nichts". In seiner Zeit als Drehbuchautor in Hollywood betrank er sich mit Humphrey Bogart und Clarke Gable. "Faulkner fand immer einen Grund sich vollaufen zu lassen. Seine Erholungsfähigkeit war legendär..." bemerkt Goodwin. Als Gründe für Faulkners Alkoholismus nennt er verschiedene psychische Probleme und ein - vermutlich vererbtes - hohes Suchtpotential.

Der irischstämmige Eugene O'Neill trank in seiner Jugend so viel, wie man es von einem Iren erwartete. Er thematisierte sein Alkoholproblem und das seines Vaters und seiner Brüder in vielen seiner Stücke. Nach einer psychiatrischen Behandlung wurde er ein abstinenter, grimmiger Haustyrann, der den Kontakt zu seiner schönen Tochter Oona abbrach, als sie einen Mann in seinem Alter heiratete - Charlie Chaplin. Als O'Neill nicht mehr trank, konnte er nicht mehr schreiben. Auch der Engländer Malcom Lowry konnte nicht in nüchternem Zustand schreiben - was man seiner verworren-assoziativen Prosa häufig anmerkt. Lowry veröffentlichte zu seinen Lebzeiten nur zwei Romane: das Jugendwerk "Ultramarin" und den Alkoholikerroman par excellence - "Unter dem Vulkan". Lowry, der als junger Mann zur See fuhr, entwickelte eine extreme Angst vor Syphilis - Goodwin spricht von einer Syphilophobie. In seiner Matrosenzeit ging er deshalb Frauen aus dem Weg und zog es vor, sich in jedem Hafen maßlos zu betrinken. Sein Alkoholkonsum reduzierte sich als er mit seiner Frau Margerie nach Kanada zog. Sie lebten in einer kleine Hütte in British Columbia - weit weg von der Zivilisation. Lowry konnte nur in dieser Isolation leben. Er teilte Sartres Ansicht: "Die Hölle, das sind die anderen."

Trotz all dieser Bespiele, trotz der Statistiken und Analysen kann Goodwin keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Zusammenhang von literarischer Begabung und Alkoholismus geben. Er lenkt nur den Blick auf die vielen schreibenden Alkoholiker, auf die Galionsfiguren der Literatur, die Ruhm, Erfolg und Angst hatten. Goodwins Buch ist amüsant, voller Anekdoten, die jeden Literaturliebhaber begeistern, eine charmante Plauderei - die das Problem des Alkoholmißbrauchs oft jedoch verniedlicht und verharmlost. Nach der Lektüre von "Alkohol & Autor" möchte man die Bücher der besprochenen Autoren lesen oder wieder lesen. Und vor allem sehnt man sich nach einem ordentlichen Drink.

vh