AUGUST
2004

 
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LITERATUR


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Von königlichen Randfiguren und mittleren Helden: Der Historienroman

Ivanhoe von W. Scott, hier im Insel-Taschenbuch-Verlag

Erzählungen, die in der Vergangenheit spielen, scheinen eine ganz besondere Anziehungskraft auszuüben: Der andauernde Verkaufserfolg von Romanen wie Noah Gordons Medicus oder Ken Folletts Die Säulen der Erde beweist es. Solche Erzählwerke, die historische Persönlichkeiten oder Geschehnisse in den Mittelpunkt stellen oder die vor einem geschichtlichen Hintergrund spielen, bezeichnet man gemeinhin als "Historienromane". Seine Blütezeit erlebt der historische Roman jedoch zu einer Zeit, als die Gattung des Romans selbst noch ganz jung ist: in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Begründet wird der Historienroman 1814 von dem schottischen Autor Sir Walter Scott (1771-1832). Mit seinem Roman Waverley tritt Scott eine regelrechte Modewelle von Romanen los, die alle nach einem bestimmten Schema verlaufen. Im Zentrum steht eine fiktive Gestalt vor historischem Hintergrund. Diese Figur wird als "mittlerer Held" bezeichnet, und zwar in beiden Wortbedeutungen: Zum einen ist sie mehr Durchschnittsmensch als strahlender Held, zum anderen steht sie mit zwei verfeindeten Parteien in Kontakt, zwischen denen sie zu vermitteln vermag. Scotts Roman Ivanhoe (1819) etwa handelt von einem gleichnamigen Ritter unter Richard I., der im England des 12. Jahrhunderts für die Versöhnung zwischen Angelsachsen und Normannen eintritt.

Oft ist ein Ausschnitt der Geschichte gewählt, der ein positives politisches Ende erlaubt; wenn nicht, so steht am Ende zumindest das private Happy End. Mit Fußnoten und Anmerkungen nähert sich der Historienroman dabei an eine wissenschaftliche Behandlung an und vermag so durch Authentizität zu bestechen. Indem die historischen Figuren aber nur im Hintergrund agieren, geht der Autor mit der vermeintlichen Authentizität auch kein Risiko ein: In den fiktiven Helden kann er alles hineinerfinden.

Der immense Erfolg Scotts sowohl in der breiten Masse - besonders bei den Frauen - als auch bei den Kritikern mag zunächst daran liegen, dass sich der Leser mit dem Helden gerade deshalb so gut identifizieren kann, weil dieser eben kein "Überheld" ist. Auch der glückliche Ausgang kommt sehr gut an, gibt er doch Hoffnung für die Turbulenzen der eigenen Epoche.

Scotts Modell inspiriert besonders in Frankreich viele Autoren, so Vigny, Hugo, Dumas und Mérimée. Ab 1827 weicht die Begeisterung jedoch langsam der Kritik, da sich die Beschränkungen des Modells auftun: Da der Ausgang klar ist, fehlt es an Spannung, und es wird zunehmend in Frage gestellt, ob der "kleine Mann" wirklich zwischen den Mächten vermitteln kann. Schon mit Hugos Notre Dame (1830) erfährt der Historienroman daher eine Weiterentwicklung, die das Ende des Scott-Modells und damit des Historienromans im engeren Sinne herbeiführen wird.

aw