SEPTEMBER
2009

 
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LITERATUR

SCHLAFLOS IN SEOUL
Vera Hohleiters Erlebnisbericht aus einem Land, das nie langweilig wird

Eine Einkaufsstraße mitten in der Nacht. Knallbunte Neon-Reklame, die Häuser dahinter nur noch zu erahnen. Es herrscht Betrieb. Das Foto des Bucheinbands lässt bereits die bunte, manchmal hektische und von Gegensätzen geprägte Welt erahnen, die Vera Hohleiter in ihrem Buch über Korea beschreibt.


Vor nun schon fast drei Jahren bricht Vera Hohleiter ihre Zelte in Berlin, wo sie studiert und gearbeitet hat, ab und geht mit ihrem koreanischen Freund nach Korea. In ihrem gerade erschienenen Buch „Schlaflos in Seoul“ erzählt sie von den Erfahrungen, die sie dort macht und entwirft das Porträt eines Landes, von dem die meisten Deutschen kaum eine Vorstellung haben.

Verwoben mit ihrer eigenen Geschichte – ihrem Entschluss, zunächst für ein Jahr in Korea zu leben, ihren hart erarbeiteten, aber stetigen Fortschritten beim Erlernen der Sprache, ihre Suche nach einer Arbeit, den Problemen mit und der Annäherung an die Familie ihres Freundes – schildert Vera Hohleiter die Eindrücke, die sie in Korea sammelt und lässt aus vielen einzelnen Beobachtungen ein Gesamtbild des koreanischen Alltags und der koreanischen Gesellschaft entstehen.

Vom Essen und der Sprache über das Universitätsleben, die streng hierarchisch aufgebaute Arbeitswelt und Familienstrukturen bis hin zu gesellschaftlichen Umbrüchen und Generationenkonflikt oder Badehaus, Taekwondo, Popkultur und Schönheitsidealen werden vielfältige Aspekte der koreanischen Gesellschaft beleuchtet. Dies geschieht einerseits durch die Schilderung aufmerksamer Beobachtungen und Hintergrundinformationen. Andererseits werden zur Illustration viele kleine Anekdoten und Begebenheiten eingeflochten. Dadurch wird immer ein persönlicher Blick beibehalten, der dem Leser den koreanischen Alltag anschaulich nahe bringt, wenn z. B. die Vermieterin plötzlich im Wohnzimmer der Autorin ihr Kimchi – fermentierter Chinakohl mit Chili, ein Grundelement der koreanischen Küche – zubereitet, oder die Autorin auf eine Hochzeit eingeladen ist, durch ihre Auftritte in einer koreanischen Fernsehshow direkt mit der koreanischen Popkultur in Berührung kommt oder die todmüden, überarbeiteten koreanischen Angestellten in der U-Bahn beobachtet. Die durchaus kritische Betrachtung der koreanischen Kultur wird aber auch von Reflexionen über den eigenen Umgang mit einer fremden Kultur und den Kulturschock, dem man als Ausländer ausgesetzt ist, begleitet.

Das Buch stellt sich als eine gelungene Mischung aus interessanten und informativen Details über Korea und unterhaltsamen Schilderungen einzelner Begebenheiten und persönlicher Erlebnisse dar, aus der sich allgemeine Tendenzen und Charakteristika der koreanischen Kultur herauskristallisieren.

bk

Vera Hohleiter, Schlaflos in Seoul. Korea für ein Jahr, dtv 2009.

 


INTERVIEW MIT DER AUTORIN

CERYX: Wie entstand die Idee, ein Buch über Korea zu schreiben?

Vera Hohleiter: „Schlaflos in Seoul“ ist eigentlich aus purer Langeweile entstanden. Als ich nach Seoul kam, hatte ich große Schwierigkeiten, eine feste Stelle zu finden und konnte nur mal hier mal dort arbeiten. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mehr Zeit als mir lieb war und viel zu wenig zu tun. Als die Idee für das Buch entstand, fing ich an zu recherchieren, ob es überhaupt einen Markt für ein Buch über Korea gab. Damals stellte ich fest, dass es kaum deutschsprachige Literatur über Korea gab und diese Lücke wollte ich füllen.

CERYX: Du hast bereits Kurzprosa veröffentlicht und an Anthologien mitgearbeitet. „Schlaflos in Seoul“ ist aber Dein erstes Buch. Was war der schwierigste Teil der Arbeit an dem Buch?
VH: Am schwierigsten war es, dass Projekt überhaupt fertig zu bringen. Als etwa ein Drittel des Buches fertig war, wurde ich für eine populäre Fernsehshow des koreanischen Senders KBS gecastet und fing wenig später auch an, für das koreanische Radio zu arbeiten. Neben der Arbeit beim Fernsehen und beim Radio das Buchprojekt voranzutreiben, hat schon viel Disziplin gekostet. Geholfen hat mir dabei, dass das Manuskript schon verkauft war, bevor es fertig gestellt war. Das heißt, ich hatte einen festen Abgabetermin beim Verlag und musste sicherstellen, dass ich das Manuskript rechtzeitig abgeben konnte. Ein gewisser Druck hilft manchmal beim Schreiben.

CERYX: Und was hat Dir am meisten Spaß gemacht beim Schreiben?
VH: Am meisten Spaß gemacht hat es mir, die lustigen Anekdoten aufzuschreiben. Manchmal habe ich beim Schreiben selbst laut gelacht, weil ich mir so bestimmte Momente und bestimmte Situationen wieder plastisch vor Augen führen konnte.

CERYX: Du schreibst auch ein Blog „Schlaflos in Seoul“, in dem man erste Eindrücke über Dein Leben in Korea bekommen kann. Wirst Du das Blog auch weiterhin führen?
VH: „Schlaflos in Seoul“ auf brigitte.de half mir in der Anfangsphase des Buchprojekts meine Gedanken zu ordnen und in einem kleineren Rahmen Prosaskizzen über Korea auszuprobieren. Es war auch eine gute Möglichkeit, den Markt für ein Koreabuch auszutesten. Während der Arbeit an dem Buch bekam ich viele ermutigende Zuschriften von Blog-Leserinnen, die sich schon sehr auf das Buch freuten. Das Buchprojekt ist zwar jetzt abgeschlossen, aber Neuigkeiten aus Seoul gibt es immer, deshalb wird es auch weiterhin Blogeinträge von mir geben. Da ich durch meine Arbeit beim Fernsehen und beim Radio inzwischen sehr viel weniger Zeit als früher habe, werden aber die Abstände zwischen den Blogeinträgen leider ein bisschen länger.

CERYX: Das Leben in Korea ist, wie man dem Buch entnehmen kann, manchmal sehr anstrengend. Würdest Du trotzdem wieder die Entscheidung treffen, nach Korea zu gehen? Und kannst Du Dir vorstellen, Dein restliches Leben dort zu verbringen?
VH: Das Leben in Korea ist sehr anstrengend, für Koreaner und für in Korea lebende Ausländer gleichermaßen. Meine Entscheidung, nach Korea zu gehen, bereue ich nicht. Eine frühere Französischlehrerin hat mir einmal den Unterschied zwischen den Wörtern „regrets“ und „remords“ erklärt, die man beide mit „Bedauern“ ins Deutsche übersetzen könnte. „Regrets“ ist allerdings das Bedauern, etwas nicht getan zu haben und „remords“ bedeutet eher, Fehler oder falsche Entscheidungen zu bedauern. Meine Lehrerin sagte damals, es sei immer besser „remords“ und nicht „regrets“ zu haben, das heißt es ist besser, etwas auszuprobieren, auch wenn es schiefgeht oder viele Unannehmlichkeiten mit sich bringt, als es gar nicht zu probieren. Wenn ich nicht nach Korea gegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich immer „regrets“ gehabt. Ich kann mir aber trotzdem nicht vorstellen, den Rest meines Lebens in Korea zu verbringen. Das Leben in Korea ist schnell, chaotisch und schrill-bunt. Das ist sehr aufregend für eine Weile. Wenn ich aber den Rest meines Lebens so verbringen würde, müsste ich aber vermutlich fürchten, im Alter von 40 Jahren an einem Herzinfarkt zu sterben.

CERYX: Hat das Buch vielleicht auch so etwas wie eine therapeutische Wirkung für Dich gehabt, um den Kulturschock zu verdauen?
VH: Das Buch hat mir sicher geholfen, den Kulturschock zu reflektieren. Allerdings denke ich nicht, dass man jemals wirklich über den Kulturschock hinwegkommt, wenn man längerfristig im Ausland lebt. Die Symptome werden mit der Zeit nur schwächer, aber es kann immer wieder Rückfallphasen geben. Wenn andere Ausländer in Korea prahlen, wie gut sie integriert sind und wie fabelhaft sie mit der koreanischen Kultur zurechtkommen, macht mich das immer misstrauisch. Meiner Meinung nach hat jeder seine schlechten Tage, das kann man dann einen Rückfall in den Kulturschock nennen oder Heimweh oder – wie ich es in meinem Buch genannt habe – Grace-Kelly-Syndrom.

CERYX: Womit kommst Du in Korea am schwierigsten zurecht und was fehlt Dir, wenn Du in Deutschland bist?
VH: Alles was mit Essen zusammenhängt ist prinzipiell schwierig für mich in Korea. Ich bin seit Jahren Vegetarierin, hatte aber auf meinen bisherigen Reisen – außer in der Mongolei – niemals Schwierigkeiten, vegetarisches Essen zu bekommen. In anderen Ländern hatten die Einheimischen viel Verständnis oder zumindest Respekt für meine Lebensweise, auch wenn sie sich von ihrem Essverhalten und ihrem Lebensstil sehr unterschied. Koreanern sind Vegetarier aber generell suspekt, deswegen machen sie oft unschöne Bemerkungen über mein Essverhalten, die ich für ziemlich überflüssig halte. Leider ändert sich daran kaum etwas. Selbst koreanische Freunde, die mich jetzt seit mehr als zwei Jahren kennen, machen immer noch boshafte Bemerkungen über Vegetarier, so dass jedes gemeinsame Essen für mich mit einer gewissen Frustration verbunden ist. Wenn ich in Deutschland bin, vermisse ich die Schnelligkeit des koreanischen Lebensstils. In Korea geht mir die Hektik zwar oft auf die Nerven, aber in Deutschland geht mir oft vieles zu langsam.

CERYX: Du beschreibst Korea als ein Land im Umbruch zwischen einer modernen High-Tech-Gesellschaft und traditionellen Strukturen, in dem ein latenter Generationenkonflikt zwischen den Jüngeren und der Autorität der Älteren herrscht. Meinst Du, dass sich der Wandel hin zu einer offeneren Gesellschaft vollziehen wird und auf welche Weise?
VH: Ein gesellschaftlicher Wandel wird und muss sich in Korea vollziehen. Der Wandel kommt schleichend und Vorboten sind jetzt schon sichtbar. So steigt die Anzahl der in Korea lebenden Ausländer kontinuierlich an, ebenso wie die Zahl der internationalen Ehen oder Partnerschaften. Korea ist nicht mehr das „hermitische Königreich“, das es einmal war, nur ist diese Realität in den Köpfen vieler noch nicht angekommen. Viele junge Koreaner absolvieren einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland und kommem mit neuen Ideen und neuen Eindrücken nach Korea zurück. Die junge Generation wird den Wandel hin zu einer offeneneren Gesellschaft tragen. Von der älteren Generation ist eine drastische Positionsänderung nicht zu erwarten. Ich hoffe nur, dass sich viele ältere Koreaner einfach mit der Zeit an den Gedanken gewöhnen, dass auch Ausländer in Korea willkommen sein sollten und dass die Generation ihrer Kinder nicht mehr so leben möchte wie sie selbst.

CERYX: Wie hat sich durch Deine Erfahrungen Dein Blick auf Deutschland verändert?
VH: Mein Blick auf Deutschland hat sich kaum verändert. Mir war immer klar, dass Deutschland ein Land mit positiven und mit negativen Aspekten ist. Genauso wie Korea – und jedes andere Land auf der Welt – auch ein Land mit positiven und mit negativen Aspekten ist.

CERYX: Und was kommt als nächstes? Hast Du schon ein weiteres Buchprojekt o. Ä. geplant?
VH: Ein weiteres Buch über Korea werde ich vermutlich nicht schreiben. Neue Texte aus und über Seoul wird es wohl eher in Form von neuen Blogeinträgen geben. Ich bin aber gerade dabei, mit der Arbeit an einem Roman zu beginnen. Wenn alles gut geht, wird mein zweites Buch in etwa zwei Jahren in den Buchhandel kommen.

Die Fragen stellte bk.

© ceryx.de

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