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2003

 
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LITERATUR


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Eberhard Horst: "Friedrich der Staufer"
Eberhard Horst
"Friedrich der Staufer"
Claassen Lebensläufe, 1975

 

 

Kein Herrscher vor oder nach ihm führte ein so bewegtes Leben, das die mittelalterliche Geschichte Europas und damit die Weltgeschichte derart nachhaltig geprägt hat: Kaiser Friedrich II., der Enkel Kaiser Barbarossas.

Als Sohn der gebildeten, normannisch-sizilianischen Prinzessin Konstanze und des aufbrausenden, staufischen deutschen Königs und römischen Kaisers Heinrichs VI. war Friedrich lange Zeit den europäischen Machtkämpfen ausgeliefert. Er wuchs in den Straßen von Palermo auf, wo er Arabisch lernte, und war Mündel von Innozenz III., dem mächtigsten Papst der Geschichte. Er wurde König seines geliebten Siziliens und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Berüchtigt ist Friedrich bis in unsere Zeit für seine Neugier und die Experimente, mit denen er sie zu befriedigen suchte und die bis heute häufig zitiert werden:

Friedrichs Wissenschaftsbegeisterung verdanken wir neben vielem anderen ein Buch über die Falkenjagd, das bis heute ein ornithologisches Standardwerk ist und nach über 750 Jahren noch in neuer Auflage verkauft wird (De arte venandi cum avibus. Von der Kunst, mit Vögeln zu jagen).

Das wohl bekannteste Beispiel für seinen grenzenlosen Wissensdurst ist die Suche nach einer menschlichen Ursprache, für die er neugeborene Kinder einfach 'konfiszieren' und Ammen übergeben ließ, die sie waschen und säugen, aber keinesfalls mit ihnen spielen oder reden sollten (alle Kinder starben). Seiner Neugier zuliebe ging Friedrich öfter über Leichen: Auch der grausame König im bekannten Gedicht Der Taucher soll er gewesen sein, dem Schiller durch den todgeweihten Jüngling ausrichten läßt:

Lang lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ist's fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

In den Augen vieler seiner Zeitgenossen versuchte der Kaiser die Götter gewaltig. Es wäre jedoch falsch, Friedrich darauf und auf seine Grausamkeiten zu reduzieren. Zweifellos handelte er eigennützig, aber stets war er auf das Wohl seines Königreiches bedacht; und nur selten ging er den Weg des geringsten Widerstandes.

So stellte er gegen weitreichende Proteste die auf Sizilien lebenden moslemischen Sarazenen unter seinen besonderen Schutz, was schlagartig Wirtschaft und Wissenschaft erblühen ließ, oder verkehrte freundschaftlich mit dem Sultan Malik al-Kamil und dessen Gesandtem Fahr ed-Din. Er hielt den (wohl meist neidischen) Vorwürfen stand, an seinem Hof werde ein ungezügelter Hedonismus gelebt; nirgends in der damaligen Zeit fand sich ein vergleichbares kulturelles Zentrum, an dem alle bekannten Wissenschaften und Künste betrieben, hochgeschätzt und gefördert wurden.

Eher unbekannt ist Friedrichs Verbindung mit dem deutschen Adler: Nachdem die Ritter des Deutschen Ordens aus Ungarn und Rumänien vertrieben worden waren, sprach Friedrich ihnen das Land der Pruzzen – das spätere Preußen – zu, das sie erfolgreicher kolonisieren konnten. Außerdem verlieh Friedrich dem Orden, dessen Großmeister Hermann von Salza zu seinen engsten und loyalsten Beratern zählte, aus diesem Anlaß sein eigenes Wappentier als Hoheitszeichen. Auf diesem Umweg wurde der staufische Adler in Preußen eingeführt, später von den dortigen Fürsten übernommen und schließlich zum Hoheitszeichen der Bundesrepublik Deutschland. Wer also heute beispielsweise eine deutsche Euro-Münze betrachtet, blickt gewissermaßen noch immer auf den staufischen Adler.

Von solchen Anekdoten sowie von vielen herausragenden Persönlichkeiten aus Friedrichs ungewöhnlichem Hofstaat erfährt man ganz nebenbei; Eberhard Horst erzählt Friedrichs Geschichte so detailliert, daß es einen staunen läßt (sicherlich passend zum Hauptakteur, dem stupor mundi, dem Staunen der Welt). Somit ist das Buch nicht nur Geschichtsinteressierten dringend zu empfehlen, sondern auch denjenigen, die einfach spannende Geschichten mögen.

mp