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Auf Mascha Kalékos Spuren in New York
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Im Erdgeschoß der 1 Minetta Street wird eine Filiale der Bekleidungskette “Banana Republic” eingerichtet. An dem kleinen Backsteinhaus findet sich kein Hinweis auf Mascha Kaléko, die Dichterin, die dort mehr als zwanzig Jahre wohnte. Es gibt keine Plakette - wie sie es sich in dem Gedicht “Minetta Street, New York” wünschte. Das “Hier wohnte”-Schild hängt in der Bleibtreustraße 10/11 in Berlin-Charlottenburg.

In der Nähe der ehemaligen Dichterklause in Greenwich Village befinden sich das “Caffe Borgia” und “Le Figaro”, die früheren Treffpunkte der Beatniks. Heute ist von der literarischen Atmosphäre der 50er Jahre nichts mehr zu spüren. In den Cafés drängen sich Touristen. Für Mascha Kaléko waren die Lokale mit den europäischen Namen kein Ersatz für das “Romanische Café”, dem zweiten Zuhause der Berliner Bohème.

Nicht weit von der Minetta Street befindet sich der “Winston Churchill Place” - kein Platz eher ein kleiner Garten mit Bänken. Vielleicht saß die Lyrikerin manchmal dort und schrieb wehmütige Gedichte über die verlorene Heimat.

In den 40er Jahren hielt Mascha Kaléko ihre Spaziergänge durch New York in Prosastücken fest, die 1944 in der Emigrantenzeitung “Aufbau” veröffentlicht wurden. Später entstand daraus das Buch “Der Gott der kleinen Webefehler”, das als Inspiration für einen Rundgang durch Greenwich Village dienen kann.

In der Morton Street traf sie alte Freunde aus Berlin in Valeska Gerts “Beggar Bar”. Heute ist es in der Wohngegend mit den eindrucksvollen Stuckfassaden so still, daß man - ungewöhnlich für New York - die Vögel zwitschern hören kann.

“Aus kleinen Imbißstuben wurden illegale Speakeasies, aus denen wiederum berühmte Weinrestaurants, und eines Weekends war der erste Nightclub da”, heißt es bei Mascha Kaléko. “Chumley's Bar”, ein ehemaliges Speakeasy in der 86 Bedford Street, hat den Reiz des Verbotenen längst verloren. Nur noch das vergitterte Fenster in der hellbraunen Tür erinnert daran, daß man sich dort einmal am Rande der Legalität bewegte.

“In der Grove Street kannst du dir aus den Teeblättern deine Zukunft weissagen lassen,” lautet der Rat der Dichterin. Im “Pink Tea Cup” kann man den Tee nur trinken - die Zukunft bleibt im Ungewissen.

Mascha Kaléko erwähnte die Christopher Street als den Ort, “wo Lotte Lenya Songs aus der Dreigroschenoper zum besten gibt”. Bekannt wurde die Christopher Street aber nicht durch Lotte Lenya, sondern durch die Schwulenaufstände von 1969, an die jährlich mit dem weltweit gefeierten “Christopher Street Day” erinnert wird.

In der Gegend um die Lower Fifth Avenue fallen die “Church of Ascension” und die “First Presbyterian Church” auf. Als Mascha Kalékos kleiner Sohn Steven feststellte, daß es sowohl Kirchen als auch Synagogen gibt, fragte er seine Mutter: “Are there two different Gods to pray to?”

Der “Second Cemetery of the Spanish and Portuguese Synagogue” liegt an der 11th Street. Der Friedhof ist abgeschlossen. Die verwitterten, von Efeu überwucherten Grabsteine sind nur durch den Zaun zu sehen.

Über die Christopher Street und die Bleeker Street kehrt man zurück zu Mascha Kalékos Haus oder läßt den Tag in einem der Restaurants, die Namen wie “Moustache”, “petite abeille”, “Casa” oder “Bel Villagio” tragen, ausklingen. - Und denkt dabei an die Dichterin, der in Deutschland das Attribut “fast vergessen” anhaftet.

vh