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2003

 
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LITERATUR


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Imre Kertész: "Roman eines Schicksalslosen"
Imre Kertész
"Roman eines Schicksalslosen"
("Sorstalanság")

 

 

"... für ein schriftstellerisches Werk, das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet." So lautete die Begründung, mit der dem ungarischen Schriftsteller Imre Kertész im letzten Jahr der Nobelpreis in Literatur zugesprochen wurde.

Kertész, der in Budapest aufwuchs, ist jüdischer Abstammung. Seine Werke sind alle von dem entscheidenden Ereignis geprägt: der Aufenthalt im Konzentrationslager Auschwitz, wohin er als junger Mann während der Verfolgung der ungarischen Juden durch die Nazis überführt wurde. Unermüdlich setzt er sich in seinen Romanen mit diesem Thema auseinander: "Denke ich an einen neuen Roman, denke ich immer an Auschwitz."

Das "Phänomen" Auschwitz stellt in Kertész' Denken keine Ausnahmeerscheinung dar, was sich in seinem ersten und entscheidenden Roman Sorstalanság aus dem Jahre 1975 (Mensch ohne Schicksal, 1990; Roman eines Schicksalslosen, 1996) widerspiegelt. Äußerst kritisch wurde dabei die Darstellungsweise des Autors aufgenommen. Kertész bedient sich in seinem Werk eines verfremdenden Kunstgriffs, die alltägliche Wirklichkeit des Lagerlebens wird von dem Protagonisten akzeptiert und als selbstverständlich angesehen. Das Leben im Konzentrationslager ist zwar eine Existenz unter unerfreulichen Bedingungen, bleibt aber immer noch ein Leben, welches auch Momente des Glücks zulassen kann.

Auf den ersten Blick wirken die Reaktionen der jugendlichen Hauptfigur Köves befremdend. Als sein Vater zum Arbeitsdienst abtransportiert wird, mag der Leser sich über die anfängliche Nüchternheit des jungen Ungarn wundern, mit der der Weggang des Vaters aufgenommen wird. Doch darf nicht vergessen werden, dass es Kinderaugen sind, die die Ereignisse kommentieren. Und deshalb kann man verstehen, warum Köves seinem eigenen Abtransport aufgeregt miterlebt, handelt es sich doch für den pflichtbewussten - und ahnungslosen - Jungen um die Aussicht auf eine neue Arbeitsstelle, dazu in einem anderen Land...

Es bleibt festzuhalten, dass der Leser keine moralische Entrüstung über die schrecklichen Geschehnisse vorfindet. Doch gerade durch ihr Fehlen, durch die natürliche Schilderung der Vorkommnisse entsteht die Schockwirkung. Eindringlicher als viele andere Bücher beschreibt der Roman eines Schicksalslosen die alltägliche Realität des Lagerlebens!

Der unschuldige Köves passt sich im Konzentrationslager völlig dem Lagerleben an. Er weiß um der Verbrechen und um der Toten, schon bei der Ankunft im Konzentrationslager hat er sofort begriffen, was dort wirklich passiert. Doch trotzdem gewinnt der Leser völlig andere, neue Einblicke, wenn der junge Ungar über die Wirklichkeit in Auschwitz nachdenkt:

So habe ich dann gemerkt: selbst in Auschwitz kann man sich offenbar langweilen - vorausgesetzt, man gehört zu den Privilegierten. Wir warteten und warteten - und wenn ich es recht bedenke, so warteten wir eigentlich darauf, daß nichts geschähe. Die Langeweile, zusammen mit diesem merkwürdigen Warten: das, ungefähr dieser Eindruck, glaube ich, ja, mag in Wirklichkeit Auschwitz bedeuten - zumindest in meinen Augen.

Die Bilder, die in dem Roman erzeugt werden, prägen sich tief ein. Zuerst bemerkt Köves den körperlichen Verfall seiner Mithäftlinge an der Tatsache, dass ihm die deutschen Soldaten plötzlich als sehr schön erscheinen. Erschütternd dann die Szene, in der der Junge scheinbar leicht, umso wirkungsvoller jedoch, über die unmenschlichen Haftbedingungen berichtet. Denn im Konzentrationslager konnten schon das unzureichende Schuhwerk und der Schlamm eine alltägliche Hölle bedeuten:

Außerdem entstand an der Stelle des einstigen Absatzes zwischen dem Schaft und der hier recht dünnen Sohle ein Tag für Tag breiter werdender Spalt, durch den bei jedem unserer Schritte kalter Schlamm und mit ihm Steinchen und allerlei spitzes Zeug ungehindert eindringen konnten. Inzwischen hatte uns der Schaft schon längst die Knöchel und die darunter befindlichen weicheren Bereiche wund gerieben. Nun waren diese Wunden- wie es ihre Eigenschaft ist- aber naß und von einer klebrigen Nässe: so konnten wir uns dann mit der Zeit überhaupt nicht mehr von den Schuhen befreien, konnten sie nicht mehr ausziehen, sie hatten sich mit den Füßen verklebt, waren, neuen Körperteilen gleich, angewachsen.

Und obwohl der junge Köves erfahren mußte, was es bedeutet, nur noch ein "Häuflein Elend" zu sein, und wie froh man über die Wärme sein kann, die nahezu leblose Körper spenden, sagt er am Ende zu einem Journalisten, der ihn vergeblich nach der "Hölle" von Auschwitz zu befragen sucht: "Nichts ist so unmöglich, daß man es nicht auf ganz natürliche Weise durchleben würde." Allerdings kann man diesen Weg nur Schritt für Schritt gehen, herausragend sind die Worte, mit denen Köves dem Journalisten das Lagerleben vorstellbar machen will und erklärt, dass es vor allem die Zeit ist, die einem hilft:

...und ich versuchte, ihm zu erklären, wie es ist, an einem nicht gerade luxuriösen, im ganzen aber doch annehmbaren, sauberen und hübschen Bahnhof anzukommen, wo einem alles erst langsam, in der Abfolge der Zeit, Stufe um Stufe klar wird. Wenn man die eine Stufe hinter sich gebracht hat, sie hinter sich weiß, kommt bereits die nächste. Wenn man dann alles weiß, hat man auch alles bereits begriffen. Und indes man alles begreift, bleibt man ja nicht untätig: schon erledigt man die neuen Dinge, man lebt, man handelt, man bewegt sich, erfüllt die immer neuen Forderungen einer jeden neuen Stufe. Gäbe es jedoch diese Abfolge in der Zeit nicht und würde sich das ganze Wissen gleich dort auf der Stelle über uns ergießen, so hielte es unser Kopf vielleicht gar nicht aus, und auch unser Herz nicht...

Kertész lässt seinem Protagonisten in seinem Werk völlige Freiheit, jeglicher Blick von außen fehlt. Und vielleicht lassen sich die Ereignisse manchmal nur so erzählen. Am Ende will der Journalist den gereiften Köves nicht verstehen, der ein Konzentrationslager unter gewissen Voraussetzungen, als "natürlich" ansehen kann. Und so bleibt ihm auch ein anderer Blickwinkel verwehrt:

Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. Alle fragen mich immer nach den Übeln, den "Greueln": obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager, müßte ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen.
Wenn sie überhaupt fragen. Und wenn ich es nicht selbst vergesse.

jd