APRIL
2003

 
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LITERATUR


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Literatenstraßen: Henriette Herz

Das abgebildete Straßenschild findet sich in Berlin-Mitte. Im Rahmen der Neubebauung und Veränderung der Straßenbahnführung am S-Bahnhof Hackescher Markt entstand ein neuer Platz, der am 2. 8. 1999 nach Henriette Herz, bedeutende Saloniere vom Ende des 18. / Anfang des 19. Jahrhunderts, benannt wurde. Ihre vielbesuchten literarischen Salons fanden in den beiden dem heutigen Platz nahegelegenen einstigen Wohnungen in der Spandauer- und Neuen Friedrichstraße statt.

ZUR ZUSAMMENFASSUNG DES ARTIKELS

Die nachmalige Henriette (Julie) Herz wurde am 5. September 1764 als Tochter des Arztes Benjamin de Lemos (1711-89) und dessen zweiter Ehefrau Esther (1742-1817, geborene Charleville, Tochter des Arztes der jüdischen Gemeinde zu Halle/Saale) in Berlin geboren. Ihr Vater entstammte einer aus Portugal eingewanderten jüdischen Familie und wurde in Hamburg geboren. Er hatte in Halle/Saale studiert und galt lange Zeit als der erste jüdische Arzt Berlins. Seine erste Ehe blieb kinderlos. Henriette aber war die älteste von fünf Schwestern und zwei Brüdern - die sie alle überleben sollte.

Sie hatte ein lebhaftes Wesen und galt bereits als Kind als ausgesprochen schön. Als Prinzessin (Anna) Amalie, jüngste Schwester Friedrich des Großen, eine Laubhütte (in der fromme Juden während der Sukkot-Feiertage leben) besichtigte, wurde ihr auch die kleine Henriette als besondere Schönheit vorgestellt.

Von Hause aus erhielt sie Unterricht im Schreiben, Rechnen, in Geographie, Französisch und Hebräisch. Schon damals machte sich ihr besonderes Sprachtalent deutlich, indem sie begann, die Hebräische Bibel nebst einigen Kommentatoren ins Deutsche zu übersetzen. Ihre Phantasie wurde zudem durch die Lektüre zahlreicher Romane angeregt. Doch muß sich auch ihre ganze Familie, der Vater nicht ausgenommen, in vielerlei romanhaften Ideen bewegt haben.

Bereits im Alter von zwölf Jahren hielt der fünfzehn Jahre ältere Markus Herz um ihre Hand an. Herz war damals ein vielbeschäftigter praktischer Arzt, geachteter Schriftsteller und galt als einer der geistreichsten Männer Berlins. 1785 wurde er Hofrat und Leibarzt. 1787 ernannte ihn Friedrich Wilhelm II. zum Professor der Philosophie. Er war somit erster jüdischer Professor Preußens, der in Berlin - noch vor der Gründung der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Uni) im Jahre 1810 - lehrte. Henriette wußte vor ihrer Verlobung von ihm aber nicht viel mehr, als daß er Arzt und Gelehrter war. Sie fand ihn klein und häßlich, war aber vom geistreichen Ausdruck seines Gesichtes angetan. Am 1. Dezember 1779 wurde die Trauung nach jüdischem Brauch vollzogen. Die Ehe blieb kinderlos, gilt aber als glücklich.

Henriette Herz war von hohem Wuchs, wie ansonsten unter den Frauen des damaligen Berlins wohl nur noch Königin Luise. Ihre Schönheit brachte ihr bald einen besonderen Ruf ein, so daß kaum eine Persönlichkeit bei einem Aufenthalt in der Preußischen Hauptstadt nicht ihre Bekanntschaft gesucht hätte. Allerdings gründete sich ihre große Anziehungskraft keinesfalls alleinig auf ihre äußere Erscheinung. Die überdurchschnittliche Ausbildung durch ihren Vater hatte in ihr das Verlangen nach weiterem geistigen Wissen bestärkt. Hierin wurde sie von ihrem Mann befördert. Ihre Sprachkenntnisse aber erweiterte sie ganz nach ihren eigenen Neigungen, und somit zählte sie zu den gelehrtesten Frauen. Von den alten Sprachen konnte sie Hebräisch, Griechisch und Latein; von den modernen Spanisch, Schwedisch, Französisch, Englisch und Italienisch, wobei sie die letzteren drei mit Geläufigkeit sprach.

Das gab ihr nicht nur die Gelegenheit, sich mit fremdsprachiger Literatur zu befassen, sondern auch mit vielen ausländischen Gästen, die sie besuchten, das Gespräch in deren jeweiliger Muttersprache zu führen. Ihre linguistische Neugier brachte sie in den letzten Lebensjahren sogar dazu, sich etwas Sanskrit, Türkisch und Malaiisch (zum Teil durch Gesandte vermittelt) anzueignen.

Ihr Mann war ganz der Aufklärung und besonders seinem Lehrer Kant, bei dem er in Königsberg 1766-70 studiert hatte, verpflichtet. So hielt er in seinem Hause Vorlesungen über dessen Philosophie und unterhielt Gesprächskreise zu wissenschaftlichen und philosophischen Themen. Henriettes Neigungen richteten sich dagegen mehr auf das literarische Gebiet, so daß sie bald einen eigenen Kreis junger literaturinteressierter Menschen - ohne Ansehen von Stand oder Namen - um sich zu scharren begann. Ihre ungewöhnliche Ausstrahlung trug dazu bei, daß ihr Haus für viele Jahre zum Mittelpunkt des geistigen Lebens Berlins avancierte. Schließlich stand ihr Salon den Gästen fast täglich offen. Es wurde rezensiert und kritisiert; Klopstocks Oden, Gœthes "Werther" und sein "Götz von Berlichingen" wurden gemeinsam gelesen und erregten die Gemüter.

Solche Salons sind nicht nur als Zentren der Geselligkeit anzusehen. Hier konnten vor allem die Frauen - frei von den Einschränkungen der feudal-absolutistischen Gesellschaftsordnung - ihren Teil an der Entwicklung des liberalen Denkens leisten. Der Salon Henriette Herz' hatte - noch vor der Eröffnung des Salons der Rahel Varnhagen - eine neue, der höfischen und bürgerlichen Geselligkeit entgegenstehenden Form des gesellschaftlichen Lebens geschaffen. Aus ihrem Kreis waren nachhaltige Wirkungen auf die Entwicklung Berlins zur geistigen Hauptstadt Preußens ausgegangen. Darüber hinaus sollte nicht unterschätzt werden, daß diese Salons den Weg der geistigen Emanzipation der Frau vorbereiteten.

1787 gehörte Henriette Herz zu den MitbegründerInnen des sog. Tugendbundes, in dem u. a. schwülstige Briefe ausgetauscht wurden. Die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, Carl von Laroche (Sohn der Schriftstellerin Sophie von Laroche), der Bildhauer Gottfried Schadow, Dorothea Veit (Tochter des Aufklärers Moses Mendelssohn), sowie Sara und Marianne Meyer (später als Baronin Grotthus und Marianne von Eybenberg aus Gœthes Freundeskreis in den böhmischen Bädern bekannt geworden) zählten zu diesem Tugendbund.

Später stieß - zunächst als nur flüchtiger Gast - auch Friedrich Daniel Schleiermacher hinzu. Nach dessen Ansiedlung als Prediger an der Charité, 1796, und seinen nun häufigen - teilweise allabendlichen - Besuchen bei den Herz', verlor der auf leichtere Konversation gestimmte Tugendbund allmählich an Bedeutung. Als Schleiermacher durch Henriette Herz Friedrich Schlegel kennenlernte und sich 1797 mit ihm anfreundete, wurde ihr Salon zu einem Zentrum der Berliner Frühromantik.

Im weiteren vergrößerte sich der Kreis der Befreundeten gegen Ende des 18. und in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts immer mehr. Dann starb nach kurzer Krankheit zu Beginn des Jahres 1803 ihr Mann Markus. In ihren äußerlichen Verhältnissen drohte ihr jetzt eine einschneidende Wandlung. Ihr Leben und Wirken gründete sich - wohl auch durch ihre Kinderlosigkeit befördert - auf Geselligkeit. Nun war aber fraglich, ob ihre Einkünfte ausreichen würden, ihren Salon aufrechtzuerhalten. Ihre FreundInnen verließen sie deshalb aber nicht, wenngleich sie ihre Lieben seltener in ihrem Hause empfangen konnte. Neue kamen sogar hinzu. Als die Herzogin Dorothea von Kurland nach Berlin übergesiedelt war, schloß sich Henriette dieser durch Stellung und Intelligenz herausragenden Frau freundschaftlich an. Frau von Staël, August Wilhelm Schlegel und der geniale Prinz Louis Ferdinand kamen hinzu.

Im Jahre 1804 besuchte sie Schiller bei seinem Berliner Aufenthalt, und bereits vier Jahre zuvor war Jean Paul bei seinen Reisen in die Preußische Hauptstadt, wo ihn auch die Königin empfing, in nähere Beziehung zu Henriette Herz getreten. 1806 wurde sie sogar zur Erzieherin der ältesten Tochter Königin Luises - der Prinzessin Charlotte, nachmalige Zarin Alexandra Feodorowna - bestellt. Allerdings war die Bedingung hierzu der Übertritt zum christlichen Glauben. Aus Gründen kindlicher Piëtät wies sie diese ihr Einfluß verheißende Stellung zurück. Ihre betagte Mutter war eine orthodoxe Jüdin, und Henriette wußte sehr gut, daß diese glänzende Stellung sie nicht dafür entschädigt hätte, daß ihre Tochter den Glauben ihrer Väter und Mütter verlasse.

Dann ergriff das Machtstreben Napoléons I. auch Preußen. An jenem Sonntag des Herbstes 1806, bevor Königin und König zur Armee abreisen sollten, war sie in Charlottenburg. Nie hätte sie geglaubt, daß die Königin sie vom Ansehen kennte. Um so mehr war sie überrascht, als Luise - im Begriff, ins Schloß zurückzukehren - ihr im Vorübergehen: "Adieu, Madame Herz!" zurief. Diese Anekdote zeigt, welch starken Bekanntheitsgrad Henriette Herz besaß.

Als Folge der Napoléonischen Kriege stellte die Witwenkasse bald ihre Zahlungen ein. Zudem hatte sich der Freundeskreis größtenteils zerstreut. Die treuesten waren abwesend und die zurückgebliebenen lebten in ähnlichen Bedrängnissen. Fast jede Form von Geselligkeit war durch das allgemein herrschende Unglück vernichtet. Henriette Herz dachte bereits daran, als Erzieherin nach Frankreich oder Rußland zu gehen. Da riet ihr ihr Freund Wilhelm von Humboldt entschieden in einem Brief vom 18. 11. 1807 unter großzügig angebotener Hilfeleistung, Deutschland nicht zu verlassen. So lehnte sie das Angebot der Madame Campan, eine Nichte zu unterrichten, ab. Henriette begab sich im Frühling des folgenden Jahres nach Rügen, wo sie viele FreundInnen hatte und im Hause Frau von Kathens auf Götenitz den Unterricht derer Kinder übernehmen konnte. Schleiermacher lernte dort seine Frau kennen und die Hochzeitsfeierlichkeiten brachten zugleich das Ende des Rügener Aufenthalts mit sich.

Endlich sollten sich auch ihre finanziellen Verhältnisse verbessern, denn die Witwenkasse nahm die Pensionszahlungen wieder auf. Die Befreiungskriege gingen aber noch weiter, und Henriette Herz scheute sich nicht, den Verwundeten und Sterbenden zu helfen. Selbst die typhusgeschwängerte Luft der Hospitäler machten ihr als einstige Arztgattin nichts aus.

1817 starb ihre Mutter. Dies leitete eine neue Phase in ihrem Leben ein. Nun faßte sie den Entschluß des Übertritts zum Protestantismus. Jedoch nahm sie auch hier Rücksicht auf dem jüdischen Glauben anhängende FreundInnen. Diese hätten einen öffentlichen Übertritt zum Christentum als Demonstration gegen das Judentum ansehen können. So kam sie hierin dem Ansinnen ihres Freundes Schleiermacher nicht nach. Dies durch ihn Verlangte warf den ersten und einzigen Schatten auf ihr sonst so harmonisches Verhältnis.

Deshalb begab sich Henriette in den ersten Junitagen des Jahres 1817 lieber in das kleine, südlich von Berlin gelegene Zossen, wo sie mit dem dortigen Superintendenten Wolf und seiner Gattin befreundet war. Hier ließ sie sich nach einem sechswöchigen Aufenthalt in aller Stille taufen.

Am 16. Juli 1817 trat sie gleich von Zossen aus ihre Reise nach Rom an. Auf dem Wege ließ sie kaum etwas Schönes, was Natur und Kunst bieten können, aus. Auch besuchte sie viele FreundInnen. Nach vielerlei Stationen in Deutschland und Oberitalien widmete sie sich in Venedig acht Tage unermüdlich der Besichtigung. Von dort aus ging es nach Florenz, dessen Schätze sie vier Wochen fesselten, und von wo aus sie Ausflüge nach Pisa und Livorno machte. Am 11. 10. 1817 kam sie endlich in Rom an, wo sie - unterbrochen von einem Aufenthalt in Begleitung des Bildhauers Thorwaldsen vom 4. 9. bis 5. 12 1818 in Neapel und Umgebung - bis zum 2. Mai 1819 verweilen sollte.

Im Rom traf sie auch ihre Freundin Caroline von Humboldt wieder, mit der sie viele lehr- und genußreiche Besichtigungen unternahm. Im Juni 1818 sollte sie hier auch Dorothea Schlegel wiedersehen. Zudem lebten damals viele junge deutsche Künstler in der Stadt, zu denen sie ebenfalls gute Beziehungen unterhielt. Auch in ihrer römischen Unterkunft stellten sie vielerlei ungeladene weltliche und kirchliche Größen ein. Dazu zählte u.a. der kunstsinnige bayrische Kronprinz, nachmaliger König Ludwig I.

Nach über anderthalb Jahren verließ sie Rom in Begleitung Caroline von Humboldts und Immanuel Bekkers wieder. Auch auf dem Rückweg machte sie in vielen Städten Italiens und der Schweiz Station. In Stuttgart traf sie auf Uhland und sah zufällig bei Cotta nach langen Jahren und zum letzten Mal Jean Paul wieder. Nach weiteren Aufenthalten in Hessen und am Niederrhein, verbrachte sie dann einige Wochen bei Moritz von Arndt in Bonn. Hier wurde diese schöne, genußreiche Reise etwas getrübt. Am 15. 7. 1819 mußte sie miterleben, wie auf obrigkeitlichen Befehl mitten in der Nacht Papiere des damals fortschrittlichen deutschen Freiheitsschriftstellers beschlagnahmt wurden. Es wurde ihr zum ersten Mal deutlich vor Augen geführt, daß die durch die Napoléonischen Unruhen und von Königin Luise bewirkten preußischen Reformbestrebungen allmählich wieder rückgängig gemacht wurden. Ja, selbst ihr theologischer Freund Schleiermacher galt wegen seines liberalen Denkens als mißliebig.

Im Herbst 1819 kam Henriette Herz endlich nach Berlin zurück. Ihr wahrhaftes Lebenselement, die Geselligkeit, stellte sich trotz ihrer langen Abwesenheit schnell wieder ein. Bestärkt wurde dies natürlich dadurch, daß ihre Reiseerlebnisse mannigfaltigen Erzählstoff boten. Allerdings begann der Tod bereits schmerzliche Lücken in den Kreis ihrer JugendfreundInnen zu schlagen. In rascher Folge verlor sie nicht nur Familienangehörige, sondern auch Vertraute, wie den Grafen Alexander Dohna, Caroline von Humboldt, Rahel Varnhagen, ihren engen Freund Schleiermacher, Carl von Laroche und Wilhelm von Humboldt.

Unbeschadet dessen, begann sie für junge, unbemittelte Mädchen kostenlosen Sprachunterricht zu geben und fertigte Handarbeiten an, deren Erlös sie wohltätigen Stiftungen zukommen lies. In ihrem Alter verursachten ihr wiederholte schwere Krankheiten aber selbst hohe Ausgaben. Hier vermittelte ihr Alexander von Humboldt 1845 ohne ihr Wissen bei Friedrich Wilhelm IV. eine einmalige Subvention von 50 Friedrichsdor und eine jährliche Pension von 500 Talern aus der Privatschatulle des Königs. Dieser besuchte sie zudem am 6. 7. 1847 und unterhielt sich mit ihr aufs freundlichste.

Kurz nach ihrem 83. Geburtstag ging ihr Leben dem Ende entgegen. Etwa acht Tage vor ihrem Tode nahm sie das letzte Abendmahl aus den Händen des Predigers Jonas, eines Schülers Schleiermachers, entgegen. Am 22. 10. 1847 verstarb sie. Ihr Grab befindet sich - getrennt von ihrem Mann, der auf dem Alten Jüdischen Friedhof in der Großen Hamburger Straße (Berlin-Mitte) bestattet ist - auf dem Kirchhof der Jerusalemer Gemeinde am Halleschen Tor in Kreuzberg. Ihr Grab ziert ein 1,60m hohes gußeisernes Kreuz, dessen Arme in Dreipässen enden. Solche Grabkreuze entstanden nach dem Entwurf Karl Friedrich Schinkels in der Berliner Königlichen Eisengießerei. Sie finden sich auf den historischen Friedhöfen der Stadt häufig und wurden - bis auf die persönlichen Daten - serienmäßig gegossen.

Ihren höchst ausgedehnten Briefwechsel mit den gelehrten Persönlichkeiten ihrer Zeit hatte Henriette Herz leider bis auf Reste vernichtet. Aus ihren Englischkenntnissen gingen die beiden literarischen Erzeugnisse hervor, die sie hinterlassen hat. Es handelt sich hierbei um die Übersetzung zweier Reisebeschreibungen: Mungo Parks "Reise in das Innere von Afrika in den Jahren 1795-97", Berlin 1799, und Welds des Jüngeren "Reise in die Vereinigten Staaten von Nordamerika", Berlin 1800. (Letzteren sollte sie etwa acht Jahre später durch einen Zufall persönlich kennenlernen. Auf der Spanischen Treppe in Rom stellte ihr ihr Begleiter den gerade heraufkommenden Mr. Weld vor.)

Leider wagte sie es nie, mit eigenen Schöpfungen an die Öffentlichkeit zu treten. Sie hatte zwei Novellen geschrieben, von denen ihre scharf kritisierende Freundin Dorothea von Schlegel die eine lobte, die andere aber langweilig fand. Henriette Herz veröffentlichte beide nicht, sondern vernichtete sie später sogar.

Die von ihr begonnen Erinnerungen diktierte sie dann teilweise dem späteren Herausgeber Joseph Fürst. Sie erschienen erst gut drei Jahre nach ihren Tode 1850 in Berlin unter dem Titel "Henriette Herz. Ihr Leben und ihre Erinnerungen".

Werkausgaben (Auswahl):
Geiger, L. (Hg.); Briefwechsel des jungen Börne und der Henriette Herz; Oldenburg/Leipzig 1905.
Herz, H.; Jugenderinnerungen; in: Mittheilungen aus dem Litteraturarchiv Berlin; Berlin 1896; S. 141-172.
Dies.; Ihr Leben und Ihre Erinnerungen; ed. Fürst, J.; Berlin 1850 (Nachdruck Leipzig 1977).
Dies.; Schleiermacher und seine Lieben. Nach Originalbriefen; Magdeburg 1910.
Landsberg, H. (Hg.) Henriette Herz. Ihr Leben und ihre Zeit; Weimar 1913.
Schmitz, R. (Hg.) Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen; Leipzig/Weimar 1984.
Ders. (Hg.); Bis nächstes Jahr auf Rügen. Briefe von Friedrich Daniel Schleiermacher und Henriette Herz an Ehrenfried von Willich 1801-1807; Berlin 1984.

Literatur (Auswahl):
Arbeitskreis Schinkel (Hg.); Schinkel in Berlin und Potsdam. Führer zum Schinkeljahr 1981; Berlin o.J. [1981]; S. 93-94.
Drewitz, I.; Berliner Salons; Berlin 3. Aufl. 1984.
Dies.; (Art.) Herz 1; in: Neue deutsche Biographie; Bd. 8; Berlin 1969; S. 728-729.
Killy, W.; (Art.) Herz, Henriette; in: Killy, W./ Vierhaus, R. (Hgg.); Deutsche biographische Enzyklopädie (DBE); Bd. 4; München u.a. 1996; S. 658.
Olma, W.; (Art.) Herz, Henriette; in: Killy, W. (Hg.); Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache; Bd. 5; Gütersloh/München 1990; S. 263-264.


ZUSAMMENFASSUNG
Henriette Herz

Die nachmalige Henriette (Julie) Herz wurde am 5. September 1764 als Tochter des Arztes Benjamin de Lemos und dessen zweiter Ehefrau Esther in Berlin geboren. Ihr Vater entstammte einer aus Portugal eingewanderten jüdischen Familie und galt lange Zeit als der erste jüdische Arzt Berlins. Sie erhielt eine - für Frauen damals unübliche - umfassende Ausbildung, wobei sich ihr besonderes Sprachtalent deutlich machte.

Am 1. Dezember 1779 wurde sie nach jüdischem Brauch mit dem fünfzehn Jahre älteren Markus Herz verheiratet. Dieser war praktischer Arzt, geachteter Schriftsteller, ab 1785 Hofrat sowie Leibarzt und 1787 erster jüdischer Professor Preußens. Die Ehe blieb kinderlos, galt aber als glücklich.

Henriette Herz galt als ausgesprochen schön und zählte sie zu den gelehrtesten Frauen ihrer Zeit. Ihre Sprachkenntnisse gaben ihr nicht nur die Gelegenheit, sich mit fremdsprachiger Literatur zu befassen, sondern sich auch mit vielen ausländischen Gästen in deren jeweiliger Muttersprache zu unterhalten.

Ihr Mann hielt in seinem Hause Vorlesungen über Kants Philosophie und pflegte Gesprächskreise zu wissenschaftlichen und philosophischen Themen. Henriette bildete bald einen eigenen Kreis junger literaturinteressierter Menschen - ohne Ansehen von Stand oder Namen - um sich. Ihre ungewöhnliche Ausstrahlung trug dazu bei, daß ihr Haus für viele Jahre zum Mittelpunkt des geistigen Lebens Berlins avancierte. In solche Salons konnten vor allem die Frauen ihren Teil an der Entwicklung des liberalen Denkens leisten. Als Schleiermacher durch sie Friedrich Schlegel kennenlernte und sich 1797 mit ihm anfreundete, wurde ihr Salon zu einem Zentrum der Berliner Frühromantik.

1803 starb ihr Mann. Nun war fraglich, ob ihre Einkünfte ausreichen würden, ihren Salon aufrechtzuerhalten. Dennoch erhielt sie weiterhin vielerlei Besuche bedeutender Persönlichkeiten. Als in Folge der Napoléonischen Kriege die Witwenkasse ihre Zahlungen einstellte, begab sie sich im Frühling 1808 nach Rügen, wo sie viele FreundInnen hatte und Unterricht gab.

Im Sommer 1817 ließ sie sich nach einem sechswöchigen Aufenthalt in Zossen in aller Stille taufen. Am 16. Juli 1817 trat sie dann ihre große Reise nach Rom an. Am 11. 10. 1817 kam sie dort an, wo sie - unterbrochen von einem Aufenthalt in Neapel und Umgebung - bis zum 2. Mai 1819 blieb. In Rom hatte sie vielerlei Kontakte zu Geistesgrößen ihrer Zeit.

Kurz nach ihrem 83. Geburtstag verstarb sie am 22. 10. 1847 in Berlin. Ihr Grab befindet sich auf dem Kirchhof der Jerusalemer Gemeinde am Halleschen Tor in Kreuzberg.

Ihren höchst ausgedehnten Briefwechsel mit den gelehrten Persönlichkeiten ihrer Zeit hatte Henriette Herz leider bis auf Reste vernichtet, ebenso wie ihre zwei Novellen. Die von ihr begonnen Erinnerungen diktierte sie teilweise dem späteren Herausgeber Joseph Fürst und erschienen erst gut drei Jahre nach ihren Tode.