MAI
2003

 
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LITERATUR


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Literatenstraßen: Wolfram von Eschenbach

Das links abgebildete Straßenschild findet sich in Berlin-Tempelhof in einem Viertel, in dem alle Straßen die Namen realer oder literarischer mittelalterlicher Gestalten tragen. Die Benennung nach dem fränkischen Dichter Wolfram von Eschenbach erfolgte um 1911.

 

Auch diese Straße in Berlin-Treptow, Ortsteil Baumschulenweg, trägt ihren Namen bereits seit dem 19. 10. 1906 nach Wolfram von Eschenbach. Dabei wurde allerdings die Grundregel, daß antike und mittelalterliche Persönlichkeiten grundsätzlich nach ihrem (Vor-) Namen und nicht nach ihrer Herkunftsbezeichnung (die noch keinen Nachnamen darstellt!) genannt werden, sträflichst mißachtet. Zu denken wäre daher leicht, daß die Straße nach einem der vielen Orte namens Eschenbach benannt worden sei.

Der mittelhochdeutsche Epiker der staufischen Klassik zählt zu den bedeutendsten des Mittelalters; dennoch fehlt jede als objektiv geltende zeitgenössische Angabe zu seiner Biographie. Im Gegensatz zu den Minnesängern, von denen nicht wenige aus dem höheren Adel stammten, waren die meisten höfischen Epiker offenbar niederer Herkunft. Sie wurden nie in Chroniken erwähnt und auch in keiner Zeugenliste der Urkunden genannt. Somit erschließt sich alles, was wir über sein Leben zu wissen meinen, aus Selbstaussagen in seinen Dichtungen und wenigen Äußerungen anderer Autoren.

Früher wurden die kommentierenden Ich-Aussagen in seinen Werken unkritisch als autobiographische Zeugnisse gelesen, um daraus die Lebensgeschichte des Dichters zu rekonstruieren. Heute ist die Literaturwissenschaft in diesem Punkte weitaus vorsichtiger. Alles, was das epische Ich über sich selbst aussagt, wird zunächst als Ausgestaltung der Erzählerrolle betrachtet. Ob diese Aussagen darüber hinaus autobiographische Bedeutung haben, läßt sich nur schwerlich feststellen. Für die Namen von Personen und Orten, die historisch nachweisbar sind, wird selten auf historische Auswertung verzichtet. Vor allem ist hierbei zu beachten, daß die Selbstaussagen in Prologen, Epilogen und Exkursen eine andere Sprechebene bezeugen als Aussagen im Erzählzusammenhang.

Nach allem, was aus seinem Œuvre erschlossen werden kann, ist seine Lebens- und Schaffenszeit zwischen 1170 und 1220 anzusetzen. Als gesichert gilt der Name des Dichters - wie er sich selbst mehrfach nennt (und von anderen Autoren bestätigt wird): Wolfram von Eschenbach. Wovon er seine Herkunftsbezeichnung ableitete, war lange Zeit umstritten. Mittlerweile gilt Obereschenbach (seit 1917 Wolframs-Eschenbach) südöstlich von Ansbach als allgemein anerkannter Geburtsort. Für dieses fränkische Städtchen spricht, daß Wolfram eine Reihe von im Umkreis liegenden Ortschaften erwähnt. Dazu kommt, daß der Dichter bereits im 13. Jahrhundert mit der Stadt in Verbindung gebracht wurde. Zumindest ist dort seit 1268 eine adlige Familie von Eschenbach bezeugt, die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ausstarb. Alles deutet darauf hin, daß sich die Herren von Eschenbach auf den berühmten Dichter zurückverfolgten. Somit waren sie es wohl auch, die im 14. Jahrhundert im Obereschenbacher Frauenmünster ein Kenotaph für den Dichter errichten ließen. Die erste Nachricht darüber stammt aus dem 15. Jahrhundert. Der adlige Büchersammler, dichtende Ritter und Wolfram-Verehrer Jakob Püterich von Reichertshausen berichtete in seinem "Ehrenbrief" von 1462, daß er dort dessen Grab gefunden habe. Er sagt darüber, daß er ein Hochgrab gesehen habe, das Wolframs Wappen (einen Helm mit einem Krug, aus dem fünf Blumen herausragen - die Farben wohl bereits unkenntlich) zeige.

Liebfrauenmünster in Wolframs-Eschenbach

Bestätigt wurde diese Angabe vom Nürnberger Patrizier Hans Wilhelm Kreß, der 1606 ebenfalls das Grab gesehen haben will. Dieses Krugwappen ist im Siegel der Herren von Eschenbach nachgewiesen. Ganz offensichtlich besaß diese Familie im Jahre 1310 noch kein eigenes Siegel. Erst Heinrich von Eschenbach siegelte im Jahre 1324 mit einem Krug. Durch das Krugwappen auf dem Kenotaph wollten die Eschenbacher den Dichter offenbar in ihre Familiengeschichte einbeziehn. Nach Kreß lautete zudem die Inschrift: "Hie ligt der Streng Ritter herr Wolffram von Eschenbach ein Meister Singer." Damit macht eben dieser Wortlaut sicher, daß das angebliche Grabmal nicht authentisch ist. Zu Wolframs Zeiten gab es weder "Meistersinger" noch "strenge" Ritter. So bezeugen die Angaben über das ehemalige Grabmal lediglich, daß im 14. Jahrhundert geglaubt (oder glaubend gemacht) wurde, daß der berühmte Dichter im Obereschenbacher Frauenmünster begraben wäre! Vermutlich verschwand der heute nicht mehr vorhandene Kenotaph während des barocken Umbaus der Kirche.

Älter als das dort überlieferte Krugwappen ist Wolframs Wappen in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (der berühmten "Manessischen Handschrift"). Der Dichter ist dort in voller Rüstung abgebildet. Das Wappen, das er auf Schild, Lanzentuch und Pferdedecke trägt, zeigt zwei aufrecht stehende Beile bzw. Standarten. Die Beile bilden auch seine Helmzier. Dieses Wappen ist ansonsten nicht nachgewiesen - und im allgemeinen enthält diese Liederhandschrift eine ganze Reihe erfundener Wappen. Zudem ist es unwahrscheinlich, daß Wolfram überhaupt ein eigenes Wappen führte, da das Wappenwesen um 1200 noch wenig verbreitet war.

Im übrigen läßt sich die einzige Aussage, die er über seine Herkunft gemacht hat, nur schwer mit Obereschenbach vereinbaren. In seinem "Parzival" bezeichnet er sich selbst als Bayer. Das fränkische Eschenbach hat jedoch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts niemals zu Bayern gehört! Diesen Widerspruch aufzulösen, wird daher vermutet, Wolfram gehörte einem bayrischen Dienstadelsgeschlecht der Eschenbacher Freiherren an.

Darstellung Wolframs von Eschenbach
aus der Manessischen Handschrift

Jedoch sind über seinen Stand nur Vermutungen möglich. Die beinahe selbstverständliche Annahme des 19. Jahrhunderts, daß er Ritter gewesen wäre, ergibt sich aus dem Mittelalterbild der Romantik und spiegelt eher damalige gesellschaftliche Wunschvorstellungen wider. Doch selbst in der neueren Literaturgeschichte wird er so bezeichnet. Die Manessische Handschrift zeigt ihn zwar als Ritter; auch betiteln ihn Zeitgenossen mit hêrre. Zudem scheinen manche Selbstzeugnisse seine Ritterbürtigkeit zu belegen. Allerdings war der Streit zwischen einem Ritter (miles) und einem geistlich Gebildeten (clericus) über die Frage, wer ein besser Liebhaber sei, in der lateinischen Literatur jener Zeit ein beliebtes Thema. Dabei trägt der gebildete clericus meistens den Sieg davon. Wolfram bezieht hier als Laie die Gegenposition - über seine Standesverhältnisse läßt dies keine Aussagen zu.

Da eine Adels- oder Ministerialfamilie von Eschenbach zu Wolframs Zeiten nicht belegt ist, entbehrt seine oftmalige Einordnung als Ministerial jeglicher Grundlage. Es ist offen, ob der Dichter tatsächlich ein Vorfahre der seit 1268 in Eschenbach bezeugten Familie war. Ebenfalls sagt das hêrre nichts aus, da der Herrentitel um 1200 bereits als Höflichkeitsform benutzt wurde. Zudem dient die Stelle, in der das epische Ich sich nur zu Hause, wo keine Maus etwas zu beißen finde, "Herr" nennen dürfte lediglich der Ausgestaltung der Erzählerrolle.

Diese Unsicherheit über Wolframs Standesverhältnisse ist jedoch keine Ausnahme. Die meisten Epiker waren Berufsdichter ungewisser Herkunft, die auf die Gunst hoher Gönner angewiesen waren. Erst die verklärende Sicht der Nachwelt ließ sie in hohe Ränge aufsteigen. So wurde z. B. Walther von der Vogelweide zum Geheimrat König Philipps von Schwaben stilisiert.

Nach den Selbstaussagen war Wolfram Analphabet. Doch ist es zweifelhaft, ob diese als autobiographisch anzusehen sind. Eher scheint er einen Topos aus der geistlichen Literatur verwandt zu haben. Dort heißt es: "Ich weiß nichts von Buchstaben", worin die Nichtigkeit des weltlichen Wissens gegenüber der göttlichen Inspiration zum Ausdruck kommt. Selbst in Wolframs Bekenntnis zur Unbildung zeigt sich also seine Vertrautheit mit lateinischer Bildungstradition! Des weiteren findet sich in den Epen eine Vielzahl von Bildungsgut seiner Zeit aus Medizin, Kosmologie, Astronomie, Naturkunde und Geographie. Zudem bezeugt er ein genaues Verständnis schwieriger theologischer Fragestellungen.

In diesem Zusammenhang muß das mittelalterliche Bildungswesen betrachtet werden. Als Gebildeter (litteratus) galt nur, wer eine Schule besucht hatte, Latein lesen und schreiben konnte und es bis zum Trivium gebracht hatte - in der Regel nur Geistliche. Jedoch kamen ungebildete Laien an den Höfen oftmals mit Schriftkultur in Berührung. So konnten viele adlige Frauen lesen und schreiben sowie das Latein des Psalters, ohne eine Schule besucht zu haben. Vielleicht war Wolfram ebenfalls ein vir quasi litteratus. Er muß sein Wissen zudem nicht durch eigene Lektüre erworben haben. Er hat sich mehrfach auf Gewährsleute und mündliche Überlieferung berufen. Auf diese Weise konnte auch ein interessierter Laie zu gelehrtem Fachwissen gelangen. Ebenfalls vertraut war Wolfram mit der Literatur seiner Zeit, was die eingestreuten, meist witzigen Zwischenbemerkungen über seine Dichterkollegen belegen.

Die im 12./13. Jahrhundert im Auftrag der weltlichen Höfe dichtenden Epiker mußten Französisch verstehen, da damals ein großes Interesse an französischer Gesellschaftskultur und Dichtung bestand. Durch seine Übertragungen spielte er als Vermittler französischer Werke eine große Rolle. Viele bis dahin in Deutschland unbekannte Wörter hat er eingeführt. Wie und wo ein Mann aus Franken, der wohl nur in Bayern und Thüringen gedichtet hat, seine Sprachkenntnisse erwerben konnte, ist allerdings unklar. Aus der Schreibweise der französischen Eigennamen ließe sich zudem vermuten, daß er die Sprache zwar verstehen und sprechen, nicht aber lesen und schreiben konnte. Seine literarischen Vorlagen müßten ihm dann vorgelesen worden sein. Das mag nicht verwundern, hatten die Menschen vor Erfindung des Buchdrucks bekanntlich ein viel besseres Vermögen, Mündliches aufzunehmen und sich anzueignen.

Im ganzen ist Wolframs Sprache um ein vieles farbiger und persönlicher als die seiner Zeitgenossen. Im Grundbestand ist sie fränkisch mit bairischen Eigenheiten, doch weisen Lautformen und Syntax mündliche Freiheiten auf. Seine Wortwahl wird durch eine Vorliebe für seltene Wendungen, bildhafte Ausdrücke und ausgefallne Neubildungen - manchmal aber auch Antiquiertes aus der Heldenepik - bestimmt. Darüber hinaus gebrauchte er manch flandrisch-niederfränkische Wörter, die sich durch ihren von der zweiten Lautverschiebung unberührten Konsonantismus zu erkennen geben und als höfisch-vornehm galten.

Die Literatur jener Zeit ist durch den wachsenden kulturellen Anspruch des weltlichen Feudaladels geprägt. War Dichtung bis dahin vorwiegend Privileg der Geistlichkeit und diente damit klerikalen Interessen, so bahnte sich nun ein Umschwung an. Das Selbstgefühl des weltlichen Adels, der sich die französische Feudalkultur zum Vorbild nahm, sollte auch in der Literatur zum Ausdruck gebracht werden. Die dichterischen Werke wurden nicht gelesen, sondern mit kunstvoller Rhetorik vor Publikum auf den Adelssitzen vorgetragen. Somit arbeiteten die höfischen Epiker im Auftrage fürstlicher Mäzene, die meist Einfluß auf die Stoffwahl nahmen und ihnen dafür alle notwendigen Mittel stellten. Dabei ist nicht nur der Unterhalt für Dichter und Schreiber zu bedenken. Auch das Besorgen der französischen Textvorlage und des Pergaments - viele Kälber oder Ziegen hatten für so ein großes episches Werk ihr Leben lassen müssen! - verursachte hohe Kosten.

Wolfram hat seine Gönner allerdings nie explizit genannt. Es wurde versucht, eine Reihe der in der ersten Hälfte des "Parzival" erwähnten Adelsnamen auf einen fränkisch-bayrischen Gönnerkreis hin zu deuten. Dies bleibt aus vielerlei Gründen jedoch sehr vage. Als gesichert gilt Landgraf Hermann I. von Thüringen. Unter ihm wurde der Thüringer Hof zum Mittelpunkt höfischer Dichtung. Mit anderen war Walther von der Vogelweide dort tätig, den Wolfram auch als einzigen zeitgenössischen Dichter in seinen Werken erwähnt. Aus dem Prolog des "Willehalm" erschließt sich zudem, daß der Landgraf ihm die französische Vorlage dazu vermittelt hatte.

Unter den Epikern seiner Zeit nimmt Wolfram eine Sonderstellung ein. Nicht nur im Sprachstiel, auch in Reim- und Verstechnik sticht er heraus. Er war mit den neuen Techniken der Versfüllung, des Kadenzenbaus und der Reimreinheit, die sich um 1190 durchgesetzt hatten, vertraut. Im "Parzival" sind vier zweiteilige, aus Hebung und Senkung bestehende Kurztakte, zu einer Verszeile zusammengefaßt, die durch den Reim mit einer anderen Zeile paarig zusammengeschlossen ist. Allerdings hat er auf die technischen Feinheiten weniger Gewicht gelegt als die anderen Dichter. Manchmal scheint er geradezu bewußt gegen die Regeln verstoßen zu haben. Auch kam es ihm mehr auf den Klangeffekt als die Reinheit des Reimes an. Die auffälligste metrische Eigenheit ist das Überspielen der Versgrenze durch die Syntax. Häufig endet der Satz erst nach der ersten Hebung im nächsten Vers. Dies hat den Effekt des Aufreißens von Gegensätzen oder des Zusammenziehens von eigentlich Getrenntem.

Wolframs künstlerische Eigenheit zeigt sich auch in seiner Erzählweise. Ständig drängt sich der Erzähler hervor. Er nennt Personen und Orte aus seinem Erfahrungsbereich, kommentiert die Handlung und unterhält sich mit den Zuhörenden, indem er Fragen an sie stellt oder an ihr Urteil apelliert. Damit schafft er eine zweite Erzählebene, die das Publikum zu Mitspielenden macht. Der Wechsel der Ebenen erfolgt oftmals sprunghaft und erscheint willkürlich. Das wichtigste Darstellungsmittel dieser erzählerischen Subjektivität ist die Komik, die darauf zielt, durch unerwartete Wendungen zu überraschen.

Das überlieferte Œuvre Wolframs besteht aus drei epischen Werken - "Parzival" (24810 Verse), "Willehalm" (13988 Verse) und "Titurel" (170 Strophen) - sowie neun Liedern. Bei letzteren, handelt es sich um vier herkömmliche "Minne-" und fünf "Tagelieder". Sicherlich hat er noch mehr gedichtet, aber offenbar gab es im 13. Jahrhundert von diesen keine zuverlässige Sammlung.

Zumindest über die Reihenfolge der Werke läßt sich eine sichere Aussage machen. Im "Parzival" spricht Wolfram selbstbewußt von seiner Lyrik. Daraus läßt sich schließen, daß er zu Beginn dessen Abfassung bereits als Minnesänger bekannt war. Des weiteren nimmt er im Prolog des "Willehalm" auf den "Parzival" bezug, so daß dieser älter sein muß. Wahrscheinlich ist der "Titurel" sein letztes Werk.

Die absolute Chronologie läßt sich aus Anspielungen auf Ereignisse und Personen der Zeitgeschichte gewinnen. Die Klage über den unter Huftritten zerstörten Erfurter Weinberg in Buch VII des "Parzivals" spielt auf den Krieg zwischen König Philipp von Schwaben und dem Thüringer Landgrafen an, womit dieses Buch nicht vor 1203 gedichtet worden sein kann. Die Erwähnung der einstigen Reichtümer Griechenlands im XI. Buch setzt wohl die Plünderung Konstantinopels im Jahre 1204 voraus. Somit dürfte das Werk zwischen 1200-1210 entstanden sein. Für den "Willehalm" erlaubt die Anspielung auf die Kai?erkrönung Ottos IV. eine Datierung nach 1209. Meistens wird die Entstehung dieses Werks in die Jahre 1210-1220 gelegt. Aus dem "Titurel" ist zu entnehmen, daß dieses Fragment nach dem Tode Hermanns von Thüringen, also 1217, gedichtet wurde.

Bereits die Lieder hatten Wolfram wohl berühmt gemacht. Dabei erscheinen die vier ihm zugeschriebenen "Minnelieder" eher konventionell. Da sie wenig von dem für den Dichter typischen Stil aufweisen, wird seine Autorenschaft durchaus angezweifelt. Größere Bedeutung haben dagegen die Tagelieder. Die Liebenden, die heimlich die Nacht miteinander verbracht haben, müssen bei Tagesanbruch voneinander Abschied nehmen und besingen ihren Trennungsschmerz. Dieses Thema wurde zu allen Zeiten lyrisch behandelt. Die Geschichte des mittelalterlichen Tageliedes ist allerdings ungeklärt. Offenbar gab es eine volkstümliche Tradition. Das höfische Tagelied entstand im 12. Jahrhundert in Südfrankreich - die provenzalische "Alba". Konstituierend ist die höfische Kulisse. Die Liebenden gehören der adligen Gesellschaft an, die Szene spielt in der Kemenate der Burgdame. Dabei gilt Wolfram als Schöpfer der neuen Form des Wächtertageliedes. Er führt die Figur des Burgwächters ein. Dieser warnt das Paar bei Tagesanbruch. Offen bleibt hierbei, wie die Situation zu denken sei. Wenn der Wächter ein Verbündeter der Dame wäre und bei Sonnenaufgang von der Zinne riefe, warnte er damit nicht nur das Liebespaar, sondern weckte die ganze Burg auf. Insofern wird er eher als Freund des Ritters vor der Kemenate wachen. Der Handlungsablauf ist allerdings immer gleich: Morgenanbruch, Weckruf, Trennungsklage, letzte Vereinigung der Liebenden, Abschied.

Unklar ist, ob es vor Wolfram in Deutschland bereits Wächterlieder gab. Ein älterer Text ist zumindest nicht überliefert. Auch ist die Abhängigkeit von provenzalischen Vorbildern unsicher, da von denen nur wenige wirklich ins 12. Jahrhundert datiert werden können. Zumindest hat er eine formale Eigenheit der "Alba", den Refrain mit dem Wort alba, nicht übernommen.

Als Hauptquelle für den "Parzival" gilt die - auf ca. 1180-90 datierte und Torso gebliebene - "Conte du Graal" des Chrestien de Troyes. Die Partien, die diesem Werk entsprechen, sind mit 18000 Versen fast doppelt so umfangreich. Dies zeigt, daß sich Wolfram aus seiner Begabung heraus - entgegen dem zeitgenössischen Ideal - keinesfalls dem Zwang einer getreuen Nachdichtung unterordnete. So gibt Wolfram allen Figuren, die in seiner Vorlage namenlos bleiben, einen Namen und gestaltet sie stärker aus. Für die über die "Conte du Graal" hinausgehen Teile ließ sich nie eine andere geschlossene Vorlage nachweisen. Wolfram beruft sich selbst auf einen gewissen Kyot, der die ganze Geschichte viel richtiger und vollständiger als Chrestien erzähle. Eine solche Quelle ließ sich jedoch nie nachweisen. Zudem sind die Angaben dermaßen phantastisch, daß die tatsächliche Existenz Kyots unwahrscheinlich ist. Vielmehr war es Wolframs Absicht, seine stofflichen Freiheiten mit einer erfundenen Autorität zu decken - wenn er nicht gar die gelehrten Literaten mit einer fingierten Quelle verspotten wollte.

Auch wenn der "Parzival" bei den epischen Werken den Anfang macht, ist er dennoch nicht in einem Zuge entstanden. Zumindest nach dem VI. Buch muß es eine längere Arbeitsunterbrechung gegeben haben. Es wird vermutet, daß sie mit der eigenen Teilnahme Wolframs am Erfurter Feldzug (1203) in Verbindung steht. Höchstwahrscheinlich gab es aber noch weitere Unterbrechungen. Zudem zeigen sich Spuren kleiner Hinzufügungen und Überarbeitungen.

Ebenso ist die Vorgeschichte eigentlich ein eigener kleiner Ritter-Roman, den Wolfram später verfaßte und voranstellte. Beim Einsiedler Gurnemanz wird Parzival höfisch erzogen. Dabei lernt er als Lebensregel, nicht zuviel zu fragen. Gerade das Befolgen dieses höflichen Verhaltens, was ihn zuvor am Artushof geradezu prädestinierte, begründet später Parzivals Fehlverhalten in der Gralsburg. Er unterläßt es, die erlösende Frage zu stellen. Jedoch ist diese Dummheit - anders als bei Chrestien - kein Charakterzug Parzivals. Er ist grundgut

Umstritten war lange, ob die Vorstellung vom Gral aus christlicher oder keltischer Tradition stamme. Heute wird angenommen, daß Chrestien einem keltischen Motiv neu christliche Deutung gab. Bei ihm ist er eine goldene Schüssel, die u. a. dazu dient, dem Gralskönig eine geweihte Hostie zu bringen. Die bekannte Identifizierung mit dem Abendmahlskelch Christi ist sekundär. Wolfram wandelt den Gral in einen nicht näher beschriebenen Edelstein um. Auf die Erde wurde er von Engeln gebracht und in die Obhut der Titurel-Familie gegeben. SünderInnen ist er zu schwer; eine reine Jungfrau vermag ihn federleicht zu tragen. Nur Unwissende finden ihn; systematische Suche bleibt erfolglos. Der Gral kann alle gewünschten Speisen und Getränke hervorbringen. Er besitzt lebensverlängernde Kraft. Jeden Karfreitag kommt eine Taube vom Himmel herab und legt eine Oblate auf ihm nieder. Manchmal offenbart er durch Schriftzeichen GOttes Willen. Die Herkunft dieser Gralsvorstellung ist bis heute ungeklärt.

Im Prolog des "Willehalm" heißt es, daß der Thüringer Landgraf Wolfram mit der Geschichte bekannt gemacht habe. Somit wird das Werk am Hofe Hermanns I. gedichtet worden sein. Im letzten Buch rühmt Wolfram die Freigebigkeit, die jener sein Leben lang besessen habe. Da diese Bemerkung dessen Tod voraussetzt, muß dies Buch nach 1217 verfaßt worden sein. Daß das Werk ganz unvermittelt abbricht, hängt wohl mit dem Verlust des Gönners zusammen.

Der "Willehalm" gehört zum Stoffkreis der französischen Heldenepik (chansons de geste). Es gab einen ganzen Epenzyklus, der von Guillaume d'Orange und seinen Kämpfen gegen die heidnischen Sarazenen unter den Nachfolgern Karls des Großen erzählte. Im Blickwinkel der französischen chansons de geste des 12. Jahrhunderts erscheint das Königtum allerdings in einem erbärmlichen Zustand, wohingegen das Heldentum der großen Reichsfürsten herausgestrichen wird. Wahrscheinlich hat diese politische Tendenz Wolframs Auftraggeber zur Stoffauswahl veranlaßt. In welcher Gestalt ihm die aus diesem Epenzyklus stammende Quelle vorlag, ist dabei unsicher. Noch deutlicher als beim "Parzival" ist dies unvollendete Epos kunstvoll komponiert. Zudem hat er die Handlung gestrafft und den Titelhelden in den Mittelpunkt gerückt. Auch hat Wolfram das Verwandtschaftsmotiv bedeutend ausgebaut. Der Krieg zwischen Heiden und Christen ist zunächst einmal ein Krieg unter Verwandten. Da dieser aber zudem als Kreuzzug dargestellt wird, handelt es sich in zweiter Linie doch um einen Glaubenskrieg. Dennoch hat er keinen aggressiven oder missionarischen Charakter; er ist lediglich auf Verteidigung des christlichen Glaubens und des Heiligen Römischen Reiches ausgerichtet. Der "Willehalm" ist demnach kein Dokument der Kreuzzugsverherrlichung. Es ist kaum denkbar, daß dies Werk eine dafür werbende Funktion haben sollte. Zu deutlich sind Skepsis und Distanz, mit denen der Erzähler das Geschehen auf dem Schlachtfeld kommentiert. Im allgemeinen ist die starke Zurückhaltung Wolframs gegenüber Gewaltdarstellungen auffällig. Den Schrecken des Heidenkrieges wird der Gedanke an Liebe und Versöhnung entgegengestellt. So läßt Wolfram Gyburc in dessen großer Toleranzrede den christlichen Anspruch bezweifeln, ob Heiden schon allein wegen ihrer Nichtchristlichkeit bekriegt werden dürften. Sie seien ja ebenfalls GOttes Kinder und dürften deshalb nicht wie Vieh hingeschlachtet werden. Damit geht er über das hinaus, was sich in der Literatur bis dahin an Vorstellungen vom edlen Heiden findet.

Das Epos bricht mit der Abreise des von Willehalm freigelassenen Heidenkönigs Matribleiz ab. Es bleibt reine Spekulation, ob Wolfram seine Dichtung noch bis dahin hätte führen wollen, wo nach der französischen Überlieferung der Titelheld nach dem Todes Gyburcs ins Kloster geht. Nach allem, was wir über den Dichter wissen, erscheint dies aus seiner religiösen Auffassung heraus als unwahrscheinlich.

Der "Titurel" war das erste höfische Epos in Strophenform. Auch hierin bricht Wolfram die gängige Ästhetik, denn bis ins 12. Jahrhundert war strophisches Erzählen ein Kennzeichen der Heldendichtung. Wolfram hat sich für den "Titurel" wohlmöglich am "Nibelungenlied" orientiert. Eine direkte Quelle des Stoffes ist unbekannt. Da aus den Angaben Hermann I. von Thüringen bereits als verstorben vorauszusetzen ist, muß das Werk um 1220 entstanden sein. Warum die Arbeit daran abgebrochen wurde, ist nicht bekannt.

Erhalten haben sich zwei Textstücke, ein kürzeres mit 39 und ein längeres mit 131 Strophen. Der irreführende Titel stammt aus dem Mittelalter. Damals wurden literarische Werke derweil nach der ersten vorkommenden Person benannt. So erzählt der "Titurel" in Wahrheit die Geschichte von Sigune und Schionatulander, deren Ende den Zuhörenden als bereits aus dem "Parzival" bekannt vorausgesetzt wird. Auffällig ist die Handlungsarmut der ausgearbeiteten Textstücke. Das erste Fragment besteht zu mehr als die Hälfte aus direkter Rede. Das zweite Fragment bietet zwar mehr epische Details, jedoch geschieht auch hier nichts weiter, als daß ein Hund zum Zeltplatz kommt und wieder entläuft. Der Text auf dem Hundehalsband nimmt das Ende des Paares vorweg. So entfaltet die retospektive Erzähltechnik keine fortlaufende Handlung.

Im Mittelpunkt des "Titurel" steht die Liebesthematik - die wahre Liebe bis zum Tod. Liebe wird als eine allgewaltige Kraft geschildert, die auf Erden wohne, im Himmel ein reines Geleit zu GOtt gebe und überall anwesend - außer in der Hölle - sei. Jedoch zeigt sich auch, daß das Anliegen dieser allmächtigen Liebe keinesfalls die Beglückung sei. Möglicherweise ging es Wolfram auch um das Aufweisen der Tragik, daß das Befolgen des rechten Weges keinesfalls Leid verhindert.

All diese religiösen Aspekte in Wolframs Œuvre werften auch die Frage nach seinem religiösen und ethischen Wertekosmos auf. Es gab - wegen einiger vager Andeutungen bei Walther von der Vogelweide - Versuche, ihn als dem Waldensertum nahestehend anzusehen. Jedoch bietet Wolframs Schrifttum dahingehend keinerlei Hinweise. Demgegenüber läßt er sich durchaus in die sich ausprägende Laienbewegung am Ende des 12. Jahrhunderts einordnen. Hierbei ging es der volksreligiösen Erneuerungsbewegung vor dem Hintergrund des klerikalen Überlegenheitsanspruches um das Ringen nach dem rechten Wege zur Heilsgewißheit. Gerade dessen immer schroffer werdende Bruch mit urchristlichen Tugenden führte viele Menschen zum Nachdenken über die Widersprüche zwischen Kirchenlehre und Realität. Die sich bildenden - von urchristlichen Idealen ausgehenden - Laienbewegungen versuchten, ohne eine Vermittlerrolle von Kirche und Priestertum einen unmittelbaren Weg zu GOtt und dessen Lehren zu finden. Zugleich handelte es sich um die Frage, wie sich die weltlich-höfischen Wertvorstellungen und die christlichen Glaubensgrundsätze zueinander verhalten. Wolfram hat darauf mit dem Bekenntnis geantwortet, daß es das höchste Ziel des Menschen sei, vor GOtt Gnade zu finden - und zugleich Achtung vor der Welt zu erringen. In Parzivals Gralskönigtum wird dieses Ziel beispielhaft erreicht. Dieser harmonische Gedanke steht aber gerade in Widerstreit zur Idealsicht der Kleriker, nach der der Mensch nicht nach dem Glanze der Welt schauen dürfe, sondern der Weg zu GOtt allein weltablehnend-asketisch zu sein habe. In Wolframs moderner und vermittelnder Sichtweise können jedoch beide Wege zur GOttesgnade führen.

Wolfram von Eschenbach war bereits zu Lebzeiten ein gefeierter Dichter. Kein anderer hat so stark auf die Literatur der nächsten Jahrhunderte gewirkt. So gibt es beispielsweise etwa siebzig deutsche "Tagelieder" aus dem 13. und 14. Jahrhundert, von denen nur wenige sich nicht durch Wolfram beeinflußt zeigen. Viele der Zeitgenossen sahen wegen seiner Eigenart, die sich so gar nicht den Kanon der bestehenden ästhetischen Leitsätze fügen wollte, im "Parzival" eine literarische Pioniertat. Es gab zahlreiche Versuche, seinen Stil nachzuahmen und die unvollendeten Werke zu ergänzen. So wurde der fragmentarische "Willehalm" bereits Mitte des 13. Jahrhunderts von Ulrich von Türheim fortgesetzt. Einige Jahrzehnte später dichtete Ulrich von Türlin eine Vorgeschichte dazu, so daß insgesamt ein Textkorpus von über 60000 Versen entstand, der im Spätmittelalter als Zyklus gelesen und verbreitet wurde. Das anonyme Epos "Lohengrin" (1283/90) schreibt den Schlußbericht des "Parzival" aus. Einige Spätere haben ihre Werke direkt unter Wolframs Namen verfaßt. Der "Jüngere Titurel" Albrecht von Schafenbergs galt bis ins 19. Jahrhundert als Wolframs Werk. Obwohl Albrecht an einer Stelle sogar seine fingierte Autorenmaske lüftet, erkannte erst August Wilhelm Schlegel, daß nur die zwei Fragmente authentisch sind.

Wolframsbrunnen von 1860/61 in Wolframs-Eschenbach

Darüber hinaus ist Wolfram als Teilnehmer am Sängerwettstreit auf der Wartburg bereits im 13. Jahrhundert selbst zu einer literarischen Gestalt geworden. Im Rätselspiel des Wartburgkriegs tritt er als Gegner Clinschors, des Zauberers aus dem "Parzival", auf. Die Meistersinger verehrten ihn als einen Mitbegründer ihrer Kunst und nahmen ihn in die Reihe der zwölf alten Meister auf. Allein vom "Parzival" sind 86 vollständige Handschriften und Bruchstücke erhalten; im Jahre 1477 erschien dieser in Straßburg zum ersten Mal im Druck - ein Zeichen dafür, in welch hohem Ansehen Wolframs Werke bis in die Zeit Kai?er Maximilians I. standen. 1833 erschien die wissenschaftliche Ausgabe von Wolframs Dichtungen durch Karl Lachmann, die bis heute grundlegend ist. Zwar ist die von ihm vorgenommene Bucheinteilung auf Grund von Handschrifteninitialen umstritten, da unklar ist, ob diese auf Wolfram zurückzuführen sei. Auch ist die auf handschriftliche Überlieferung zurückgehende geläufige Textgruppierung nach Dreißigern nicht immer sinnig. Dennoch erfolgen Zitationsangaben noch heute nach dieser Ausgabe.

Werkausgaben (Auswahl):
Lachmann, L. (Hg.); Wolfram von Eschenbach; ed. Hartl, E.; 6. Aufl. Berlin/Leipzig 1926 (Nachdruck Berlin u.a. 1988).
Wolfram von Eschenbach; Lieder; Magdeburg 1841.
Ders.; Parzival; ed. u. übertr. Spiewok, W; Leipzig 2. Aufl. 1989.
Ders.; Werke; ed. Leitzmann, A.; 2. Aufl. Halle/S. 1911.
Ders.; Wolframs von Eschenbach Parzival und Titurel; (Karl Simrocks ausgewählte Werke in 12 Bänden 9.10); 2 Bd.e; Leipzig 1907.

Literatur (Auswahl):
Arbeitsgemeinschaft zur Pflege der Heimatgeschichte (Hg.in); Die Bedeutung der Straßennamen im Bezirk Tempelhof von Berlin; Berlin 1953; S. 26.
Böttger, Chr. u.a.; Wegweiser zu Berlins Straßennamen. Treptow; Berlin 1997; S. 369
Brogsitter; K. O.; (Art.) Wolfram von Eschenbach; in: Fassmann, K. (Hg.); Die Großen. Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt; Bd. 3,2; Zürich 1978; S. 570-587.
Bumke, J.; Wolfram von Eschenbach; (Sammlung Metzler 36); Stuttgart/Weimar 7. Aufl. 1997.
Ders.; (Art.) Wolfram von Eschenbach; in: Jens, W. (Hg.); Kindlers Neues Literatur-Lexikon; Bd. 17; München 1992; S. 806-815.
Heinzle, J.; (Art.) Wolfram von Eschenbach; in: Killy, W./Vierhaus, R. (Hgg.); Deutsche biographische Enzyklopädie (DBE); Bd. 10; München 1999; S. 580.
Kiening, Chr.; (Art.) Wolfram von Eschenbach; in: Killy, W. (Hg.); Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache; Bd. 12; Gütersloh/München 1992; S. 413-419.
San-Marte ( = Schulz, A.); Wolfram von Eschenbach. Eine biographische Skizze; Halle/S. 1836.
Wesseling, K. G.; (Art.) Wolfram von Eschenbach; in: Bautz, T./Bautz, W. (Hgg.); Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon; Bd. 13 u. 14; Herzberg 1998; Sp. 1533-1600 (Bd. 13) u. Sp. 1-34 (Bd. 14).

Siehe auch: www.wolframs-eschenbach.de


ZUSAMMENFASSUNG
Wolfram von Eschenbach

Der mittelhochdeutsche Epiker zählt zu den bedeutendsten des Mittelalters; dennoch wird er wie die meisten Dichter seiner Zeit nie in Urkunden genannt. Alles, was wir über sein Leben zu wissen meinen, erschließt sich aus den Werken und wenigen Äußerungen anderer Autoren. Früher wurden die Ich-Aussagen gern als autobiographische Zeugnisse gelesen; heute ist die Literaturwissenschaft darin vorsichtiger.

Nach allem, was aus dem Œuvre erschlossen werden kann, ist seine Lebens- und Schaffenszeit zwischen 1170 und 1220 anzusetzen. Wovon er seine Herkunftsbezeichnung ableitete, war lange Zeit umstritten. Auch wenn er sich an einer Stelle als Bayer bezeichnet, gilt das fränkische Obereschenbach (seit 1917 Wolframs-Eschenbach) südöstlich von Ansbach heute als allgemein anerkannter Geburtsort.

Die Annahme, daß er Ritter gewesen wäre, ergibt sich eher aus dem Mittelalterbild der Romantik. Es ist offen, ob der Dichter tatsächlich ein Vorfahre der Eschenbacher Adelsfamilie war. Diese Unsicherheit über Wolframs Standesverhältnisse ist bei den Epikern seiner Zeit jedoch keine Ausnahme.

Nach den Selbstaussagen war er Analphabet. Doch ist es zweifelhaft, ob diese als autobiographisch anzusehen sind und nicht eher die Erzählerrolle ausgestalten. Es findet sich in seinen Epen eine Vielzahl von Bildungsgut aus Medizin, Kosmologie, Astronomie, Naturkunde und Geographie. Zudem bezeugt er ein genaues Verständnis schwieriger theologischer Fragestellungen.

Die im 12./13. Jahrhundert im Auftrag der weltlichen Höfe dichtenden Epiker mußten Französisch verstehen. Das Selbstgefühl des weltlichen Adels, der sich die französische Feudalkultur zum Vorbild nahm, sollte auch in der Literatur zum Ausdruck gebracht werden. Als gesicherter Mäzen Wolframs gilt Landgraf Hermann I. von Thüringen. Er machte seinen Hof zum Mittelpunkt höfischer Dichtung.

Wolframs Sprache ist um ein vieles farbiger und persönlicher als die seiner Zeitgenossen. Seine Wortwahl wird durch eine Vorliebe für seltene Wendungen, bildhafte Ausdrücke und ausgefallne Neubildungen - manchmal aber auch Antiquiertes aus der Heldenepik - bestimmt.

Das überlieferte Œuvre besteht aus drei epischen Werken - "Parzival" (24810 Verse), "Willehalm" (13988 Verse) und "Titurel" (170 Strophen) - sowie neun Liedern. Bei letzteren, handelt es sich um vier herkömmliche "Minne-" und fünf "Tagelieder". Sicherlich hat er noch mehr gedichtet, aber offenbar gab es im 13. Jahrhundert von diesen keine zuverlässige Sammlung.

Wolfram von Eschenbach war bereits zu Lebzeiten ein gefeierter Dichter. Kein anderer hat so stark auf die Literatur der nächsten Jahrhunderte gewirkt. Es gab zahlreiche Versuche, seinen Stil nachzuahmen und die unvollendeten Werke zu ergänzen. Manche Dichter haben ihre Werke sogar direkt unter Wolframs Namen verfaßt.

Darüber hinaus ist Wolfram als Teilnehmer am Sängerwettstreit auf der Wartburg bereits im 13. Jahrhundert selbst zu einer literarischen Gestalt geworden. Die Meistersinger verehrten ihn als einen Mitbegründer ihrer Kunst und nahmen ihn in die Reihe der zwölf alten Meister auf.