SEPTEMBER
2002

 
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LITERATUR


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Mongolei - Land der Dichter und Denker
ein Beispiel für mongolische Literatur:
Galsan Tschinag, Der blaue Himmel

 

Steppe, karge, rauhe Landschaften, unendliche Weite, eine Schafherde am Horizont. So stellt man sich die Mongolei vor.

"...die Vögel, die in der Luft lärmten und tobten, und die Blumen, die ringsum aus der Steppe in vielerlei Farben hervorstachen gleich herabgetröpfelten glitzernden Spritzern aus der Sonne, dem Himmel, den Gletschern und den Bergrücken, die vor so viel Licht zu rauchen und zu flammen schienen" sieht man vor sich, aber auch verschneite unwirtliche Winterlandschaften: "Berg und Steppe lagen in grellem Schwarzweiß, wie zerschlagen, in dem Meer von Scherben. Ermüdend wirkte das auf das Auge. Und ein Wind blies, der zu sägen und zu schneiden, zu sticheln und zu rupfen schien, an allem, was ihm in den Weg kam", beschreibt der Autor Galsan Tschinag. Worunter man sich auf Anhieb jedoch eher weniger vorstellen kann, ist die mongolische Literatur. Dabei kann sie durchaus auf eine lange Tradition zurückblicken.

Zwar wohnt heute schon mehr als die Hälfte der ca. 2,3 Millionen Einwohner in den wenigen Städten. Der Rest aber lebt weit über das 1 566 500 km2 große Land verstreut, teilweise noch als Nomaden und Viehzüchter. Aus dieser Tradition entstammen auch die mündlich weitergegebenen mongolischen Sprichwörter, Lieder und Dichtungen. Mythische Überlieferungen beschäftigen sich häufig mit der Natur und dem Tierreich. In Fabeln werden Tiergeschichten, aber auch Begebenheiten des Alltags thematisiert, Legenden berichten von historischen Persönlichkeiten, Redensarten geben Volksweisheiten weiter, Lieder dienten als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel, Dichtung war u.a. bestimmten Ereignissen und Zeremonien gewidmet. Die wichtigste Gattung war jedoch das Epos (tuul'). Diese meist nach den besungenen Helden benannten Erzählungen wurden zum Teil auch schon im 18. Jahrhundert niedergeschrieben, werden dennoch auch heute noch von professionellen Erzählern rezitiert.

Daneben steht eine lange Geschichte geschriebener Literatur, die bis ins 14. Jahrhundert reicht. In dieser Zeit unter Dschingis Khan entstand nämlich eines der wichtigsten begründenden Werke: "Die geheime Geschichte der Mongolen". Sie umfaßt erzählende Teile, sowie Poesie und greift Mythen, rituelle Bestandteile und Gebete, Lieder und Geschichten auf. Damit ist sie nicht nur ein literarisches, sondern auch ein historisches Zeugnis. Im 15. und 16. Jahrhundert tauchten nach dem Zusammenbruch des Reichs und dem Beginn der Feudalherrschaft Ideen von der Einigung der mongolischen Stämme in den literarischen Werken auf. Später herrschten philosophische und didaktische Lyrik vor. Im 18. Jahrhundert wurde das Schaffen auch von Übersetzungen indo-tibetanischer Werke beeinflußt. Die Poesie, z.B. politische und lyrische Dichtung von Gulransa und Hishiogbat, nahm eine wichtige Stellung im 19. und 20. Jahrhundert ein.

Ihren Beginn hatte die moderne Literatur in der Dichtung, zunächst einmal in revolutionären Soldatenliedern. Nach dem Sturz der Mandschu-Dynastie in China erklärte sich die Äußere Mongolei für unabhängig und 1924, drei Jahre nach dem Einmarsch der Roten Armee, rief die mongolische revolutionäre Volkspartei die Mongolische Volksrepublik aus. Als Begründer der modernen mongolischen Literatur gelten Natsagdorj, Buyannemeh und Damdinsiiren. Im zweiten Weltkrieg beschäftigte man sich dann stark mit Patriotismus und der Freundschaft zu Rußland.

Heute handeln viele Werke von sozialen Phänomenen und neueren Begebenheiten, Natur und Mensch. Autoren sind z.B. Tudev ("Nomadenleben"), Baasansuron ("Altai", einer der Gebirgszüge in der Mongolei) oder Maam ("Erde des Mutterlandes") und viele mehr. Außerdem publiziert der oben zitierte Schriftsteller Galsan Tschinag, der 1944 als Sohn von Nomaden in der Mongolei geboren wurde und in Leipzig studierte, heute auf deutsch. Romane wie "Der blaue Himmel", eine Schilderung über die Kindheit im Ail, dem nomadischen Jurtengehöft sind im u.a. im Suhrkamp-Verlag erschienen, Gedichtbände im Waldgut-Verlag. Er erhielt für seine Bücher bereits Auszeichnungen wie den Adalbert-von-Chamisso-Preis.

Die Situation für die Autoren ist jedoch in ihrer Heimat nicht unbedingt einfach. Bücher sind teuer. Nur einige Reiche können sie sich leisten, denn von dem Zusammenbruch des wichtigsten Handelspartners, der Sowjetunion, ist auch die noch stark von Viehzucht geprägte Mongolei betroffen. Dennoch finden Buchmessen statt und im Jahr 2000 wurde ein Bücherbusprojekt gestartet, das zumindest in der Hauptstadt Ulan-Bator, später hoffentlich auch in entlegeneren Gebieten, allen den Zugang zu Büchern ermöglichen soll. Vielleicht eine Chance für dieses Land der Dichter.

bk