JANUAR
2002

 
Rubriken
 
Service
 
Kontakt
LITERATUR


abebooks.de

Schäbige Zimmer und trostlose Cafés - ein literarischer Spaziergang durch Paris


READ THIS ARTICLE IN ENGLISH

 

 


Hemingways Domizil in der Rue du Cardinal Lemoine

In einem zentralistischen Staat wie Frankreich konzentriert sich nicht nur die Politik und die Wirtschaft, sondern auch die Literaturszene auf die Hauptstadt. Paris war aber seit jeher nicht nur Anziehungspunkt für französische Schriftsteller, sondern auch für junge Fremde, die in schäbigen Zimmern, in trostlosen Cafés, in engen Straßen und auf weiten Boulevards etwas suchten, das schwer zu definieren ist. Für die jungen Schriftsteller der „lost generation“ hatte dieses „etwas“ mit harten Drinks und leichten Mädchen zu tun. Sie verließen das puritanische Amerika der Prohibitions-Ära und siedelten sich am linken Seineufer an.

Um die Spuren von Hemingway, Fitzgerald, Faulkner und Gertrude Stein zu finden, muß man keine Detektivarbeit leisten. Die Pariser Stadtverwaltung hat Plaketten an zahlreichen ehemaligen Dichterklausen angebracht. Der lonely planet-Reiseführer für Paris gibt detaillierte Instruktionen für einen literarischen Spaziergang.

Ausgangspunkt ist die rue du Cardinal Lemoine. In der Nummer 71 befanden sich bis vor kurzem die Pariser Büros des Reiseführerverlags lonely planet - in dem gleichen Haus, in dem James Joyce die Arbeit an „Ulysees“ beendete. Ernest Hemingway lebte von 1922 bis 1923 mit seiner Frau Hadley und ihrem gemeinsamen Sohn in der Nummer 74. Neben der abgestoßenen, ultramarinblauen Tür hängt ein Zettel, der die Bewohner und Gäste bittet, die Tür gewissenhaft zu schließen - vermutlich um Literaturtouristen den Zugang zu verwehren. Hemingway schrieb in einem billigen Hotelzimmer in der 39 rue Descartes. In dem gleichen Hotel starb der Dichter Verlaine 1896. Das Hotel wurde zu einem Wohnhaus umgebaut. Heute befindet sich im Erdgeschoß ein schäbiges Lokal, das sich „La maison de Verlaine“ nennt.

Die rue Descartes mündet in die Place de la Contrescarpe. Ein Clochard schläft ausgestreckt auf dem Kopfsteinpflaster. Die Touristen in den umliegenden Cafés nehmen dieses pittoreske Bild wohlwollend zur Kenntnis. Die südliche Verlängerung der rue Descartes ist die rue Mouffetard, in der sich Bäckereien und Crêperien aneinander reihen. In einer Seitenstraße, der rue du Pot de Fer, wohnte Eric Blair alias George Orwell, als er sich in Paris als Tellerwäscher durchschlug.

Wenn man bei nächster Gelegenheit rechts abbiegt, gelangt man in die rue Tournefort, die frühere rue Neuve Geneviève, in der der Großteil der Handlung von Balzacs „Père Goriot“ spielt. Der Romancier Prosper Merimée lebte 1820 im Haus Nummer 25.

Die rue Tournefort mündet in die rue de l’Estrapade. Von dort aus kann man Hemingways Wegbeschreibung aus „Paris - Ein Fest fürs Leben“ folgen: „Ich ging hinunter am Lycée Henri-Quatre vorbei und an der uralten Kirche Saint-Etienne-du-Mont und der windgepeitschten Place du Panthéon und bog schutzsuchend rechts ab und kam schließlich auf der vom Wind geschützten Seite des Boulevard Saint-Michel heraus und arbeitete mich weiter hinunter am Cluny vorbei und überquerte den Boulevard Saint-Germain, bis ich auf der Place Saint-Michel zu einem guten Café kam, das ich kannte.“ Hemingway schrieb und trank und beobachtete die schönen Cafébesucherinnen. Später beschrieb er seine jugendliche Euphorie: „Ich habe dich gesehen, du Schöne, und jetzt gehörst du mir, auf wen du auch wartest und wenn ich dich nie wiedersehe, dachte ich. Du gehörst mir und ganz Paris gehört mir, und ich gehöre diesem Notizbuch und diesem Bleistift.“

Bei „Gibert Joseph“ auf dem Boulevard Saint-Michel kann man neue und gebrauchte Bücher kaufen. Sie werden dort in Fabrikhallen ähnlichen Räumen wie billige Massenprodukte verramscht. Eine angenehmere Atmosphäre herrscht bei „Shakespeare & Company“ in der 37 rue de la Bûcherie. Der Laden hat zwar nur den Namen von Sylvia Beachs legendärer Buchhandlung, ist aber trotzdem einen Besuch wert. Im Inneren des Geschäfts ist es dunkel und ein bißchen staubig, wie in einer alten, heruntergekommenen Kirche. Es werden neue und gebrauchte englische, französische, deutsche, spanische, manchmal auch russische, italienische und hebräische Bücher angeboten. Sie sind wirr sortiert, zum Teil auf dem Boden gestapelt. Überblick über das Chaos scheint nur der junge, rothaarige Engländer an der Kasse zu haben. Er spricht Französisch mit einem reizenden Akzent. Manchmal wird er von einem englischen Greis, der nicht mehr alle Zähne im Mund hat, abgelöst. Lautstark gibt er seine Meinungen über Literatur und Politik und alle möglichen anderen Themen zum besten. Dabei trinkt er Cidre. Eine faule schwarze Katze schläft auf Bücherstapeln. Bücher, Poster, Kunstdrucke und Postkarten kann man auch bei den „bouquinistes“ am Seineufer kaufen.

Nicht weit von der Seine, in der 9 rue Gît le Coeur, befindet sich das Relais „Hôtel du Vieux Paris“, wo in den 50er Jahren Autoren der „beat generation“, wie Jack Kerouac und Allen Ginsberg abstiegen. Kerouac betrank sich bevorzugt im „Le Gentilhomme“ in der nahegelegenen rue Saint-André-des-Arts. Drinks bekommt man dort noch heute - allerdings in einem Irish Pub namens „Corcoran’s“

Die rue Saint-André-des-Arts mündet in die rue de l’ancienne Comédie, wo Bruce Chatwin seine Moleskin-Notizbücher kaufte. In der Verlängerung der rue de l’ancienne Comédie über den Boulevard Saint-Germain, der rue de l’Odéon, führte Sylvia Beach die ursprüngliche „Shakespeare & Company“-Buchhandlung. Sie lieh Hemingway Bücher und Geld und gab ihm gute Ratschläge für jede Lebenslage. Von ihrem guten Herz profitierte auch James Joyce. Beach lektorierte, tippte und verlegte „Ulysees“, für das sich kein Verlag fand.

Weiter westwärts auf dem Boulevard Saint-Germain trafen sich die französischen Existentialisten im „Café de Flore“ und in „Les Deux Magots“. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir saßen dort, laut Truman Capote, wie zwei traurige Bauchrednerpuppen in der Ecke.

Im früheren „Hôtel d’Alsace“, das sich heute schlicht „L’Hôtel“ nennt - 13 rue des Beaux-Arts - starb 1900 Oscar Wilde - verlassen und verspottet. Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges wohnte im gleichen Hotel bei seinen zahlreichen Besuchen in Paris zwischen 1977 und 1984.

Das wenig spektakuläre „Le Comptoir des Saints Pères“ an der Ecke der rue Saint-Jacob und der rue des Saints Pères hieß früher „Michaud“. In diesem eleganten Restaurant beobachtete Hemingway Joyce und dessen Familie beim Essen. Jahre später fand auf der Herrentoilette des „Michaud“ eine kuriose Konversation zwischen Hemingway und Fitzgerald statt.

Ein kurzer Spaziergang in Richtung Süden führt in die Gegend, in der viele Autoren der „lost generation“ lebten. William Faulkner verbrachte einige Monate in der 42 rue de Vaugirard. Hemingway bewohnte einige Jahre ein Apartment in der 6 rue Férou. Der Dichter Ezra Pound hauste in einer Wohnung in der 70 bis rue Notre Dame des Champs mit Umzugskisten als Mobiliar. In der gleichen Wohnung lebte Katharine Anne Porter im Jahr 1934.

Der Begriff der „lost generation“ für die Teilnehmer des ersten Weltkriegs und deren literarische Vertreter wurde von Gertrude Stein geprägt. Hemingway kommentierte süffisant, „daß alle Generationen durch irgend etwas verloren waren und immer gewesen waren und immer sein würden.“ Miss Stein und ihre Lebensgefährtin Alice B. Toklas empfingen ihn und Hadley sowie Schriftsteller wie Ezra Pound und Maler wie Matisse, Picasso, Braque und Gaugin, in ihrem luxuriösen Apartment in der 27 rue de Fleurus, an der Ostseite des Jardin du Luxembourg.

Weiter südlich findet man die „Closerie des Lilas“, Hemingways Stammcafé. Die glanzvollen Zeiten sind jedoch längst vorbei. Heute ist ein Besuch nur hartgesottenen Hemingway-Fans zu raten, die sich weder durch absurde Preise noch durch die impertinentesten Kellner von ganz Paris aus der Ruhe bringen lassen. Am eindrucksvollsten ist noch die Damentoilette. Eine bibliophile Besucherin hat „Hem & Hadley forever“ in die Tür geritzt.

In der Nähe findet man weitere ehemalige Künstlertreffpunkte: „La Rotonde“, „Café du Dome“, „The Select“ - und die „Auberge de Venise“, die frühere „Dingo Bar“, in der Hemingway zum ersten Mal Fitzgerald begegnete - der Rest ist Geschichte.

vh


READ THIS ARTICLE IN ENGLISH.
Shabby rooms and gloomy cafés - a literary walk through Paris

Aspiring writers always found their way to Paris. In shabby rooms and gloomy cafés, in narrow streets and on wide boulevards they were looking for something hard to define. In the days of Hemingway, Fitzgerald and Faulkner, that “something” seemed to be about hard liquor and easy girls. The authors of the so-called “lost generation” left Puritan Prohibition-era America and settled down on the left bank of the Seine.

Pick up a copy of the lonely planet guide for Paris and have a look at the places where Hemingway lived and wrote and drank. See the hotel where Oscar Wilde died in 1900 - disowned and disgraced. Or catch a glimpse at the original location of the legendary “Shakespeare & Company” shop where owner Sylvia Beach lent books and money to Hemingway, gave good advice and edited, typed and published “Ulysees” for Joyce who did not succeed in finding a publishing house.

Today, there is a bookshop in 37 rue de la Bûcherie carrying on the name. It is a mysterious place - dark and dusty - like an old, run-down church. They have an unpredictable collection of new and used books in English, French and various other languages - and in an eccentric order. The only one who seems to master that chaos is a young English student who speaks French with a fetching accent. You might also meet an old Englishmen who lost some of his teeth, but not his wit. Drinking cider, he gives his opinion on literature, politics and other subjects. And there is a lazy black cat that likes to sleep on piles of books.

If you read “Paris - a moveable feast”, you might want to go to Hemingway’s favourite café the “Closerie des Lilas”. But the days of glory are gone. Today, you will find an unfriendly place, over-prized and with the city’s bitchiest waiters. The most impressing thing is the ladies’ rest-room where a bookish visitor carved “Hem & Hadley forever” into the door.

In Montparnasse, not far from the “Closerie des Lilas”, you will find other former artists’ hang-outs: like “La Rotonde”, “Café du Dôme”, “The Select” and the “Auberge de Venise”, the former “Dingo Bar” where Hemingway met Fitzgerald for the first time - the rest is history.

vh