OKTOBER
2007

 
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LITERATUR


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Marisha Pessl, "Die alltägliche Physik des Unglücks"

Marisha Pessl
"Die alltägliche Physik des Unglücks"

S. Fischer
Verlag 2007

Die Hardcover-Ausgabe von Marisha Pessls "Die alltägliche Physik des Unglücks" wartet mit einem Klappentext auf, der nicht weiter danebenliegen könnte. "Blue hat den Blues" heißt es da erst mal in einem dümmlichen Wortspiel, und dann: "Charmant und witzig besticht sie als wandelndes Lexikon und lässt zugleich keine Wodkaflasche an sich vorbeiziehen. Jeder weiß, Blue ist besonders. Man liegt ihr zu Füßen." Das Gegenteil ist der Fall. Witzig ist Blue nur als Ich-Erzählerin des Romans, und nur in dieser Funktion beeindruckt sie den Leser mit ihrem enzyklopädischen Wissen. Im "richtigen" Leben hingegen kriegt sie den Mund nicht auf und ist alles andere als beliebt.

Seit dem Tod ihrer Mutter folgt die sechszehnjährige Blue van Meer ihrem Vater, einem College-Professor, durch die Staaten Amerikas. Jedes Semester an einem anderen Ort und von ihrem Vater zu eben jenem "wandelnden Lexikon" erzogen, ist sie eine uncoole Außenseiterin. Umso weniger versteht man es, warum Blue das Angebot ihrer neuen Lehrerin annimmt, sich einer Gruppe versnobter, arroganter Schüler anzuschließen, die nur hohles Zeug reden. Vermutlich möchte Blue in ihrem letzten Highschool-Jahr endlich einmal das Gefühl haben, dazuzugehören.

Blues Rolle ist vor allem die einer Beobachterin. Lange plätschern ihre Beobachtungen dahin, ohne dass etwas Nennenswertes passieren würde. Erst zum Ende hin kommt es zu einem Todesfall und zu einer abstrusen, konstruiert wirkenden Kriminalgeschichte ohne eindeutigen Ausgang. All das kann man getrost vergessen. Was das Buch trotzdem sehr lesenswert macht, ist Marisha Pessls Sprache, die Sätze formt wie "ihre Augen waren (...) schockierend schön, wie ein plötzliches Niesen in der drögen Stille ihres Gesichts" (S. 264) oder "Die Frage hing in der Luft wie eine Nationalflagge ohne Wind" (S. 156). Die Kunst der Metapher beherrscht Pessl wirklich außerordentlich gut.

Darüber hinaus zeichnet sich der Roman durch seine unzähligen Verweise auf die Literatur- und Filmgeschichte aus, auf die Trivialliteratur ebenso wie auf die großen Romane, auf die Zoologie wie auf die Geschichte. Dabei benutzt Pessl im Wesentlichen drei verschiedene Verfahren. Die erste Technik besteht darin, an den unpassendsten Stellen "wissenschaftliche" Vergleiche aufzustellen: "Dads Amouren hatten unterschiedliche Laufzeiten, meistens irgendwo zwischen der Brutzeit des Platypus (19-21 Tage) und der Tragzeit bei Eichhörnchen (24-45 Tage)" (S. 37/38). In einem zweiten Verfahren nennt Pessl konkret den Titel eines Buches: "Augenblicklich wurde das Esszimmer unerträglich bis zum Nägelkauen (siehe Show-down zur Mittagszeit in Sioux Falls: Ein Mohave Dan-Western, Lone Star Publishers, Bendley, 1992)" (S. 176). Die Angabe des Titels genügt, um sich den Inhalt des genannten Buches vorzustellen und dadurch die eigentliche Satzaussage um weitere Assoziationen zu ergänzen. Drittens schließlich wartet Pessl mit wörtlichen Zitaten auf, auch diese genau belegt. Zwar sind die Bezüge ohne Kenntnis der betroffenen Quelle nicht immer so eindeutig zu verstehen, aber originell ist dieses Verfahren allemal.

Je origineller jedoch die Sprache ist, umso mehr fällt auf, wie wenig diese Sprache zu den schlicht gestrickten Sorgen passen will, die die Ich-Erzählerin umtreiben, zu dem Umgang, den sie pflegt, zu den Handlungen, die sie vollzieht. Erzählerin und Protagonistin, die doch eigentlich eine Person sind, klaffen auseinander. Von diesem Vorwurf abgesehen ist Pessls Romandebüt jedoch als erfrischend anders zu bezeichnen, der dem Leser eine Menge literarischer Perlen bietet.

aw