NOVEMBER
2003

 
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LITERATUR


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Marcel Reich-Ranicki: Nur ein kleiner Ausschnitt aus "seinem Leben"

Marcel Reich-Ranicki
Mein Leben
Lesung auf 2 CDs, ca. 130min.
Hörverlag 1999
10 Euro

Vom ersten vorgelesenen Satz an sieht man Marcel Reich-Ranicki dank seiner charakteristischen Stimme vor sich, wie er wohl den meisten aus dem Fernsehen, aus dem literarischen Quartett, bekannt ist. Das leichte Lispeln, das gerollte "r", die kratzig, kippende Stimme, die typischen Betonungen verleihen seiner Vortragsweise ihren ganz eigenen Stil und erinnern uns bei jedem steigend betonten "aber" an den Zeigefinger, den er an solchen Stellen auf der schwarzen Ledercouch gestikulierend erhob, um seine Worte zu unterstreichen. So wirkt die Lesung aus dem autobiographischen Roman "Mein Leben" umso lebendiger.

1920 wurde Marcel Reich-Ranicki in Wloclawek in Polen geboren, wuchs aber seit 1929 in Berlin auf. 1938 wurden er und seine Familie, da sie Juden waren, verhaftet und nach Warschau deportiert. Im Ghetto lernte er seine Frau unter tragischen Umständen kennen und musste von seinen Eltern Abschied nehmen, in der Gewissheit, sie nie mehr zu sehen. Sie starben in den Gaskammern der Nazis. Neun Passagen aus seiner Autobiographie liest Reich-Ranicki auf dem Hörbuch. Dabei schildert er v.a. auf der zweiten CD solch erschütternde Ereignisse auf eine gewisse sachliche Art, so dass sie umso eindrücklicher wirken.

Im ersten Teil beschreibt er Episoden aus seiner Schulzeit, berichtet von dem Verhalten seiner Mitschüler und seiner Lehrer gegenüber den Juden, das er erstaunlicherweise zu dieser Zeit noch als relativ zurückhaltend erfahren hat. Noch war, zumindest in jenen etwas gehobeneren Kreisen, die Propaganda zu abstrakt, um gleich die jüdischen Mitschüler, von denen man abschrieb, mit denen man im Sportunterricht wie mit jedem anderen um die Wette lief, darin wiederzuerkennen. Außerdem erlebt der Hörer mit, wie der erst Zwölfjährige durch den Besuch des Schauspiels "Wilhelm Tell" seine Begeisterung für die Literatur entdeckt und trotz der einsetzenden Zensur nach der Bücherverbrennung 1933 aus Antiquariaten und zurückgelassenen Büchern von jüdischen Emigranten seine Sehnsucht nach der Literatur, begleitet von der Furcht nur in der Literatur zu leben, stillt.

Die Auszüge legen also deutlich einen Schwerpunkt auf die Jahre der Vorkriegs- und Kriegszeit. Dies ist zugleich ein Vor- und ein Nachteil. Natürlich ist es sehr schwer ein Buch von 576 Seiten und erst recht ein ganzes Leben auf zwei CDs zu bannen. So konnte also erst mit dieser Beschränkung ein einigermaßen geschlossenes Bild entstehen. Dennoch wäre auch hier ein etwas ausführlicherer Lebenslauf Reich-Ranickis im Booklet hilfreich gewesen, um teilweise auftretende Sprünge zwischen den ausgewählten Kapiteln besser nachvollziehen zu können. Kaum oder gar nicht berührt wird dafür der Dienst für das polnische Auswärtige Amt, die Zeit, in der Reich-Ranicki als Übersetzer und freier Autor versuchte in Polen deutsche Literatur zu vermitteln, seine Rückkehr in die BRD und sein Aufstieg zum "Literatur-Papst", wie er manchmal betitelt wird. Auch darüber hätten vielleicht etwas ausführlichere Begleitinformationen hinwegtrösten können. Wer also mehr über diese Periode erfahren möchte, der sollte sich eher an das Buch halten (eine preisgünstige Taschenbuchausgabe ist übrigens bei DTV erschienen).

So stellt das Hörbuch eine abgerundete Auswahl von Ausschnitten dar, lebt von der charismatischen Vortragsweise Reich-Ranickis und macht erst recht neugierig auf den späteren Werdegang zum Literaturkritiker. Auf diese Weise entspricht das Hörbuch der Formel, die Reich-Ranicki immer am Ende des Literarischen Quartetts sprach: "Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen".

bk