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LITERATUR


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Yasmina Reza: "Eine Verzweiflung"
Yasmina Reza
"Eine Verzweiflung"
Carl Hanser, 2001 (frz. Original 1999)

"Darf ich Ihnen meinen Sohn vorstellen, aus der Clique der geköpften Blumen. Es wäre mir lieber gewesen, du wärst ein Verbrecher oder ein Terrorist geworden, als ein Aktivist des Glücks."

In einem langen Monolog wendet sich ein alter Mann an seinen längst erwachsenen Sohn, der im Müßiggang durch die Welt reist. Genau dies kann der Alte aber weder verstehen noch ertragen: Glück ist für ihn kein Lebensziel, sondern ein Zeichen von Schwäche.

Ohne Verständnis für andere verurteilt der Alte mit viel Sarkasmus, was ihm nicht in den Kram paßt. Aber seine Härte bedeutet nicht, daß er deswegen weniger liebt. Nachdem er sich zum Beispiel abfällig über die Einrichtung eines Freundes geäußert hat, versucht er klarzumachen, "daß auf diese Weise von der Hässlichkeit von Renés Wohnzimmer zu reden ein Akt der Zärtlichkeit ist und daß es das Zeichen einer tiefen Zuneigung ist, die Hässlichkeit des Wohnzimmers der Fortunys für bemerkenswert, endgültig und großartig zu halten."

Tatsächlich ist seine Kompromißlosigkeit die einzige Möglichkeit, seinen Weltschmerz bewußt zu leben, statt sich in Gleichgültigkeit, Anpassung und Gelassenheit zu flüchten wie sein Sohn. "Das Leben aufrütteln" nennt er seine Weigerung, sich das Dasein bequem zu machen. Er liebt das Maßlose, das Bewußtsein für die Sinnlosigkeit des Lebens. Aus diesem Grund nimmt er es etwa auch seiner Frau übel, sich von einem selbstmordgefährdeten, melancholischen Wesen zu einer selbstbewußten und aktiven Powerfrau entwickelt zu haben. Ihre Vorwürfe lehnt er ab: "Bevor ich auf einer öffentlichen Bank ende mit meinen Freunden, den Verblödeten, laß mich, meine großzügige Freundin, Intoleranz, Auswahl und Ungerechtigkeit preisen." Vor seinem nahenden Tod hält er es nicht mehr für nötig, Rücksicht zu nehmen. Vor seinem nahenden Tod will er das Leben noch einmal aufrütteln.

Die Weltanschauung des Alten ist nicht leicht zu verstehen und vielleicht erst nach mehrmaligem Lesen wirklich nachzuvollziehen. Doch auch bei der ersten erstaunten Lektüre überzeugt das Buch durch seine erzählerische Kraft und seine Kompromißlosigkeit. Mitunter etwas abstrakt geratene philosophische Anschauungen wechseln sich ab mit äußerst witzigen, zugleich aber immer auch tragischen Anekdoten und Dialogen, die der Vater seinem Sohn berichtet. Eine Verzweiflung ist ein lesenswertes Buch allein aufgrund seiner Originalität.

Die französische Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Yasmina Reza machte bislang mit ihren Theaterstücken Furore. Nach dem internationalen Erfolg von Kunst wird momentan ihr neues Werk Drei Mal Leben auf deutschen Bühnen aufgeführt. Mit Eine Verzweiflung hat sie ihren ersten Roman vorgelegt.

aw