DEZEMBER
2002

 
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LITERATUR


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"Wut" - Salman Rushdie
Salman Rushdie
"Wut"
Kindler 2002
gebundene Ausgabe

Mit "Wut" (engl. Fury) legt der kosmopolitische Autor Salman Rushdie seinen siebten Roman vor. Schon für sein Erstlingswerk "Mitternachtskinder" erzielte der aus Indien stammende Schriftsteller viel Beachtung. Doch spätestens seit den Morddrohungen der Fahdwa aufgrund seiner "Satanischen Verse" erlangte er Weltruhm. Jeder kennt Rushdie als verfolgte Person, doch wenige kennen seine Bücher wirklich.

Als großer Erzählkünstler gelobt entwirft er vielfältige kulturhistorische Kontexte in epischer Breite. Für seinen Roman "Wut" geht Rushdie in die Gegenwart und wählt sich als Schauplatz die Welthauptstadt New York. Das Buch-Cover ist als starker Bezug zum 11.September zu verstehen - leider scheinen dabei aber vor allem Vermarktungsstrategien des Buchhandels dahinter zu stecken.

Die Wut gegen den etablierten westlichen Wohlstand, die man vereinfacht als Wurzel terroristischer Angriffe auf die westliche Zivilisation - seien es die World Trade Tower, Djerba oder Bali - ansehen kann, ist ein Grundmotiv, das Rushdie in diesem Roman aufzeichnet. So heißt es an einer Stelle: "Menschen in Indien, China und Afrika würden morden für die Waren, die in New York einfach auf der Straße angeboten werden."

Erstaunlich ist, dass Rushdies Bestandsaufnahme der US-Gesellschaft mit ihren vielen Ambivalenzen vor dem 11.September 2002 entstanden ist. Dieses Porträt reicht von der amerikanischen Selbstüberschätzung bis zu den Zeichen einer großen wirtschaftlichen Rezession angesichts des Platzens der hoffungsstarken "Internet-Blase". Bei aller Kritik macht das Buch aber auch Rushdies Liebe zu New York deutlich, die er in einem Interview mit Thomas Hüetlin vom Spiegel (13/2002) wie folgt beschreibt: "Ich war stets begeistert vom Charakter der Stadt, die erst einmal jedem, der sie betritt, einen Neuanfang verspricht. Diese Verheißung Amerikas, dass der Einzelne sich noch einmal erfinden kann, funktioniert hier noch... New York ist eine Stadt der Identitätssuchenden und Immigranten. Ich habe mich hier stets zu Hause gefühlt."

"Wut" erzählt die Geschichte des Professors Malik Solanka, in England aufgewachsener Inder, der in einer Art Midlife-Krise in die neue Welt flieht und seiner Vergangenheit doch nicht entrinnt. Auch dieser Roman Rushdies scheint stark autobiografische Züge aufzuweisen. Wie sein Protagonist Malik Solanka ist Rushdie in den vergangen Jahren aus seinem abgeschirmten englischen Exil in die Weltmetropole New York gegangen. Man sieht in dem 55jährigen skurrilen Professor geradezu Rushdie selbst. Und auch seine indische Lebensgefährtin Padma Lakshmi, der das Buch gewidmet ist, spiegelt sich in der Figur der Neela wieder.

Verstört findet Solanka sich selbst eines Nachts wie Othello mit einem Messer vor dem Bett seiner Frau und merkt, dass er sein Leben ändern muss. Rushdie / Solanka interpretiert Desdemona als Oscar-Barbie-Figur, als Statussymbol für Othello, der die Anerkennung der "weißen" / westlichen Welt sucht. Solanka verlässt daraufhin London und damit seine Familie und geht nach Amerika. Der Roman nimmt seinen Lauf...

Wut ist das, was mir letztlich nach dem Lesen dieses Buches zurückbleibt. Rushdie verstrickt sich gar nicht meisterlich wie sein Marionettenkönig, der Erfinder diverser Puppen, in die Fäden seiner Geschichte und erzeugt verwirrende Handlungsfäden. Solanka tapst durch New York, die bizarre Geschichte eines Serienkillers dient als Parabel der Gewalt. Die Gedanken des Intellektuellen Solanka sind zugleich das Sprachrohr für Rushdies Kritik an der amerikanischen Gesellschaft. Ich frage mich, ob er diese guten Gedanken nicht besser in einem Essay als in einem nebulösen Roman hätte ausdrücken können. Auch die Aufklärung der bizarren Serienmorde an jungen Frauen ist kein ausreichender Spannungsbogen für Lesemotivation. Soviel Vorschußlorbeeren erzeugen manchmal zu hohe Erwartungen.

um