JANUAR
2007

 
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LITERATUR


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Said: "Das Rot lächelt, das Blau schweigt"

Said
"Das Rot lächelt, das Blau schweigt.
Geschichten über Bilder"
Beck Verlag 2006

"Das Rot lächelt, das Blau schweigt" ist ein Buch zum Lesen und Schauen. Anders als vom Untertitel behauptet, schreibt Said* eigentlich keine Geschichten über Bilder - er schreibt Geschichten zu Bildern. Jeweils auf der rechten Seite ist ein Kunstwerk abgebildet, von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert, ohne chronologische Ordnung. Auf der linken Seite schreibt Said dazu einen Text - Prosa-Gedichte, Gedanken, Monologe.

Wenn ein Dichter über Kunst schreibt, beschreibt er oft das Verhältnis des Betrachters zum Bild, spürt also der Wirkung des Bildes nach. Said hingegen schließt die Betrachterebene aus und findet zwei andere Zugangswege. Das Ich dominiert, doch ist es nicht das des Betrachters. Entweder, er taucht direkt in das Bild ein und schreibt über das dargestellte Motiv, beschreibt es dabei nicht, sondern geht lediglich von ihm aus. Die Perspektive ist meist die der abgebildeten Figuren, manchmal die eines Dritten, nicht Dargestellten, der jedoch Teil der Bildwelt ist. Oder er widmet sich der Entstehungsgeschichte des Bildes, beschreibt das Verhältnis zwischen Modell und Maler aus der Perspektive des einen oder des anderen. Das Bild - oder vielmehr die Bildwelt - existiert auf diese Weise unabhängig vom Betrachter, und das, obwohl es paradoxerweise erst vom Betrachter zum Sprechen gebracht wird.

Die Mischung der Bildformen von der religiösen Malerei über Genrebilder bis hin zur abstrakten Kunst führt zu ganz unterschiedlichen Texten. Wiederholt wird jedoch das Motiv des erotischen Verhältnisses zwischen Maler und Modell. Caravaggios "Maria Magdalena in Ekstase" zum Beispiel ist bei Said eine Prostituierte, die vom Maler auf der Straße aufgelesen wird und als Modell durch sexuelle Erregung den richtigen Gesichtsausdruck findet. Es kommt, wie es kommen muss: "ich wurde seine geliebte, ich habe ihn geliebt, stürmisch und stumm. bis ich ihm langweilig wurde. dann warf er mich weg." Besonders einfallsreich ist das nicht. Es sind oft sexuelle Obsessionen, die Said in die Bilder hineinliest, und das wirkt manchmal etwas zu bemüht und auch platt.

Davon abgesehen sind die meisten Texte jedoch gelungen, so wie der zu Magrittes "Der Zauberer (Selbstporträt mit vier Händen)": "kein zauberer, nur ich; und ich brauche noch mehr hände / zum malen, zum lieben, zum denken, zum lügen." Said vermag sogar abstrakte Bilder zum Sprechen zu bringen. Zu Paul Klees "Revolution des Viaductes" schreibt er: "geduld ist die erste arkadenpflicht. und wir haben sehr viel geduld gezeigt. doch irgendwann verträgt das wasser keine geduld mehr, es widerspricht dem licht und wird bracke." In diesem Fall schafft Said etwas Neues, und der Text vermag neben dem Bild zu bestehen. Die Qualität der Texte ist also unterschiedlich, je nachdem, ob Said das allzu Naheliegende wählt, oder ob er dem Bild etwas hinzuzufügen vermag. Dies gelingt ihm manchmal so gut, dass man sich bestimmte Textstellen am liebsten rahmen und an die Wand hängen würde. So heißt es zu Monets "Pappeln im Wind": "was wollen diese pappeln von mir? (...) ich schaue dann hin, bis meine augen, in der art alter gobelins, mit den zweigen verwoben sind." Das ist großartig.

Auch wer nicht gerne Gedichte liest, wird mit Saids Texten keine Probleme haben: erstens, weil sie trotz ihrer Poesie nie ins allzu Poetische abgleiten, sondern gut lesbar bleiben, zweitens, weil sie durch das anschauliche Hin und Her zwischen Bild und Text nicht langweilig werden, und einem bei jedem Umblättern etwas Neues erwartet.

aw

* Said, der 1947 in Teheran geboren wurde und seit Mitte der Sechziger in München lebt, nennt sich eigentlich "SAID". Aber wer sich beim Verfassen seiner Texte weigert, die Shift-Taste zu benutzen, den sollte man auch nicht darin unterstützen, den eigenen Namen durch erzwungene Großschreibung hervorzutun.