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2006

 
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LITERATUR


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Eric-Emmanuel Schmitt: Von Diderot bis Mozart

Eric-Emmanuel Schmitt
"Mein Leben mit Mozart"
Ammann 2005

Französische Ausgabe:
"Ma vie avec Mozart"
Albin Michel 2005


Spätestens seit "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" ist Eric-Emmanuel Schmitt auch hierzulande kein Geheimtipp mehr. Die Werke des bedeutenden Theaterautors und wohl eines der meistgelesenen zeitgenössischen französischen Schriftsteller sind längst in viele Sprachen übersetzt erhältlich. So auch sein jüngstes Werk "Mein Leben mit Mozart", pünktlich zum Mozartjahr erschienen.

Momo, der jüdische Junge, der sich mit dem arabischen Lebensmittelhändler Monsieur Ibrahim anfreundet, und der kleine Oscar, der während seiner unheilbaren Leukämiekrankheit von der Dame in Rosa den Glauben an Gott nähergebracht bekommt, haben auch der deutschen Leserschaft einen kindlichen Blick auf grundlegende Fragen zu Glauben und Religion erlaubt. Weniger bekannt scheinen hier Joseph, ein jüdischer Junge, der sich in "Das Kind von Noah" während des zweiten Weltkriegs in einem katholischen Pensionat verstecken muss, und Milarepa, der in dem gleichnamigen Buch den Buddhismus repräsentiert. Nichtsdestotrotz gehören alle vier zum "Cycle de l'Invisible" ("Zyklus des Unsichtbaren"), einer Reihe von vier kürzeren Erzählungen, die sich mit den Religionen des Buddhismus, des Islams, des Judentums und des Christentums auseinandersetzen. So wie auch viele andere der Werke Schmitts, der über Diderot promoviert hat und Philosophie an der Universität lehrte, essentielle Fragen zu Religion, Glaube und Philosophie stellen.

Der schriftstellerische Weg begann allerdings mit Theaterstücken. Das erste Stück "La nuit des Valognes" bereitete schon 1991 den eigentlichen Durchbruch mit "Der Besucher" (1993), einem Zusammentreffen zwischen Freud und Gott, vor. Seitdem schreibt Schmitt äußerst erfolgreiche Theaterstücke, die weltweit inszeniert, mit erstklassigen Schauspielern besetzt und zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden (u. a. Grand Prix du théâtre der Académie Française für sein gesamtes Theaterwerk). Aber seit 1995 publiziert er u. a. mit "Die Schule der Egoisten", einem philosophischen Gedankenspiel und Spurensuche, oder "La part de l'autre", einer hypothetischen Entwicklung eines möglichen anderen Lebenswegs Hitlers, ebenso erfolgreich Romane und Erzählungen. Erfolgreich bei der Kritik, wie auch beim Publikum. In Frankreich wurde er deshalb schon etwas abwertend als "intello populaire" ("volkstümlicher Intellektueller") bezeichnet. Aber eigentlich ist gerade dies seine Stärke und sein Verdienst, das schwierige Kunststück vollbracht zu haben, philosophische und den Glauben betreffende Themen in einer schlichten und zugänglichen Weise anzugehen und sie v. a. mit Oscar und seinen "Brüdern" beseelt aber nicht rührselig zu veranschaulichen.

Letzteres scheint aber in seinem jüngsten Werk etwas weniger gut gelungen. "Mein Leben mit Mozart", das im Oktober letzten Jahres erschienen ist, schildert in Briefen an den Komponisten Schmitts persönliche Beziehung zu den Werken Mozarts. Ergänzt wird das Buch durch eine beigefügte CD mit den jeweils angesprochenen Stücken. Leider schwebt von vornherein über dem Ganzen, pünktlich veröffentlicht zum Mozartjahr, der Verdacht genauso strategisch plaziert worden zu sein, wie z. B. die Mozartwurst in Geigenform, die derzeit in Salzburg zum Jubelfeste des Genies fröhlich vermarktet wird. Allerdings wäre Schmitt damit wohl wirklich unrecht getan, da sein starkes Interesse an Musik nicht erst zu Mozarts Geburtstag auftaucht: Bereits als Kind spielte er Klavier und beabsichtigte zunächst sogar Komponist zu werden. Auch hat er das Libretto zu "Die Hochzeit des Figaro" ins Französische übertragen bzw. im Französischen überarbeitet. Dennoch ist die löbliche Absicht, dem Publikum klassische Musik über ein sehr persönliches Buch nahezubringen etwas zu pathetisch und teilweise zu pädagogisch ausgefallen. In der Eloge an Mozart reiht sich eine gefühlsselige Metapher an die andere, eine bedeutungsschwangere Passage an die nächste. Gerade die Leichtigkeit und Natürlichkeit der anderen Werke, die dennoch philosophisch und tiefgründig sind, fehlt diesem. Vielleicht steckt also etwas wahres in einer der Feststellungen des Buchs, dass gewisse Dinge besser durch die Musik als durch die Worte eines Schriftstellers ausgedrückt werden können: "Certains mystères ne se laissent pas fouiller par les mots" (S. 140; "Einige Geheimnisse lassen sich nicht mit Worten ergründen"). Deshalb sollte man sich auch besser Mozarts Musik direkt anhören und eines der anderen Bücher Schmitts lesen.

bk