NOVEMBER
2002

 
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LITERATUR


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Kressmann Taylor: "Adressat unbekannt"
Kressmann Taylor
"Adressat unbekannt"
Rowohlt, 2002

In einem fiktiven Briefwechsel zwischen dem amerikanischen Juden Max Eisenstein und dem Deutschen Martin Schulse führt Kressmann Taylor eindringlich das zersetzende Gift nationalistischer und rassistischer Ressentiments vor.

Der Amerikaner Max Eisenstein und der Deutsche Martin Schulse führen gemeinsam in San Francisco eine Galerie, bis Martin 1932 nach Deutschland zurückkehrt und eine Stellung bei der Deutsch-Völkischen Bank und Handelsgesellschaft annimmt. Max und Martin tauschen ironisch-freundschaftliche Briefe aus - plaudern über gemeinsame Erinnerungen, über die Zukunft der Galerie und über das Leben in den Vereinigten Staaten und in Deutschland.

Im Frühjahr 1933 schreibt Martin über die aus seiner Sicht positiven Auswirkungen von Hitlers Machtübernahme. Max äußert sich beunruhigt über die politischen Entwicklungen und macht sich Sorgen um seine in Deutschland lebende Schwester. Die Antwort ist schockierend: der sonst so liberale und weltoffene Martin übernimmt antisemitische Hetzparolen und bricht den Kontakt zu seinem jüdischen Freund ab, befürchtet er doch berufliche Nachteile durch den Briefwechsel.

Als Max' Schwester durch Martins Mitschuld zu Tode kommt, entwickelt Max einen perfiden Racheplan - er nimmt die Korrespondenz wieder auf, wohl wissend, daß sie zensiert wird. Max schreibt Martin kryptische Nachrichten, die auf Untergrundaktivitäten hinweisen. Der letzte Brief vom 3. März 1934 kommt nach San Francisco zurück - mit dem Stempel "Adressat unbekannt".

Die New Yorker Werbetexterin Kathrine Kressmann Taylor, die als Autorin nur unter ihrem Nachnamen auftrat, verfaßte ausgehend von realen Briefen die Korrespondenz zwischen Max Eisenstein und Martin Schulse. Der fiktive Briefwechsel wurde 1938 im "Story Magazine" veröffentlicht. Wegen der enormen Resonanz folgten ein Nachdruck in "Reader's Digest" und eine Buchausgabe. Kressmann Taylor führte mit erstaunlicher Weitsicht vor, wie sich nationalistische und rassistische Ressentiments einschleichen und festsetzen, wie bloße Mitläufer und Opportunisten zu Tätern werden, wie einfach und wie effizient Rache sein kann. "Adressat unbekannt" ist ein Buch, das schreit und weint - aber dennoch blieb seine Stimme ungehört. Daß das Buch nach über sechzig Jahren wiederentdeckt wurde - wiederentdeckt werden mußte, ist tragisch.

vh