OKTOBER
2002

 
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LITERATUR


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Irvin D. Yalom: "Und Nietzsche weinte"
 

Irvin D. Yalom konstruiert in seinem Roman „Und Nietzsche weinte“ eine Begegnung zwischen Friedrich Nietzsche, dem Wiener Arzt Josef Breuer und Sigmund Freud, die niemals stattgefunden hat, um daran ein wenig Medizingeschichte, viel mehr Geschichte der Psychoanalyse und hauptsächlich die Philosophie Nietzsches vorzustellen.

Wenngleich die deutsche Übersetzung fürchterlich ist, wirkt „Und Nietzsche weinte“ gut geschrieben, von jemandem, der weiß, wovon er spricht, und so liest es sich auch: Bequem, rasch, leicht verdaulich. Eher beiläufig werden hier zentrale Themen aus Nietzsches Werken ebenso abgehandelt wie die Geburtsstunde der Psychoanalyse. Das ist spannend, informativ und nicht zuletzt auch unterhaltsam.

Das Problem, von welchem sich das Buch jedoch nicht lösen läßt, ist die übertriebene Fiktion. Die wichtigsten Figuren haben (neben vielen anderen) wirklich gelebt und jede für sich viel geleistet; von den Männern sind sich jedoch nur Freud und Breuer begegnet. Yalom spinnt eine interessante, eher untypische „Was-wäre-gewesen-wenn-Geschichte“, indem er nicht nur Nietzsche, sondern auch noch die beiden Frauen Lou Salomé und Bertha Pappenheim einbaut – erstere tatsächlich befreundet mit Rilke, Nietzsche und Freud, letztere tatsächlich eine Patientin Breuers und später eine Wegbereiterin der Frauenemanzipation.

Lou Salomé spielt gleichsam den Anstoß, Bertha Pappenheim die Ursache, Breuer den Katalysator und Nietzsche und Freud die Hebammen für die Entdeckung und Entwicklung der Psychoanalyse. In der Fiktion sind sich die drei Männer gegenseitig quasi Grundlage für ihre Forschungen, mehr oder weniger unfreiwillig treibt einer den anderen voran. Um andererseits die Geschichte voranzutreiben, mischt der Autor verwirrenderweise auch noch Zitate aus echten mit fiktiven Briefen, versucht aber gleichzeitig, größtmögliche Wirklichkeitsnähe zu behalten. Das alles ist nicht schlecht inszeniert, aber es mag und mag der Anschein nicht schwinden, als hätte sich Yalom bereits an einer Geschichte mit nur einem einzigen dieser schwergewichtigen Charaktere gründlich verhoben.

Wäre der Stoff dafür nicht zu heftig, würde sich das Buch vielleicht noch für eine Empfehlung in den Teenager-Ablegern großer Frauenzeitschriften eignen. Wer sich ernsthaft für die Thematik interessiert, wird sich wohl eher mit anspruchsvollerer Literatur dazu beschäftigen. Wer sich nicht dafür interessiert, der wird auch dieses Buch links liegen lassen. Unglücklich hängt es zwischen lauter Extremen – entweder ist man daran interessiert oder nicht, entweder ist es einem zu hoch oder zu seicht, entweder ist man dafür zu jung oder zu alt – aber dazwischen gibt es nichts. Und so steht man ziemlich ratlos vor diesem schon beachtlichen Werk und weiß nicht recht, wohin damit.

mp