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"All about my father" - norwegischer Dokumentarfilm gewinnt einen Teddy auf der Berlinale
Even Benestad
N 2001

Esben Benestad lebt als Arzt im kleinen norwegischen Grimstad, ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und ist 52 Jahre alt. Er ist ein nachdenklicher Mann, der wenig Wert auf Äußeres legt. Sein Sohn Even ist Filmemacher und präsentierte seinen ersten Film kürzlich in der Sektion Panorama auf den Berliner Filmfestspielen.

Esther Pirelli ist eine flotte Frau, die auch in Grimstad lebt. Auch sie hat zwei Kinder und ist verheiratet. Im Gegensatz zu Esben Benestad legt sie sehr viel Wert auf ihre äußere, damenhafte Erscheinung.

Der Filmemacher Even Benestad ist auch ihr Sohn – und das ist der Konflikt, um den sich dieser norwegische Dokumentarfilm dreht: Esben Benestad und Esther Pirelli sind eine Person. Schon von früher Jugend an merkte Esben Benestad seinen ausgeprägten Wunsch, in Frauenkleider zu schlüpfen. Seine erste Ehe, aus der beide Kinder stammen, zerbricht schmerzlich an seinem zunehmenden Hang zur Travestie. In den Interviews werden die Schwierigkeiten der ersten Ehefrau und der Tochter deutlich, mit dieser Neigung umzugehen. Auch Even Benestad tut sich schwer, seinen Vater in beiden Rollen zu akzeptieren. Doch Esben/Esther möchte auch in seiner Doppelrolle gern der sein, der er ist, eine Frau, in einem Männerkörper, der gleichzeitig Vater und Ehemann bleiben will. Er empfindet sich als bi-gender, zweigeschlechtlich.
Seine zweite Frau Elsa, eine Psychologin, kann mit dieser Ambiguität weitaus besser umgehen und besticht in dem Film mit ihren klaren Aussagen. Doch auch sie sieht die Gefahr, dass Esther über Esben Überhand gewinnt und sie die geliebten männlichen Anteile von Esben zunehmend missen muss.

Als Even Benestad 18 Jahre alt war, hat er seinen Vater gebeten, mit einem Dokumentarfilm über seine Lebenssituation zu warten. Nun – 8 Jahre später – ist es soweit. Dem jungen norwegischen Filmemacher ist ein intensives Werk gelungen, dass durch seine subjektive Nähe zur zentralen (Vater-)Figur besticht. Alte Familienaufnahmen werden mit Interview-Szenen von Vater, Mutter, Tochter, zweiter Frau und dem Sohn gemischt. Der Film führt uns die zunehmende Entfaltung Esther Pirellis im Zuge ihres wachsenden Selbstbewusstseins darüber vor Augen. Esben/Esther glaubt an seine/ihre Mission aufzuzeigen, dass es solche gemischten Identitäten gibt. Elsa unterstützt ihn bei dieser Öffentlichkeitsarbeit. So traten Esben/Estther, Elsa und Even Benestad mit ihrem Produzenten auch auf der Berlinale auf und standen dem Publikum Rede und Antwort. Esben /Esther bezeichnete das Werk seines/ihres Sohnes als teure, öffentliche gemachte Familientherapie, die den Sohn und ihn/sie einander näher gebracht haben.

Es freute mich persönlich sehr, auf der Teddygala am 16.Februar, der Verleihung des schwul-lesbischen Filmpreises der Berliner Filmfestspiele zu erleben, dass All About My Father als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Die Berlinale machte sich schon seit Jahren um schwul/lesbische Filme verdient. Dieser Schwerpunkt erweitert sich nun zu „Queer“-Filmen, darunter sind Filme unterschiedlichster Geschlechter-Identitäten zu verstehen. Mit dem Teddy als bester Dokumentarfilm kommt All About My Father vielleicht auch in die Kinos – wünschenswert ist das.

Infos über den Film gibt es im Internet unter www.allaboutmyfather.com.

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