JUNI
2002

 
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Berlin, Berlin - Gegenkritik


Dieser Artikel bezieht sich auf
Berlin, Berlin,
eine im April auf CERYX erschienene Kritik

Charlotta, genannt Lolle, ist ein junges Mädchen, das gerade das Abi in der Tasche hat. Außerdem hat sie eine Idee, was sie mit der neugewonnenen Freiheit anfangen soll: Was sie über alles liebt und kann ist Zeichnen, und das möchte sie auch machen und nicht das von ihrer Mutter arrangierte blöde Zeitungspraktikum.

Lolle weiß, was ihr liegt und sie weiß, was sie nicht will. Das ist schon um einiges zielstrebiger und mehr als mancher von uns nach dem Abi weiß. Doch wie das Schicksal so seinen Lauf nimmt, macht Lolles Freund Tom unerwartet per Brief Schluss und Lolle beschließt, ihre neugewonnene Freiheit auszunutzen und ihm nach Berlin nachzureisen. Unterschlupf findet sie bei ihrem Cousin Sven – der in einer für Großstädte so typischen großen Altbauwohnung lebt. Praktischerweise sucht er gerade Untermieter, da seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn ausgezogen ist. Lolles Zufallsbekanntschaft, die fetzige lesbische Schauspielerin Rosalie, wird auch noch in die WG aufgenommen – fertig ist die Berliner Mischung.

Der heimatlichen Kleinstadt entwischt und noch ohne genaue Vorstellungen, wie lange sie in Berlin bleiben will, arbeitet Lolle erst als Kellnerin und Küchenhilfe in einem vietnamesischen Imbiss und wechselt dann in das Restaurant „Jaffa“, wo sie sich prompt in ihren Chef Moshe verliebt und er sich in sie. Es beginnt eine zärtliche Liebesbeziehung. Moshe ist aber mit Sarah verheiratet – und Lolle folglich in einer emotionalen Krise. Dass die beiden jüdischen Figuren in der Serie Moshe und Sarah heißen, ist nicht weiter verwunderlich, denn welcher Abendfernsehgucker, der Unterhaltung sucht, würde den Juden z.B. „Benni“ und „Uschi“ abnehmen? Es gibt in der Literatur nun mal einige prototypische Namen, die für sich sprechen und die lange Erklärungen überflüssig machen; nehme man nur Eichendorff, Kafka oder Brecht. Diese Autoren benutzen in ihren meisten Erzählungen und Romanen der Symbolkraft halber „vorbelastete“ Namen. Dass man in einer Vorabendprogrammserie nicht von tiefsinnigen Symbolnamen sprechen kann, ist selbstverständlich, aber warum sollte der Serienschreiber sich nicht auch in diese Tradition begeben, um es dem Zuschauer aus der letzten Bank verständlich zu machen? Reine Tiefenpsychologie!

Natürlich arbeitet „Berlin, Berlin“ auch mit Klischees - welche Serie macht das nicht? Man muss sich einfach vor Augen halten, was man von einer Vorabendserie erwarten kann – natürlich keine tiefgründige Studie über z. B. das Phänomen „Generation Berlin“. Dafür ist so etwas denkbar ungeeignet. Unterhaltung, schöne und lustige Geschichten will man sehen, was für's Herz, was für die Lachmuskeln; daraufhin sind Seifenopern nun mal angelegt. Doch „Berlin Berlin“ ist im Gegensatz zu „Verbotene Liebe“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und wie sie alle heißen mögen wenigstens mit guten Schauspielern ausgestattet, deren Typen wirklich gut und treffend ausgesucht wurden. Das A und O bei so einer Serie ist nämlich, dass der Zuschauer die Figuren sympathisch findet und sich mit ihnen in gewisser Weise identifiziert. Und das ist bei Lolle&Co. wirklich gelungen und wird nie langweilig, da die Stories pfiffig (natürlich mit dem einen oder anderen Klischee, warum auch nicht?), rasant und lustig erzählt werden. Was bei „Berlin Berlin“ besticht, ist, dass sich die Serie selbst nicht so ernst nimmt, was sie erfrischend von den pseudo-lebensechten Soaps abhebt!

Daher sind auch Zeitsprünge nicht so ernst zu nehmen. Wer will denn sehen, wie Lolle ihr restliches Hab und Gut aus der Heimatstadt nach Berlin holt oder geschickt bekommt oder kauft oder was auch immer. Das, was in „Marienhof“ bis ins langweiligste Detail genau gezeigt wird - wie Familie Maldini aufsteht, sich die Zähne putzt, frühstückt usw. - wird in „Berlin Berlin“ übersprungen, da es einschaltquotenschädlich ist. Natürlich gibt es auch mal eine Folge, die nicht so gelungen ist – je nach Geschmack des Zuschauers! Aber jedem unterläuft mal so ein Fehler, den großen Autoren, Schriftstellern, Regisseuren. Das ist alles verzeihlich. Ein wirklich origineller Einfall sind die Comicsequenzen, mit denen Lolles Gefühlsleben dargestellt wird. Aber auch an diesen scheiden sich die Gemüter; manch einer empfindet es als störend, manch einer als treffender als alles Gesagte. Ähnliche Animationen gibt es wohl auch z. B. in „Ally McBeal“, worüber man sicher einiges schreiben könnte, wenn man die Kraft aufbringen könnte, sich so eine Serie mal durchgängig anzuschauen. Wer wirklich einmal eine schlechte Serie mit schlechten, hässlichen Darstellern, surrealen und an den Haaren herbeigezogenen Stories (würden sie doch nur mit Klischees arbeiten!!!) und abartiger Aufmachung sehen will, ist hier am richtigen Platz.

Eine Serie über den Massenexodus der gelangweilten Provinzjugend nach Berlin wäre auch durchaus interessant gewesen. Gehört jedoch in ein anderes Genre! Eine Analyse des gesellschaftlichen Phänomens der „Generation Berlin“, also ein Psychogramm der jungen Leute, die mit vagen künstlerischen Ambitionen, unklaren Vorstellungen und großen Illusionen in die Hauptstadt kommen, ist in so einer Serie falsch aufgehoben und hätte auch keinen überwältigenden Erfolg gehabt. Dergleichen gehört in eine ganz andere Sparte: Sicher könnte man eine Doku drehen über all die gescheiterten Existenzen, die aus der Provinz nach Berlin kamen. Man sollte eben seine Erwartungen auf eine Vorabendserie nicht zu hoch schrauben. Eine genaue Studie über die Stadt Berlin oder insbesondere über die Universitätsstadt Berlin ist es natürlich nicht – war aber auch nie dafür konzipiert!

Man hätte für die Serie jede x-beliebige Großstadt nehmen können. Doch Lolle zeigt ja gerade nicht das typische Mädel, das nach dem Abi in der nächstgelegenen Großstadt Französisch und Englisch studiert, sondern eine Ausreißerin – was die Stories so interessant macht und womit man sich als junger Mensch leicht identifiziert – mal was anderes machen als vorgesehen! Und man sollte die Meinung „Die macht ja nix G'scheits nach der Schule, so etwas ruchloses“ als typisch deutsch ansehen. Denn bitte, so ein Denken hat in einer Serie nichts zu suchen. Die große Frage ist also: Was erwartet man von einer Serie? In puncto Unterhaltungsserie hat „Berlin Berlin“ eine dicke Eins verdient. Wer weiß denn so genau, ob es da nicht wirklich jemanden gibt, der in einer Dreier-WG mit seinem Cousin wohnt, die Hochs und Tiefs des jugendlichen Lebens durchmacht, den ersten One-Night-Stand und die erste ernste Liebe erlebt, sich und seine Wünsche, Erwartungen und Ziele entdeckt und einfach mal lebt?

sn