JANUAR
2002

 
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Stephen Bogart: "Mein Vater Humphrey Bogart"
Stephen Bogart
"Mein Vater Humphrey Bogart"
Econ 1995

Zum 45. Todestag von Humphrey Bogart


siehe auch:
Tote schlafen fest
African Queen

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Es ist immer schwer, erwachsen zu werden, sich von den Eltern loszulösen. Wie schwer muß es erst sein, wenn der Vater starb, als der Sohn acht Jahre alt war und in dessen Erinnerung nur noch geisterhaft präsent ist? - Wenn dieser tote Vater aber im kollektiven Gedächtnis einer Nation, ja der ganzen Welt, um so lebendiger ist? - Wenn dieser Vater Humphrey Bogart war?

Stephen Bogart mußte nicht nur den frühen Verlust verarbeiten - er mußte sich mit seinem charismatischen Vater vergleichen lassen und die Bogart-Imitation jeder Zufallsbekanntschaft ertragen. Mit "Mein Vater Humphrey Bogart" begab er sich auf die Suche nach dem geliebten Phantom - auf die Suche nach dem Mann, über den er, der Sohn, weniger weiß als mancher Fan. Stephen Bogart kramte in Familienfotos, sah sich private Filmaufnahmen an, sprach mit Freunden seines Vaters - wie mit der Schauspielerin Katharine Hepburn oder mit seinem Agenten Sam Jaffe - und mit seiner Mutter Lauren Bacall. Wieder und wieder sah er sich die alten Filme an, die heute Klassiker sind. Stephen Bogart zeichnet den Lebenslauf seines Vaters nach und schildert immer wieder auch nebelhafte Kindheitserinnerungen.

Humphrey DeForest Bogart wurde am 24. Dezember 1899 in New York geboren. Sein Vater war Chirurg, seine Mutter Illustratorin - was ihm zu frühem Ruhm als Werbebaby für die Firma Mellins Food verhalf. Bogart liebte seinen schwachen, sanften Vater und haßte seine dominante, hartherzige Mutter - eine ähnliche Konstellation wie bei Ernest Hemingway. Humphreys Schwester Kay - ein Model bei Bergdorf-Goodman - trank sich zu Tode, seine Schwester Pat mußte ihr Leben lang wegen manisch-depressiver Anfälle psychiatrisch behandelt werden.

Humphrey Bogart war ein fauler, rebellischer Schüler. Die angesehene Phillips Academy in Andover, Massachusetts - wo er sich auf ein Medizinstudium vorbereiten sollte - verließ er 1918 ohne Abschluß und meldete sich freiwillig zur Kriegsmarine. Er kam jedoch nicht mehr zum Fronteinsatz, kehrte nach New York zurück, versuchte sich in verschiedenen Jobs und landete schließlich mit Hilfe des Vaters eines Freundes beim Theater. Bogart spielte jugendliche Liebhaber am Broadway. Als der Tonfilm aufkam, wurden in Hollywood Bühnenschauspieler gesucht. Viele der alten Stummfilmstars wurden ausgemustert, weil sie wegen ausländischer Akzente, Sprachfehlern oder unangenehmer Stimmen für das neue Medium nicht mehr zu gebrauchen waren. Bogart versuchte sein Glück. Seine tiefe Stimme - von seinen stetigen Begleitern Scotch und Chesterfields gefärbt - war sein Trumpf. Er fand schnell Engagements - allerdings in eher unbedeutenden Filmen. Desillusioniert kehrte er nach New York zurück.

Bogart schlug sich mit kleinen Bühnenrollen und als professioneller Schachspieler durch - bis ihm 1935 die Rolle des Duke Mantee in "Der versteinerte Wald" angeboten wurde. Bogarts Psychogramm des Gangsters in der Broadwayinszenierung wurde ein furioser Erfolg. Sein Bühnenpartner Leslie Howard bestand auch bei der Verfilmung auf Bogart als Duke Mantee. Bogart siedelte endgültig nach Hollywood über. Nach dem großen Erfolg von "Der versteinerte Wald" wurde er in die Schublade der Gangster-Darsteller gesteckt. Ihm wurden meist nur stereotype Rolle angeboten, die Muni oder Raft abgelehnt hatten. Die Figuren, die er spielen mußte, bekamen nie das Mädchen aber fast immer eine Ladung Kugeln in den Bauch. Bogart kultivierte auch der Presse gegenüber das Image des "tough guy".

Die Klatschspalten füllte auch Bogarts dritte Ehe mit der Schauspielerin Mayo Methot - er hatte sie 1938 nach zwei kürzeren Ehen mit den Schauspielerinnen Helen Menken und Mary Philips geheiratet. Bogart und Mayo waren bald als "the battling Bogarts" bekannt: sie betranken sich ständig - Mayo trank für gewöhnlich mehr - , stritten sich, fingen Schlägereien in Bars an, zertrümmerten Hotelzimmer, ... Gloria Stuart verteidigte aber den Gentleman Bogart und erklärte, er habe immer nur zurück geschlagen. Mayo war krankhaft eifersüchtig und gewalttätig. Sie versuchte, den überzeugten Demokraten Bogart wegen seiner Sympathie für Franklin D. Roosevelt mit einem Küchenmesser zu erstechen. Sie traf ihn allerdings nur in die Schulter. Mehrmals drohte sie an, ihn zu erschießen.

Bogart stürzte sich in die Arbeit. Es war wieder die Rolle eines Gangsters, die ihm Erfolg brachte: Roy Earle in "Entscheidung in der Sierra". Der "tough guy" durfte dieses Mal Gefühle zeigen - und wies damit schon Züge des ikonenhafen "Bogartian Man" auf. Deutlicher wird die Stilisierung des einsamen Helden, des Großstadtwolfs, des Existentialisten vor seiner Zeit, in "Die Spur des Falken". Bogart spielt einen integren Zyniker - eine Rolle, die dem wirklichen Bogart sehr nahe kam - , der moralisch ist, aber nicht nach konventionellen, gesetzeskonformen Standards, sondern nach seinen eigenen. Unter der Regie seines Freundes John Huston gelangen Bogart Höchstleistungen - wie später auch in "Key Largo", "Der Schatz der Sierra Madre" und "African Queen", wofür er 1957 den einzigen Oscar seiner Karriere erhielt.

Romantischere Züge bekam der "Bogartian Man" 1942, als Bogart den Barbesitzer Rick Blaine in "Casablanca" spielte. Bogart behauptete aber, jeder hätte romantisch gewirkt, wenn er von Ingrid Bergman so angesehen wurde. "In Haben und Nichthaben", einer Hemingway-Verfilmung, wurde Harry Morgan nach dem Vorbild des Rick Blaine gestaltet. Bogarts Partnerin war eine schöne 19jährige Schauspielerin aus New York: Lauren Bacall. Sie war 25 Jahre jünger und ein paar Zentimeter größer als Bogart. Er trennte sich von der rasenden Mayo und heiratete die junge Kollegin. Es entstanden kurz nacheinander "Tote schlafen fest", "Das unbekannte Gesicht" und "Key Largo". Bogart und Bacall bildeten das glamouröseste Paar Hollywoods - ein Paar ohne Skandale - ein Paar mit zwei Kindern, Stephen und Leslie, und einem ganzen Rudel Hunde.

Von Kindererziehung hatte Bogart wenig Ahnung. Stephen Bogart überliefert die Anekdote, als Bogart sein 13jähriges Patenkind zum Essen einlud. Er fragte vorher die Mutter des Jungen, Mary Halliday, worüber er mit ihm reden solle. Sie sagte, als Pate sei er für die religiöse Erziehung verantwortlich. Als der Junge zurück kam, fragte ihn seine Mutter: "Worüber hast du denn mit Mr. Bogart geredet?" - "Nicht viel," antwortete der Junge. "Mr. Bogart sagte: ‚Junge, es gibt zwölf Gebote,' und dann bestellte er sich einen Drink."

In den 50er Jahren zählte Bogart zu den bestbezahlten und beliebtesten Hollywoodstars. Er drehte Filme wie "African Queen", "Sabrina", "Die barfüßige Gräfin" und "Schmutziger Lorbeer", gründete seine eigene Produktionsfirma "Santana" - benannt nach seinem Segelboot - engagierte sich für die demokratische Partei und gegen die Hexenjagd des "Komitees für unamerikanische Umtriebe". Humphrey Bogart starb am 14. Januar 1957 an einem Krebsleiden.

In den 60er Jahren entstand ein Bogart-Kult. Die alten Filme wurden in den Studentenkinos von Harvard gezeigt. Die Zuschauer sprachen die Dialoge mit. Das Bild des zynischen Einzelgängers, des coolen Individualisten, des Mannes im Trenchcoat mit Zigarette und Revolver wurde zur Ikone. Bogarts schlagfertige Antworten wurden zitiert, seine sparsame Mimik und seine tiefe Stimme wurden imitiert. Die französischen Regisseure der "nouvelle vague" waren ebenso von ihm fasziniert wie Woody Allen. Zusammen mit den ebenfalls jung gestorbenen Kollegen James Dean und Marilyn Monroe erreichte er den Olymp der "Unsterblichen".

Stephen Bogart hat inzwischen seinen Frieden mit Hollywood gemacht. Er schreibt Krimis mit Titeln wie "Play it again" und "As Time goes by". Manchmal begleitet er seine Mutter auf Veranstaltungen wie die Oscarverleihnung. Und wenn er dann neben der ewig glamourösen Lauren Bacall auf dem roten Teppich steht, sieht er aus wie - na wie wer wohl - wie Bogie.

vh


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Stephen Bogart: "In Search of my Father"
Stephen Bogart was eight years old, when his father died of cancer. Ever since, he had to cope with the early loss - had to endure the comparison with his charismatic father and the bizarre forms of the Bogart cult. Stephen Bogart developed a defensive attitude towards the Bogart legacy. Sometimes fans seem to know his father better than he does. With his book, Stephen Bogart tries to get rid of the beloved phantom - tracing back to his father's early years. He spoke to Bogart's friends - for instance to the actress Katharine Hepburn and to the agent Sam Jaffe - and to his mother Lauren Bacall.

Humphrey DeForest Bogart was born in New York on December 24th 1899. His father was a surgeon and his mother was an illustrator. He won early glory in an ad for Mellins Baby Food. Humphrey Bogart turned out to be a rebellious boy. In 1918, he joined the Navy as a volunteer instead of passing his exams at the Phillips Academy in Andover. When he returned to New York, he got into an acting career by chance. He played juvenile leads on Broadway and went to Hollywood, when there was a need for new actors who were able to play in talkies. His Scotch-and-Chesterfields-voice was his trump. Unfortunately, the studios did not offer him the really interesting parts. Disillusioned with the dream factory, he returned to the Big Apple.

Back in New York, he played the murderer Duke Mantee in "The Petrified Forest" - a huge success. His partner Leslie Howard insisted on Bogart as Mantee for the film version. He got a new chance in Hollywood. Bogart played various gangster parts and cultivated the image of the "tough guy". His relationship to his third wife, the actress Mayo Methot, was highly publicised. The couple was known as "the battling Bogarts". Mayo tried to stab and to shoot her husband, when she was drunk - and she drank even more than Bogie.

Bogart distracted himself with work. He got enthusiastic reviews for his incarnations of the murderer Roy Earle in "High Sierra" and the cynical private eye Sam Spade in "The Maltese Falcon". He played a more romantic part in "Casablanca". And finally, romance entered his life, when he met 19-year old Lauren Bacall in 1944, when they starred in "To Have and Have Not". Bogart and Bacall became Hollywood's most glamorous couple - a couple without scandals - a couple with two children, Stephen and Leslie, and a lot of dogs.

In the 50s, Bogart was one of the most popular and best paid Hollywood stars. He played in "African Queen" - and won an Academy Award for his performance as Charlie Allnut - , "Sabrina", "The Barefoot Contessa" and "The Harder They Fall", produced films, campaigned for the Democratic Party and protested against the "Committee of un-American Activities". Humphrey Bogart died on January 14th 1957.

His films gained cult status. He was quoted and imitated. The French "New Wave" directors were as fascinated by the charismatic actor as Woody Allen was. Bogart's legacy continues. Together with James Dean and Marilyn Monroe - those who died young - he is among the "immortals".

Stephen Bogart made his peace with Hollywood by now. He writes detective novels entitled "Play it again" and "As Time goes by". Sometimes he accompanies his mother to events like the Oscars. And when you see him on the red carpet next to the always glamorous Lauren Bacall, he looks like - guess who - like Bogie.

vh