OKTOBER
2007

 
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"Death Proof - Todsicher"

"Death Proof - Todsicher"
Quentin Tarantino
USA 2007

Als "Grindhouses" wurden Kinos in den USA bezeichnet, die sich auf trashige B-Movies "spezialisiert" hatten. Meist wurden zwei Filme im Doppelpack ("Double Feature") zum Preis von einem gezeigt. Diese Filme überzeugten in der Regel eher durch Quantität denn durch Qualität, ab den 1960er Jahren können sie dem "Exploitation"-Genre zugerechnet werden. Teilweise werden die Begriffe "Grindhouse" und "Exploitation" auch synonym verwendet.

"Since most large urban areas did not have drive-ins, these movies were shown in older theaters that formerly featured burlesque shows which included 'bump and grind' dancing, leading to the term 'grindhouse'. Beginning in the late 1960s and especially during the 1970s, the subject matter of grindhouse films was dominated by explicit sex, violence, bizarre or perverse plot points, and other taboo content." (Wikipedia)

"Insbesondere im Film zeigt sich ein komplexes System von Zweitverwertungen mit fließenden Grenzen vom Schund bis hin zum kulturellen Gegenentwurf. Die 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre waren die Blütezeit des sogenannten Exploitationfilms im Kino. Zu diesen Filmen rechnet man günstig produzierte Filme vornehmlich aus italienischen Studios, die auf den Erfolgswellen amerikanischer 'Sandalenfilme', Western, Polizei-, Sex- und Horrorfilmen mitschwimmen wollten. Exploitation-Produktionen besaßen folglich meist vergleichsweise geringe technische und schauspielerische Standards." (Wikipedia)

Die Kultregisseure Quentin Tarantino und Robert Rodriguez beschlossen nun, dieser Epoche zu huldigen und sie wieder aufleben zu lassen, indem sie ebenfalls ein solches "Double Feature" produzierten. Es besteht aus den zwei Teilen "Planet Terror" (Rodriguez) und "Death Proof" (Tarantino). Beide Teile zusammen tragen den Filmtitel "Grindhouse". Dazu kommen insgesamt fünf "Fake-Trailer" mit so beeindruckenden Titeln wie "Werewolf Women of the SS" oder "Machete", die mit den beiden eigentlichen Filmen nichts zu tun haben, das Exploitationkino jedoch ebenfalls zelebrieren.

Gestaltete es sich schon innerhalb der USA schwierig, das Double Feature "geschlossen" unterzubringen, haben Tarantino und Rodriguez beschlossen, die beiden Teile im Ausland von vornherein nur getrennt in die Kinos zu bringen. "Death Proof" und "Planet Terror" gelten hierzulande daher als zwei unabhängige Werke und werden i.d.R. auch separat besprochen.

Als erster der zwei Teile kam in Deutschland "Death Proof" in die Kinos. Tarantino feiert hier die legendären amerikanischen "Muscle Cars" der 60er und 70er Jahre, selbstbewusste Frauen mit langen Beinen und unbedeckten Füßen (der sich durch nahezu alle Tarantino-Filme ziehende Fußfetischismus wird also auch hier wieder inszeniert) und natürlich eine Film-Ära, in der Stunts noch wirklich ausgeführt wurden und nicht computeranimiert waren.

Hauptprotagonist ist "Stuntman Mike" (Kurt Russell), ein abgehalfterter, psychopathischer Ex-Stuntman. Sein Markenzeichen ist sein Muscle Car, ein 1971er Chevrolet Nova SS, der zum Stuntwagen umgebaut wurde ("death proof"). Als Mike in einer recht ausgelutschten Bar (mit Tarantino als schmalzigem Besitzer und Barkeeper) eintrifft, gilt sein besonderes Augenmerk einer Gruppe junger Frauen um die Radiomoderatorin "Jungle Julia" (Sydney Poitier). Julia will mit ihren beiden Freundinnen Arlene alias "Butterfly" (Vanessa Ferlito) und Shanna (Jordan Ladd) in besagter Bar noch einen draufmachen, bevor es in ein Wochenendhaus in den Bergen gehen soll.

Während man die ersten Drinks kübelt, erzählt Julia von einer "Überraschung", die sie für Butterfly vorbereitet hat: In ihrer Radiosendung hat sie angekündigt, heute mit Butterfly unterwegs zu sein, und diese würde dem ersten Typen, der sie anmacht und ein bestimmtes Gedicht aufsagt, einen Lapdance gewähren. Bei dem Gedicht handelt es sich um einen Auszug aus Robert Frosts "Stopping by Woods on a Snowy Evening", es ist eine Anspielung auf den 70er-Jahre-Thriller "Telefon", wo das Gedicht zur posthypnotischen Aktivierung russischer Schläfer-Agenten über das Telefon diente.

Die Mädchen trinken und feiern, es wird spät. Schließlich sitzen sie draußen auf der Veranda der Bar, als sich Stuntman Mike, der die drei Frauen schon länger beobachtet und belauscht hat, sich zu ihnen gesellt, um den Lapdance von Butterfly zu verlangen, nachdem er ihr das Gedicht vorgetragen hat. Es kommt zum ersten Höhepunkt des Films, als Butterfly in Hotpants und Schlappen zu "Down in Mexico" von den "Coasters" ihren Lapdance durchzieht. Vanessa Ferlito, bisher hauptsächlich als Aiden Burn in "CSI: NY" bekannt (inzwischen wurde ihre Rolle dort rausgeschrieben), versteht es, sich entsprechend lasziv zur Musik zu bewegen. Auffällig ist, dass sie genauso wenig wie Sydney Poitier über Modelmaße verfügt. Zwischen Shirt und Hosenbund lugt ein kleines, aber eben doch deutlich erkennbares Bäuchlein hervor. Tarantinos Inszenierung von Weiblichkeit legt auf Rundungen wert (auch das natürlich eine Exploitation-Tradition).

Danach trennen sich zunächst die Wege von Mike und den drei Frauen. Letztere schließen sich mit einer weiteren Freundin, Lanna Frank (Monica Staggs), zusammen, um mit dem Auto den Weg in die Berge anzutreten. Monica Staggs ist eigentlich professionelle Stuntfahrerin, sie war in "Kill Bill" das Stuntdouble von Daryl Hannah. Relevant ist dies nur insofern, als dass sie nicht die letzte Stuntfahrerin ist, die in "Death Proof" ihren Auftritt als Schauspielerin haben wird.

Stuntman Mike ist inzwischen mit Pam (Rose McGowan), einer weiteren Frau in der Bar, ins Gespräch gekommen. Rose McGowan ist dem Publikum in erster Linie vermutlich aus der Serie "Charmed" bekannt. Während sie in "Death Proof" nur eine verhältnismäßig kleine Rolle hat, bekommt sie in "Planet Terror" ihren großen Auftritt. Als Pam wählt sie bei einer Suche nach einer Mitfahrgelegenheit nun ausgerechnet Mike und seinen "todsicheren" Chevy Nova.

Als Pam das Wageninnere sieht, ist sie zunächst skeptisch. Statt eines echten Sitzes soll sie auf einer Art metallenem Hocker Platz nehmen, die Beifahrerkabine ist zudem mit Acrylglas von der Fahrerseite abgeschottet. Doch Mike nutzt dies geschickt aus: Er argumentiert, so müsse Pam wenigstens keine Angst haben, er würde sie begrapschen.

Es kommt, wie es kommen muss, Pam steigt ein und läuft damit ins Verderben. Denn Mike entpuppt sich nun als waschechter Psychopath. Er schleudert, beschleunigt und bremst mit seinem Auto so stark, dass Pam darin herumgewirbelt wird und "aneckt", bis sie tot ist. Zwar hat man Beifahrer in Filmen schon öfter sterben sehen, indem der Fahrer sie gezielt durch die Windschutzscheibe hat fliegen lassen, dass aber jemand innerhalb des Wagens bleibt, durch den Täter nicht mal berührt wird, und trotzdem stirbt, ist schon eine sehr kreative und perfide Variante.

Doch Mike ist für diese Nacht noch lange nicht fertig. Jetzt will er sich die vier Freundinnen Julia, Butterfly, Shanna und Lanna vorknöpfen, die er, wie sich herausstellt, schon lange beobachtet und "studiert" hat. Er überholt sie unbemerkt, wendet, schaltet das Licht seines Wagens aus, wartet und beschleunigt dann plötzlich direkt auf das ihm entgegenkommende Auto der Frauen zu. Sein Chevy hebt beim Aufprall ab und rasiert faktisch dem Auto der Frauen den kompletten oberen Teil ab. Dank seines speziell ausgerüsteten, "todsicheren" Wagens bricht er sich nur die Nase und bekommt ein paar kleine Blessuren. Die Frauen sind dagegen alle tot. Der Texasranger Earl McGraw und sein Sohn (man kennt beide bereits aus "Kill Bill") vermuten sofort Mord. Doch da Mike in der Bar nur Wasser getrunken hat, die Frauen dagegen alle stark alkoholisiert und bekifft waren, sieht der Senior keine Chance, Mike festzunageln und lässt ihn ziehen.

Im zweiten Teil des Films sieht man Stuntman Mike, wie er sich in Tennessee eine neue Gruppe Frauen als Opfer aussucht. Diesmal hat er es auf die vier Freundinnen Abernathy (Rosario Dawson), Kim (Tracie Thoms), Zoe (Zoe Bell) und Lee (Mary Elizabeth Winstead) abgesehen. Sie fahren ebenfalls ein altes Muscle Car, einen 1973er Ford Mustang Mach 1. Doch das ist der Stuntfahrerin Zoe nicht genug. Sie will sich einen weißen, 1970er Dodge Challenger leihen und zusammen mit Kim, ebenfalls Stuntfahrerin, das "Schiffsmast-Spiel" spielen. Zoe Bell, die sich hier selbst spielt, war in Kill Bill noch das Stuntdouble von Uma Thurman. Tracie Thoms spielt die Stuntfrau dagegen nur, sie ist in der Vergangenheit in erster Linie durch ihre Rolle als Kat Miller in der Krimiserie "Cold Case" aufgefallen.

Beim "Schiffsmast-Spiel" geht es darum, dass eine Person den Wagen mit hohem Tempo fährt, während die andere vorne auf dem Rücken auf der Motorhaube liegt. Vorher stellt man sich jedoch erst einmal aufrecht auf das Dach (daher vermutlich auch "Schiffsmast"). Um dabei keinen Abgang zu machen, hält man sich links und rechts an zwei Gürteln fest, deren Enden im Inneren des Wagens befestigt werden.

Um das durchziehen zu können, müssen die vier Frauen aber erst mal an das Objekt ihrer Begierde kommen, den weißen Dodge Challenger. Sie finden einen potentiellen Verkäufer auf dem Lande, haben aber natürlich nicht vor, den Wagen zu kaufen. Um ihn zu einer Probefahrt zu überreden, lassen Kim, Zoe und Abernathy ihre Freundin Lee als "Pfand" beim Verkäufer zurück. Für eine Filmrolle trägt Lee ein Cheerleader-Kostüm mit der Aufschrift "Vipers" - eine Anspielung auf das "Deadly Viper Assassination Squad" aus Kill Bill.

Für Kim, Zoe und Abernathy steht nun nichts mehr ihrer sehr speziellen Spritztour im Wege - bis auf Stuntman Mike natürlich. Gerade als Zoe sich bei voller Fahrt auf der Motorhaube befindet, taucht Mike mit seinem neuen Auto, einem 1969er Dodge Charger, hinter ihnen auf und fängt an, die Drei zu rammen. Es beginnt eine wilde Verfolgungsjagd, bei der Mike versucht, die drei Freundinnen von der Straße zu drängen.

Schließlich kommen beide Wagen zum Stehen, Mike lacht, bis Kim aus lauter Wut mit ihrem Revolver auf ihn schießt. Die drei Frauen schäumen vor Wut und wollen sich nun ihrerseits Mike vornehmen. Aus dem Jäger wird ein Gejagter. Verletzt muss er seinen Wagen mit einem Arm steuern und schafft es nicht, seine Verfolger abzuschütteln. Er überschlägt sich, kriecht aus dem Auto, winselt um Gnade, doch es gibt keine. Zoe, Kim und Abernathy schlagen und treten ihn zusammen – tödlich, wie Abernathys letzter Tritt suggeriert. Damit endet der Film.

Um auch technisch möglichst nah an einen echten Exploitationfilm heranzukommen, hat Tarantino mit Bildstörungen, Fehlschnitten und fehlenden Filmrollen gearbeitet; ein Zwischenteil des Films ist sogar schwarz-weiß.

Wirklich gelungen ist wie immer bei Tarantino die musikalische Untermalung. Das Haupt-Theme "The Last Race" von Jack Nitzsche und der Klassiker "Baby it's you" von Smith wirken wirklich so, als wären sie extra für den Film geschrieben worden. Hinzu kommen Perlen wie etwa der "japanisch klingende" Song "Chick Habit" von April March oder das melancholische Pianostück "Sally & Jack" von Pino Donaggio, das sehr an den Klassiker "The Lonely Man" von Joseph Harnell aus dem Abspann von "Hulk" (der trashigen Fernsehserie) erinnert.

Natürlich ist "Death Proof" kein feministischer Film, trotzdem durchbricht Tarantino radikal, wie man es nur selten zu sehen bekommt, das klassische "Die-Frau-als-Opfer"-Stereotyp. Der größte Schwachpunkt im Film sind sicherlich die viel zu lang geratenen Dialoge der Frauen über ihre Männerbekanntschaften. Beide im Film auftauchenden Frauengruppen philosophieren über ihr Sexleben und wer wann wo was mit wem hatte bzw. von wem will. Das bringt weder den Film voran, noch dient es wirklich dazu, die Charaktere besser auszubauen. Tarantino unterfüttert den Exploitation-Ansatz hier zu stark mit "Sex and the City".

Ansonsten muss man ihm aber bescheinigen, mal wieder ein echtes Kunstwerk geschaffen zu haben. Sicher, der Inhalt als solcher ließe sich auch bequem in einem Satz zusammenfassen. Wie bei allen Tarantino-Filmen, so sind auch bei diesem die Gewaltexzesse, die scheinbar überbordenden Anspielungen auf die Popkultur, auf das eigene Werk und auf die halbe Filmgeschichte nicht jedermanns Sache. Man muss sicherlich ein Stück weit Tarantinos Leidenschaft für die Filmgeschichte teilen, um seinen Filmen etwas abgewinnen zu können.

Insgesamt ist "Death Proof" ein Film, den man gesehen haben sollte, und bei dem Fans auch beim dritten oder vierten Mal noch neue Details entdecken können.

nw