JUNI
2004

 
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Im Kino: "Troja"
"Troja"
Wolfgang Petersen
USA, 2004

„Troja“ ist zweifellos einer der bildgewaltigsten Filme des Jahres. Dabei blieb die Vorlage schon mal auf der Strecke.

So darf der im Film törichte Paris nicht bloß überleben, sondern anstelle des gekränkten Gottes Apollon gar Achilles, den Mörder seines Bruders, töten; die Priesterin Briseis ihrerseits den unsympathischen und aufbrausenden „Aggressor“ Agamemnon. Daß in altgriechischen Texten angegebene Zahlen von Truppenstärke und dergleichen häufig hoffnungslos überzogen waren, wird zugunsten des beeindruckenden Anblicks aus der Vogelperspektive von mindestens tausend griechischen Schiffen auf dem Weg nach Troja beflissentlich übersehen. Soviel nur zu den auffallendsten Abweichungen.

Macht aber nichts – Wolfgang Petersen muß zugute gehalten werden, daß er den Abspann des Films mit den Worten „Inspiriert durch Homers Ilias“ einläutet. Da ohnehin niemand genau sagen kann, wie es wirklich war, und da auch Homer seinerseits ganz sicher viel hinzugedichtet hat, greift der Film die alte Intention der Sage auf: Unterhaltung für ein breites Publikum.

Bedauerlicherweise kommen moderne Filme offensichtlich nicht mehr ohne das Schema „Gut gegen Böse“ aus. So wird im Film die Griechen, zumindest ihren Anführern, die Rolle der Bösen zugedacht, die auf den harmlosen Scherz des trojanischen Prinzen Paris, die „Entführung“ der nicht eben unwilligen spartanischen Königin Helena, gleich mit geballter Waffengewalt reagieren und ihn zur Durchsetzung ihrer regionalen Machtinteressen aufgreifen. In der klassischen Version überwog bei allem kriegerischen Drumherum doch die Darstellung der Helden und ihrer – teilweise weniger heldenhaften – Taten, und zwar auf beiden Seiten. Auch das arg überstrapazierte Wort „Helden“ wird zu häufig gebraucht, hat in einem Film wie diesem jedoch deutlich mehr Daseinsberechtigung als beispielsweise in vollkommen modernen Werken, in denen stets eine Handvoll meist US-amerikanischer Bürger die Welt retten konnte.

Um die Zuschauer nicht zu überfordern und den Film möglichst übersichtlich zu gestalten, wurden die Charaktere auf die für die Handlung des Films wesentlichen beschränkt, auf viele aus dem Original wurde gleich völlig verzichtet. Auch das ist zu entschuldigen, hat der Film doch auch so schon Überlänge.

Es bleibt dennoch zu hoffen, daß künftig nicht der Film als Maßstab für die Geschichte gelten wird, sondern daß er vielmehr dazu ermuntert, die Ilias selbst zur Hand zu nehmen und nachzulesen, wie die Erzählung bereits vor und seit zweieinhalbtausend Jahren bekannt war.

mp