NOVEMBER
2006

 
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MUSIK


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Erkin in Paris, Mozart im Serail und Smetana an der Moldau



Abgesehen davon, dass sie beide Komponisten waren, haben Ulvi Cemal Erkin und Wolfgang Amadeus Mozart eine Gemeinsamkeit: Beide versuchten, zumindest in einigen ihrer Werke, Charakteristika türkischer Musik mit der westlichen Tradition zu verbinden. Damit aber stehen sie nur stellvertretend für jeweilige Tendenzen ihrer Epoche.

Die Musik des Osmanischen Reiches war unterschiedlichsten Einflüssen, durch islamisch-arabische, jüdische, orientalisch-christliche bis hin zu persischen und indischen Elementen, unterworfen. Grundsätzlich entwickelte sie sich auf zwei Ebenen: Die Kunstmusik am osmanischen Hof, die bereits im Spätmittelalter existierte und ihren letzten Höhepunkt Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte, war der Volksmusik ländlicher Regionen Anatoliens, des Balkans und des Nahen Ostens gegenübergestellt. Die Kunstmusik verwendete Instrumente wie die Laute, Harfe, Zither, Fideln, verschiedene Flöten, Oboe sowie Pauken, Becken und Schellen. Außerdem folgte sie komplizierten Kompositionsprinzipien, die u. a. auf eine siebenstufige Tonleiter in mehreren Tonarten, komplexe rhythmische Muster und anstatt auf Akkorde nur auf Okativierungen und Umspielungen zurückgriffen. Die Volksmusik dagegen bot, teilweise ist sie ja auch bis heute noch zu finden, eine größere melodische Vielfalt und entsprach den verschiedenen Ereignissen des täglichen Lebens.

Mit dieser Fremdartigkeit übte die türkische Musik bereits im 18. Jahrhundert einen gewissen Einfluss auf die europäische Musiktradition aus. V. a. verdanken wir der Janitscharenmusik, die das türkische Heer begleitete, die Einführung von Rhythmusinstrumenten in der Marschmusik. Darüber hinaus aber wurde es Mode, "alla turca" zu komponieren. Die Angst des Abendlandes vor dem Osmanischen Reich war nach der Belagerung Wiens im 17. Jahrhundert und der endgültigen Vertreibung aus Ungarn und weiteren Schlachten einer gewissen Neugier auf das Exotische gewichen. So gibt es z. B. in Mozarts Entführung aus dem Serail einen Janitscharenchor, doch auch in seinem Violinkonzert Nr. 5 versucht er einen türkischen Charakter durch Einstimmigkeit, Dur- und Moll-Wechsel oder übermäßige Intervalle zu imitieren. Auch bei Haydn oder Beethoven (z. B. in "Wellingtons Schlacht bei Vittoria", op. 91) finden sich ähnliche Elemente, die ein Aufgreifen der türkischen Musik, natürlich stark angepasst an europäischen Geschmack und Vorstellungen, aufweisen.

Ungefähr zwei Jahrhunderte später kam es zu einem weiteren Aufschwung der Kombination von westlicher und türkischer Tradition. Dieses Mal jedoch von türkischer Seite. Nach dem Ende des Osmanischen Reichs und der Gründung der türkischen Republik im Jahr 1923 wollte man einerseits der Volksmusik einen höheren Stellenwert geben und sich andererseits auch an der westlichen klassischen Musik orientieren, ohne jedoch den eigenen Charakter aufgeben zu müssen. Deshalb wurden bewusst türkische Musiker in westeuropäische Städte zum Studium entsandt. Die ersten sind bekannt geworden unter dem Namen "Die türkischen Fünf": Cemal Resit Rey, Hasan Ferid Alnar, Ahmet Adnan Saygun, Necil Kâzim Akses und eben Ulvi Cemal Erkin, der in Paris studierte. Er schrieb Werke wie z. B. seine Koçekçe (Tanzrhapsodie für Orchester nach einem traditionellen Hochzeitstanz), in denen er, wie auch seine Kollegen, das türkische Volkslied als Quelle heranzog.

Doch die Förderung von klassischer Musik, die bewusst Anleihen an der volksliedhaften Tradition nimmt, geschah nicht nur in der Türkei. Auch in Tschechien versuchte man im 19. Jahrhundert die Gleichwertigkeit der Nation mit anderen durch die Charakteristik der eigenen Kultur zu demonstrieren. Dies brachte eine Großzahl von Singspielen oder volkstümlichen Opern hervor - man denke nur an "Die verkaufte Braut" von Smetana. Aber auch Stücke, wie Smetanas Zyklus "Mein Vaterland", zu dem auch die berühmte "Moldau" gehört, oder Dvoráks "Slawische Tänze" entstanden. Im Gegensatz zu der der türkischen Tradition verpflichteten Musik des 20. Jahrhunderts konnten diese Werke aber einen größeren Bekanntheitsgrad erlangen.

bk