AUGUST 01
 
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SPRACHE

 

Apostrophenkatastrophen


A-po-stroph, der; von altgriechisch
apo (ab, weg) und strephein (wenden)

siehe auch:
http://members.aol.com/apostrophs

Genaugenommen ist der Apostroph in der deutschen Sprache nicht unbekannt. Noch im 18. und 19. Jahrhundert gab es keine festen Rechtschreibregeln. So wurde anstelle des i am Ende eines Wortes gerne ein y gesetzt oder, Ende des 19. Jahrhunderts, an Wortanfängen ein Th statt eines schlichten T (Thier, Thür, Thee usw.). Ebenso selbstverständlich war es, Apostrophen zur besseren Kenntlichmachung des Genitivs zu verwenden, wie es heute noch im Englischen üblich und uns überdies in manchen alten Firmennamen überliefert ist: „Kaiser's“ ist ein prominentes Beispiel. Auch Schriftsteller wie Thomas Mann gebrauchten ihn fleißig.

Heute erfüllt der Apostroph nur noch zwei Aufgaben: Erstens weist er auf Weglassungen (bzw. Zusammenziehungen) hin, gleich ob bei einzelnen Buchstaben oder mehreren Silben. Zweitens zeigt er den Genitiv bei Wörtern oder Namen an, die in ihrer Aussprache (!) auf s, ss, ß, tz, x, oder z enden – und dann wird er als letztes Zeichen geschrieben, ohne daß noch ein s folgen würde. Wie alle anderen „modernen“ deutschen Schreibregeln gehen auch diese auf die „Staatliche Rechtschreibkonferenz“ von 1901 zurück – und entgegen einer weitverbreiteten Meinung hat nicht einmal die „Rechtschreibreform“ in den 1990er Jahren sie geändert. (Nachtrag: Der „reformierte“ Duden verbietet zwar den Genitiv-Apostroph explizit, verweist aber darauf, daß er „gelegentlich zur Verdeutlichung der Grundform eines Namens verwendet“ würde und liefert ein Beispiel: „Andrea's Blumenecke“. Was denn nun? Ein weiteres Argument für die Blödsinnigkeit der Rechtschreibreform.)

Seit über zehn Jahren sieht man es ständig: Ausgehend von den neuen Bundesländern hat jenes Zeichen seinen Siegeszug angetreten. Ungefähr mit der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1990 tauchte der nahezu ausgestorbene Genitiv-Apostroph wieder aus der Versenkung auf, zunächst – wie schon über 100 Jahre zuvor – in der ehemaligen SBZ in Namen kleiner Betriebe wie „Anne's Trinkhalle“.

Niemand ahnte, welche Ausmaße das Phänomen mit der Zeit annehmen sollte. Auch nicht, als der Plural-Apostroph sich klammheimlich etablieren und die neue Mode sich allmählich nach Westen ausbreiten konnte. Fortan ließen sich „Schnitzel mit Champignon's“ bestellen, „Info's“ zu allen möglichen Themen anfordern oder einfach „Foto's“ entwickeln.

Wirklich schlimm wurde es erst, als es schon viel zu spät war. Hatte sich der Betrachter gerade noch widerwillig damit abgefunden, so konnte zum weiter oben erwähnten Braten plötzlich „Helle's Hefeweizen“ geordert werden und zum Nachtisch „Obs't“ – so beobachtet auf einem Straßenfest und einem Lieferwagen in Berlin.

Daniel Fuchs hat auf seiner Seite http://members.aol.com/apostrophs eine umfangreiche Sammlung von Apostrophenkatastrophen zusammengetragen und eindrucksvoll mit Zeitungsausschnitten und Photographien dokumentiert. Wer mehr (bewiesen) sehen möchte und lange Ladezeiten nicht scheut, dem sei diese Adresse empfohlen. Übrigens – alle Beispiele in diesem Artikel sind zu 100 Prozent authentisch und selbst gesehen worden...

mp