JANUAR
2002

 
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SPRACHE


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Esperanto - Völkerverständigung oder Utopie?

 



 

Links das Symbol der Esperantobewegung

Feedback, wellness und cash. Anglizismen dieser Art sind für nicht wenige Sprachschützer ein rotes Tuch. Sie sehen die Identität ihrer Sprache bedroht. Gleichzeitig hat aber der Gedanke an die weltweite Verbreitung des Englischen verbunden mit dem Aussterben aller anderen Sprachen für einige auf den ersten Blick auch etwas Verlockendes: Wenn alle nur noch eine Sprache sprechen würden, könnte sich jeder mit jedem unterhalten, ohne vorher mühsam Vokabeln gepaukt zu haben.

Allerdings muß man auf den zweiten Blick zugestehen, dass der kulturelle Verlust enorm wäre. Selbst die Möglichkeit, daß Englisch sich bloß als alleinige internationale Verkehrssprache neben den jeweiligen Muttersprachen etabliert, birgt die Ungerechtigkeit eines Vorteils der Anglophonen gegenüber den Sprechern aller anderen Sprachen in sich.

Vor ähnlichen Problemen stand bereits Ende des 19. Jahrhunderts der jüdische Arzt Zamenhof, der in Bialystok im heutigen Polen lebte. Er bekam hautnah mit, wie sich die ethnisch bedingten Feindseligkeiten unter den dort zusammenlebenden Juden, Polen, Russen und Deutschen durch die fehlenden Verständigungsmöglichkeiten – jeder sprach seine eigene Sprache – noch verstärkten. Dies brachte ihn auf die Idee, als Ausweg aus derartigen Situationen eine neutrale Zweitsprache zu konzipieren. Diese sollte die Verständigung unter den verschiedenen Völkern erleichtern, ohne jedoch eine Gruppe zu bevorzugen. 1887 stellte er diese Sprache, die heute unter dem Namen Esperanto (= der Hoffende) bekannt ist, fertig.

Um wirklich dem Ziel einer weltweiten Verständigung dienlich zu sein, sollte Esperanto möglichst leicht zu erlernen sein. Zu diesem Zweck erfand der Arzt eine Grammatik ohne Ausnahmen. Für indoeuropäische Muttersprachler ist auch der Wortschatz nicht allzu schwer zu behalten, da 90% der Wörter aus den romanischen Sprachen abgeleitet sind. In diesem Punkt wurde also zugunsten der Einfachheit die Neutralität gegenüber allen möglichen Lernern zurückgestellt. Dennoch trägt Esperanto auch einige Merkmale nicht indoeuropäischer Sprachen: So werden bei der Verwendung der Wörter im Satz die Wortstämme nicht verändert und es gibt auch keine verschmelzenden Wortbildungsteile.

Außerdem ist durch die zahlreichen und absolut regelmäßigen Wortbildungsmöglichkeiten ein großer Ausdrucksreichtum gewährt: Allein durch die Änderung des Endvokals wird z.B. ein Nomen zum Adjektiv, Wortwurzeln können kombiniert werden und eine Fülle von Vor- und Nachsilben machen Esperanto wahrscheinlich zu einer der produktivsten Sprachen.

Doch wie sieht es mit der Verbreitung dieser Sprache und ihres idealistischen Hintergedankens aus? Heute schätzt man die Sprechergemeinschaft auf ca. 3-10 Millionen Mitglieder. Noch im zweiten Weltkrieg durch den Faschismus, der sich gegen die Idee der grenzenlosen Völkerverständigung sträubte, unterdrückt, hat Esperanto heute fast in aller Welt Anhänger. Vor allem in Osteuropa, in Ländern wie Bulgarien oder Ungarn, wird Esperanto sogar als Fremdsprache an höheren Schulen angeboten, und in China hofft man durch Esperanto, das für Chinesen leichter zu erlernen ist als Englisch, den Zugang zum Wissen der westlichen Industriestaaten zu behalten.

Trotz allem ist Esperanto aber noch weit davon entfernt, ein geläufiges Kommunikationsinstrument zu sein. Sein großer Vorteil, niemanden zu bevorteilen, gereicht ihm nämlich gleichzeitig zum Nachteil: Es findet sich eben auch kein absoluter Verfechter dieser Sprache.

Dennoch kann sich, wer möchte, relativ einfach mit der Sprache vertraut machen. Es gibt Bibliotheken, Musik mit Texten auf Esperanto und kostenlose Sprachkurse übers Internet. Und dann sollte man nicht vergessen, das diese Sprache, obwohl sie künstlich ist, mit ihrer Vision der Völkerverständigung immerhin bereits über 100 Jahre überlebt hat.

bk