SEPTEMBER
2005

 
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Frauensprachen: Wenn der Chinese nur noch Nushu versteht

 

 

Männer kommen vom Mars, Frauen von der Venus, Männer und Frauen sprechen verschiedene Sprachen. In unseren Breitengraden beziehen sich solche Aussagen v. a. auf die unterschiedlichen Strategien und Reaktionen, die Männer und Frauen beim Gebrauch der Sprache und bei der Gesprächsführung aufweisen. Aber im Prinzip sprechen wir doch noch alle deutsch. In Hunan, einer chinesischen Provinz, aber hatte sich in der Tat eine eigene Sprache und Schrift, Nushu, unter den Frauen entwickelt.

Erst in den achtziger Jahren entdeckte man Nushu durch ein Korpus in größerem Rahmen wieder, obwohl es sich um eine sehr alte Sprache und Schrift handelt. Sie entwickelte sich wohl einerseits unter den Frauen, um in gewissem Maße die eingeengte Situation der Frau erträglicher zu machen, indem diese untereinander aussprechen konnten, was eigentlich nicht ausgesprochen werden durfte. Andererseits war es damals hauptsächlich den Männern vorbehalten, schreiben zu lernen und so versuchten die Frauen, sich selbst das Schreiben anzueignen und eine leicht erlernbare Schrift zu entwickeln. So basiert auch Nushu als phonetische Silbenschrift unter Umständen auf der gängigen Hanzi-Schrift, die von den Männern gebraucht wurde und die teilweise von den Frauen abgeschaut wurde. Nötig war dieser schriftliche Austausch wohl aus folgenden Gründen: Da die Region sehr fruchtbar war, genügten die männlichen Arbeitskräfte für die Feldarbeit, die Frauen blieben zu Hause und trafen sich, um Näharbeiten und Stickereien anzufertigen. Daraus entwickelten sich sehr enge Beziehungen unter den Frauen, die wie Schwestern füreinander waren. Allerdings wurden durch Hochzeiten und damit verbundene Umzüge in andere Dörfer immer wieder Schwestern aus ihren Verbünden herausgerissen. Die Schrift erlaubte es nun den Scheidenden in kleinen Büchlein zumindest Lieder und Geschichten mitzugeben.

Durch die zunehmende Alphabetisierung auch der Frauen verlor Nushu an Bedeutung und heute beherrschen nur noch sehr wenige diese harmonisch aussehende Schrift. Allerdings interessiert sich die Forschung inzwischen verstärkt für die Schrift und die teilweise erhaltenen Bücher mit Liedern und Versen. Sie können über die Kultur der Frauen Auskunft geben. So finanziert auch der chinesische Staat Maßnahmen, um die Schrift nicht ins Vergessen geraten zu lassen. In Jianyong gibt es ein Zentrum, in dem einige der Büchlein ausgestellt sind, die den wegziehenden Bräuten mitgegeben wurden, und zwei Lehrer kümmern sich um die Weitergabe der Sprache. Das ganze zieht darüber hinaus Touristen und Investitionen an, ein Museum ist in Planung.

Ein ähnliches Phänomen hat es wohl auch im Japanischen gegeben. Dort existieren mehrere Schriften nebeneinander, darunter die Hiragana-Schrift. Sie vereinfachte bei ihrer Entstehung die chinesischen Manyogana-Schriftzeichen und wurde zunächst ebenfalls v. a. von Frauen verwendet, da diese kaum Zugang zu höherer Bildung, d. h. auch zur chinesischen Sprache und Schrift, hatten. Im Gegensatz zu Nushu wurde die Hiragana-Schrift nach und nach nicht mehr ausschließlich von Frauen verwendet und konnte sich bis heute als eine der japanischen Schriften behaupten. Derartige Kommunikationsmethoden, die Frauen vorbehalten waren oder sind, existieren auch in anderen Kulturen. So etwa bei den Berbern der Kabylei in Algerien. Die spezifische Ornamentik in Keramik und Weberei stellt eine Art Geheimsprache unter den Frauen dar und wird von Mutter zu Tochter weitergegeben, jedoch wohl ohne dass hier eine Benachteiligung der Frauen gegenüber den Männer eine derartige Rolle spielt wie im chinesischen und japanischen Fall. Auch die Frauen der Bemba (Volk im Kongo) geben bei ihrem Initiationsritual für junge Mädchen neben Liedern und Traditionen eine Art Geheimsprache weiter.

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