APRIL 01
 
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SPRACHE

 

Gebärdensprache: Liegt jenseits der Stille ein deutscher Polizeistaat?
Gedanken zur Deutschen Gebärdensprache

www.gehoerlosen-kulturtage.de
www.taubenschlag.de

Daß den Deutschen Obrigkeitsdenken zugeschrieben wird, ist nichts Neues. Aber daß die Deutsche Gebärdensprache (kurz DGS genannt) für die Begriffe "Polizei" und "deutsch" das gleiche Gebärdenzeichen kennt, mag überraschen. Der ausgestreckte Zeigefinger über die Stirn gehalten (Foto) stellt die alte preußische Pickelhaube dar und gilt Gebärdensprachbenutzern als sicheres Symbol für "deutsch" und "Polizei". Einzig beim Mundbild, das wie Mimik, Handform, Handstellung und Bewegung charakteristischer Bestandteil von Gerbärdenkommunikation ist, formen die Lippen ein Unterscheidungsmerkmal. Bei anderen Begriffen weist die DGS ein größeres Nuancenspektrum auf als bei den beiden genannten Begriffen. Für das Verb "trinken" z.B. gibt es in der Deutschen Gebärdensprache zahllose Varianten abhängig davon, wie und was getrunken wird (mit Tasse, Glas, Strohhalm, aus der Flasche). Die Handform greift diese semantische Ebene auf.

Gebärdensprache ist nicht international, wie Laien gemeinläufig annehmen. Jedes Land weist eigene Gebärdensprachen auf. So wird im englischen Sprachraum säuberlich zwischen American Sign Language (ASL) und British Sign Language (BSL) unterschieden.

Historisch steht ASL z.B. der französischen Gebärdensprache (LSF) näher als dem BSL. Laurent Clerc (1786-1869), ein gehörloser Absolvent der traditionsreichen Pariser Gehörlosenschule St.Jacques, importierte sie quasi in die USA, als er Thomas Gallaudet im ausgehenden 18. Jahrhundert über den Atlantik folgte und die beiden damit die amerikanische Gehörlosenpädagogik auf den Weg brachten. Das Leben Clercs hat der Bostoner Psycholinguist Harlan Lane versucht, in Romanform einer breiten Leserschaft nahezubringen.

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist die Zeichensprache der Gehörlosen in der Bundesrepublik Deutschland. Allein in Berlin leben ca. 7000 Gehörlose bzw. Hörgeschädigte, die diese Sprache verwenden. Gebärdensprachkurse finden seit einigen Jahren großen Zulauf und allmählich setzt sich auch eine politische und rechtliche Anerkennung der DGS durch. Bündnis 90 / Die Grünen haben dabei entscheidend mitgewirkt. Im Fernsehen findet sich Gebärdensprache beim Sender Phoenix, der allabendlich die Tagesschau mit Gebärdensprachdolmetscherinnen ausstrahlt, und auf den dritten Programmen in der Sendung "Sehen statt Hören" (produziert vom Bayrischen Rundfunk). An der Universität Hamburg befindet sich das Institut für Deutsche Gebärdensprache. Hier entsteht auch die Quartalszeitschrift DAS ZEICHEN, eine Zeitschrift für Sprache und Kultur Gehörloser (e-mail: Das.Zeichen@sign-lang.uni-hamburg.de).

Im Herbst finden in München die 3. Kulturtage der Gehörlosen statt (Infoservice@gehoerlosen-kulturtage.de oder www.gehoerlosen-kulturtage.de). Hier wird Gebärdensprache als kultureller Ausdruck der sprachlichen Minderheit der Gehörlosen gefeiert. Und als sprachliche Minderheit hoffen viele, daß die Begriffe "taubstumm" und "gehörlos" sich in der deutschen Lautsprache durch den Begriff "taub" ersetzen.

Im Internet findet sich vieles über Gebärdensprache und Gehörlose unter: www.taubenschlag.de.

Wer mit Gebärdensprache lernt in diese Welt einzutauchen, wird feststellen, daß das Leben jenseits der Stille sehr bunt und vielfältig ist.

um


Literaturtips:

Maisch / Wisch: Lexikon der Deutschen Gebärdensprache in 4 Bänden. Hamburg: Verlag hörgeschädigte Kinder (auch auf 2 CD-ROMs).
Harlan Lane: Mit der Seele hören ­ Die Lebensgeschichte des taubstummen Laurent Clerc und sein Kampf um die Anerkennung der Gebärdensprache. München: DTV, 1990.
Olivers Sacks: Stumme Stimmen. Hamburg: Rowohlt Verlag, 1.Aufl. 1990.
Tomas Vollhaber (Hg.): "Die Taubstumme" und andere Erzählungen über Gehörlose. Hamburg: Signum Verlag, 1998.