APRIL
2002

 
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SPRACHE

 

Streng geheim!

Wer von uns hat als Kind nicht schon einmal versucht, eine Geheimsprache zu erfinden oder Texte zu verschlüsseln, z.B. indem man Worte abwandelt, Laute einschiebt oder sich bestimmte Geheimzeichen ausdenkt.

Doch natürlich ist dies nicht nur Kinderspielerei. Mit wirklichen Geheimsprachen beschäftigt sich die internationale Gesellschaft für Sondersprachen. Einer ihrer Forschungsgegenstände ist das Rotwelsche (rot = Bettler, Spielleute, Possenreißer; welsch = Bezeichnung für die romanischen Sprachen und nicht verständliche Redewendungen), die deutsche Gaunersprache. Diese Sprache existiert ungefähr seit Mitte des 13. Jahrhunderts und fasst die eigenen Dialekte einiger reisender Händlergruppen zusammen. Sie dienten zur sozialen Abgrenzung und zur Schaffung eines Zusammengehörigkeitsgefühls, aber auch zur Wahrung der Berufsgeheimnisse der fahrenden Händler. So stammen die Ausdrücke Muffe (Angst), Schmuh (Betrug) oder Maloche (Arbeit), die inzwischen in die allgemeine Umgangssprache übergegangen sind, aus dieser heute so gut wie nicht mehr gesprochenen Geheimsprache.

Eine weitere vom Aussterben bedrohte Geheimsprache ist das Nu Shu. In der Region Jianyong, Provinz Hunan in China verständigten sich ausschließlich Frauen untereinander in dieser Sprache, die die Männer nicht verstanden. Dies stärkte natürlich die dennoch schwache Position der Frauen, denen u.a. der Schulbesuch strikt untersagt war. Die Männer betrachteten diese unliebsame Auflehnung allerdings als Hexerei.

Generell weisen also in gewisser Hinsicht alle Gruppensprachen, die sozialer Abgrenzung dienen, wie z.B. Jugendsprache, Charakterzüge von Geheimsprachen auf. Ein anders gelagerter Fall trat aber im ersten Weltkrieg auf. Hier wurde eine eigentlich völlig normale Sprache zur Geheimsprache: Die Amerikaner setzten nämlich Navaho-Indianer, deren Idiom sehr kompliziert ist und von keinem feindlichen Experten beherrscht wurde, ein, um ihre Militärkommunikation geheim zu halten.
Eine andere Möglichkeit, Botschaften zu übermitteln und dabei unerwünschte Mitwisser zu vermeiden, ist die Kryptographie (gr. kryptos = geheim, graphein = schreiben), also die Verschlüsselung von Nachrichten. Man vermutet, dass schon bald nach der Entstehung der Schriftsprache auch Verschlüsselungen erfunden wurden. Eine der ältesten Techniken ist Atbash. Diese hebräische Geheimschrift kehrt einfach das Alphabet um. So steht also "z" für "a", "y" für "b", usw. Ebenfalls als Substitutionsverfahren funktioniert der von Caesar für seine Korrespondenz mit Cicero erfundene Schlüssel. Jeder Buchstabe im Klartext wir durch den im Alphabet drei Stellen weiter links liegenden Buchstaben ausgetauscht. Solche Methoden sind jedoch durch die Kryptoanalyse relativ leicht zu entschlüsseln. Hierbei können bestimmte Buchstaben aufgrund ihrer signifikanten Häufigkeit (im Deutschen ist z.B. der Vokal "e" mit über 17% Häufigkeit in einem durchschnittlichen Text der meistgebrauchte) identifiziert werden und das reicht, um auf den Rest zu schließen.

Ein wenig kniffliger zu knacken ist da schon die polyalphabetische Verschlüsselung: In diesem Fall wählt man ein Schlüsselwort. Zur ursprünglichen Position im Alphabet wird nun nicht wie bei Caesar ein fester Wert, sondern jeweils die Position des jeweiligen Buchstabens im Schlüsselwort addiert. Ist das Schlüsselwort etwa "Dame", dann muss der erste Buchstabe des Klartextes um vier Stellen im Alphabet verschoben werden ("d" liegt an vierter Stelle im Alphabet), der zweite um eine Stelle (a=1), usw.

Derartige, bzw. raffiniertere Verfahren wurden v.a. in den zwei Weltkriegen verwendet. Die von Deutschland verwendete Verschlüsselungsmaschine "Enigma" arbeitete mit Walzen, die zur Codierung der Buchstaben gegeneinander verdreht und in ihrer Reihenfolge vertauscht wurden. Trotzdem gelang es, auch diese Nachrichten zu entschlüsseln.

Bis heute hat sich die Kryptologie sprunghaft weiterentwickelt. Einfache Schlüssel reichen schon lange nicht mehr aus. Es werden immer ausgefeiltere mathematische und algorithmische Verfahren entwickelt, um die Vertraulichkeit von Kommunikation, Datenspeicherung oder inzwischen schon alltäglich gewordenen rechnergestützten Geschäften wie Internetbanking zu gewährleisten. Ohne Kryptologie und Geheimsprache wäre die moderne Datenkommunikation in der heutigen Form wohl kaum denkbar.

bk